POLITIK
22/09/2015 19:13 CEST | Aktualisiert 23/09/2015 02:38 CEST

Mit diesem krassen Angebot will ein Bürgermeister Menschen in sein Dorf locken – aber nicht alle dürfen kommen

dpa
Manfred Weiner

Im Dorf Ottenstein in Niedersachen leben gerade einmal 990 Menschen. Und es werden jährlich weniger. Denn wer jung ist, zieht für gewöhnlich in die Stadt.

Deswegen droht dem Dorf jetzt nicht nur der Einwohnerschwund – sogar die Grundschule soll geschlossen werden. Laut Prognosen könnte der Ort bis 2035 ein Drittel seiner Einwohner verlieren. Ein Schicksal, das viele Kommunen in Deutschland teilen. Der demografische Wandel macht ihnen zu schaffen.

Aber Ottensteins Bürgermeister Manfred Weiner hat einen ungewöhnlichen Plan, um wieder mehr Menschen in den Ort zu bringen: Er verschenkt Grundstücke. Ein neues Baugebiet mit 10.000 Quadratmetern in bester Lage und mit Fernblick soll junge Familien anlocken. Mit dieser Strategie will der 71-Jährige gegen die schwierigen demografischen Entwicklungen angehen - und seinen Ort zukünftig wieder für mehr Menschen attraktiv machen.

Im Gespräch mit der Huffington Post erzählt CDU-Bürgermeister Manfred Weiner, wie er auf diese ungewöhnliche Idee kam und warum junge Menschen gerade in sein kleines Dorf ziehen sollten.

Huffington Post: Herr Weiner, wie sieht der optimale Zugezogene aus?

Manfred Weiner: Er ist jung, mit Kindern und bis 40 Jahre. Genau diese Menschen bewerben sich auch für ein Grundstück. Denn es ist bekannt, dass wir nur solche Menschen suchen, um der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken.

Auch alte und alleinstehende Menschen wollen in ihrer Gemeinde leben. Die haben Pech gehabt?

Ja, die schließen wir aus. Der Gemeinderat hat Richtlinien aufgestellt, dass junge Menschen mit Kindern bevorzugt ausgewählt werden. Für ältere Menschen planen wir ein anderes Projekt zur Integration in die Gemeinschaft. Schließlich brauchen wir hier Jung und Alt.

Warum stellen Sie die Bauflächen nicht Flüchtlingen zur Verfügung?

Das wird kaum funktionieren, da auch ein gewisses Kapital nötig ist. Außerdem muss nach spätestens zwei Jahren mit dem Bau begonnen werden. Diese finanzielle Grundlage werden Flüchtlinge nicht haben. Aber dafür haben wir dem Landrat die freien Wohnungen gemeldet, in die Flüchtlinge einziehen könnten. Außerdem hat einer der Bewerber für ein Grundstück Migrationshintergrund.

Und eine Flüchtlingsfamilie mit genügend Kapital?

Die hätte natürlich die Möglichkeit, bei uns einen Bauplatz zu bekommen.

Was ist der nächste Schritt, nachdem Familien Interesse bekundet haben?

Inzwischen sind es acht Familien, die wir ausgewählt haben. Kommende Woche werden sich alle treffen und kennenlernen. Im nächsten Frühjahr können sie dann direkt mit dem Bau loslegen.

Was passiert, wenn die neuen einfach Eigentümer nicht bauen?

Spätestens nach zwei Jahren müssen sie bauen, nach vier Jahren einziehen – und mindestens zehn Jahre in Ottenstein wohnen. Wenn das nicht passiert, wird das Grundstück an die Gemeinde zurückübereignet. Wir wollen hier keine Spekulanten haben.

Dürfen Sie gesetzlich einfach so Grundstücke verschenken?

Alle Leute sagten mir anfangs, ich hätte nicht alle Tassen im Schrank. Ich hab die Aktion im Januar gestartet – und die Zwischenzeit genutzt um herauszufinden, ob ich das überhaupt darf. Wenn ich so verschuldet wäre, wie andere Kommunen, dann wäre aus der Idee nichts geworden. Aber ich bin in den 39 Jahren als Bürgermeister mit dem Geld wie mit meinem eigenen umgegangen. Deswegen klappte alles.

Was nutzt jungen Menschen ein Grundstück in einem kleinen und langweiligen Ort?

Der Ort ist überhaupt nicht langweilig. Wir haben eine Infrastruktur wie kaum ein anderes Dorf in dieser Größe: Ärzte, Gaststätten, Vereine und ein vielfältiges kulturelles Angebot. Hier kann es niemanden langweilig werden. Auch nicht den jungen Familien.

Wenn Ottenstein so attraktiv ist, warum verschenken Sie dann Grundstücke?

Uns wurde ein Einwohnerschwund von 35 Prozent bis zum Jahr 2035 vorausgesagt. Ich denke vorausschauend gegen diese Entwicklung. Dafür haben wir den Bewerbern auch gezeigt, welche attraktiven Arbeitgeber es in der Umgebung gibt.

Was können andere Gemeinden von ihrer ungewöhnlichen Idee lernen?

Man kann sich ein Beispiel daran nehmen. Leider gibt es bislang keine Nachahmer. Aber Neider: Die Nachbarkommunen gönnen uns das nicht. Aber wir versuchen hier, gemeinsam was für die Zukunft was zu unternehmen – mit den Menschen zusammen.

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