WIRTSCHAFT
22/09/2015 04:15 CEST | Aktualisiert 22/09/2015 06:59 CEST

Nach dem VW-Skandal steht die Auto-Branche unter Verdacht. Wer hat noch geschummelt?

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VW-Autos auf der IAA in Frankfurt

In den USA entrollt sich ein Skandal um Lügen, um Geheimnisse, um Taschenspielertricks. Der Wolfsburger Autobauer hat mit Softwaremanipulationen an seinen Dieselautos bei Tests in den USA die Abgaswerte auf glänzend aussehende Zahlen heruntergeregelt. "Greenwashing" heißt diese Praxis. Unternehmen, die dabei erwischt werden, ist ein bleibender Imageverlust sicher.

Je länger die Abgas-Affäre in der Welt ist, desto mehr schmutzige Details werden bekannt: Es geht womöglich nicht nur um Dieselmodelle. Und vor allem geht es nicht mehr nur um VW. Alle deutschen Hersteller müssten nun prüfen, ob die Abgaswerte anderer Modelle betroffen seien, sagte ein Staatssekretär von Verkehrsminister Alexander Dobrindt gestern. Das ist Zeichen eines sehr plötzlich sehr tief sitzenden Misstrauens: Wenn VW geschummelt hat, wer dann noch?

Noch betrifft die Affäre um Manipulationen an VW-Dieselautos nur die USA. Nach Einschätzung des Auto Club Europa (ACE) könnte sich dies aber ändern. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Hersteller auch hierzulande spezielle Software nur für die Abgastests einsetzen, um die Klimabilanz zu beschönigen", sagte ACE-Sprecher Klaus-Michael Schaal der DPA. Das habe mit den tatsächlichen Abgaswerten des Autos im Alltagsverkehr aber rein gar nichts mehr zu tun. "Das ist systematische Verbrauchertäuschung, die weit verbreitet ist und schon lange praktiziert wird."

Der ACE bezieht sich mit seinen Vorwürfen auf eigene Studien. Nach dem ADAC ist die Organisation nach eigenen Angaben mit rund 600.000 Mitgliedern der zweitgrößte Automobilclub in Deutschland.

Der Bluff hat System. Nach Darstellung des Sprechers ist das komplette Prüfsystem für Verbrauchs- und Abgaswerte bei Autos problematisch. Schließlich könnten die Hersteller für die Messwert-Tests unter Laborbedingungen etwa Reifen mit extrem niedrigem Rollwiderstand nutzen oder den Luftdruck so weit erhöhen, wie man dies in der Realität nie tun würde. Solche Tricks seien zwar nicht illegal - aber sie fielen letztlich in einen Graubereich und seien realitätsfern.

Nicht nur die Umweltbehörden, sondern auch die Kunden werden getäuscht. "Für Kunden ist das eine Mogelpackung, schließlich ärgern die sich dann beispielsweise über einen Verbrauch von sechs Litern pro 100 Kilometer anstatt wie vom Hersteller angegeben nur 4,5 Litern." Er appellierte an die Hersteller, solche Tricks endlich aufzugeben.

Beschönigung ist eine Sache - Betrug eine andere. Die automatischen Softwareprogramme wiederum seien "ganz klar Täuschung", sagte Schaal. Hierbei erkennt der Bordcomputer, wenn der Motor nur unter Laborbedingungen läuft. Dann schaltet er in einen Spritspar-Modus für möglichst niedrige Abgaswerte um.

Auch andere Verbände werfen der ganzen Branche Täuschung vor. Es sei naheliegend, "dass neben VW auch andere Hersteller manipulieren - und zwar auch in Europa", sagte Leif Miller vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Auch der ökologische Verkehrsclub VCD sieht in VW nur "die Spitze des Eisbergs". Der VCD hat den Verdacht, dass die Abgaswerte bei offiziellen Tests viel niedriger sind als im realen Verkehr schon 2013 geäußert und in den Folgejahren immer wieder Nachprüfungen gefordert, erklärte der Verein am Montag.

Besonders heftige Kritik kommt von der deutschen Umwelthilfe. Laut deren Hauptgeschäftsführer Jürgen Resch stellen auch andere deutsche Hersteller ihre Fahrzeuge so ein, dass sie Stickstoffdioxid-Grenzwerte im Test einhalten, auf der Straße aber mehr davon ausstoßen. Das sagte er im Gespräch mit der "Stuttgarter Zeitung".

Das sei üblich in der Branche. "Auch die in Stuttgart ansässigen Hersteller programmieren ihre Autos so, dass diese erkennen, wenn Sie auf einem Abgasprüfstand stehen. Nur dann halten Sie die Grenzwerte ein“, sagte Resch gegenüber der Zeitung. Dieses Problem gebe es auch bei BMW, Mercedes, Ford und Opel. Die Deutsche Umwelthilfe behauptet, dass sie die US-Umweltbehörde auf die Manipulationen der Abgaskatalysatoren deutscher Hersteller aufmerksam gemacht habe.

Daimler, Porsche und BMW wehrten sich gegen die Vorwürfe. Ein Daimler-Sprecher kritisiert Resch gegenüber der "Stuttgarter Zeitung": Der führe einen "Feldzug gegen die Automobilindustrie". Trotzdem ist eines sicher: Der Skandal hat das Ansehen der ganzen Branche beschädigt.

Die Autobauer werden viele Fragen zu beantworten haben.

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