WIRTSCHAFT
19/09/2015 08:14 CEST

Die Arbeitslosen von morgen? So viel bringen die Flüchtlinge dem deutschen Arbeitsmarkt wirklich

dpa
Flüchtlinge müssen in Lohn und Brot gebracht werden. Kann das gelingen?

Sie kommen in Massen und hoffen auf ein besseres Leben - in dem Land, das Arbeit und Wohlstand verspricht: Deutschland. Doch was passiert mit der deutschen Wirtschaft, was mit unseren Sozialsystemen?

Fakt ist: Die Versorgung der Flüchtlinge ist teuer. Zehn Milliarden Euro kosten Unterbringung und Verpflegung der Neuankömmlinge in diesem Jahr. Drei Milliarden Euro werden nötig sein, um Arbeitslosengeld und Jobvermittler zu bezahlen. Auf dem Arbeitsmarkt scheint die Situation schwer zu sein: 15 Monate lang müssen Flüchtlinge bei Jobangeboten EU-Bürgern den Vorrang lassen.

Andererseits fehlen Arbeitskräfte in Deutschland. Eine Lücke, die Asylsuchende ausfüllen könnten. Immerhin sollen nach einer Berechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) 290.000 Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt kommen.

Angesichts vieler, auch verzerrter, Meinungen ist es nicht leicht, durchzublicken. Zieht Deutschland hauptsächlich Menschen an, die als Arbeitslose enden werden? Oder kommen über die Grenze die Facharbeiter von morgen? Das sind die Argumente von Experten:

Viele Flüchtlinge werden arbeitslos sein

Durch Flüchtlinge steigen im kommenden Jahr die Arbeitslosenzahlen, wenn Deutschland nicht größte Mühen bei der Integration aufbringt. Das sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, der "FAZ": "Die Ankunft von Hunderttausenden ist zunächst einmal eine Belastung für den Arbeitsmarkt." Viele Flüchtlinge sprechen nicht ausreichend Deutsch oder sind zu schlecht ausgebildet, um schnell in eine sichere Anstellung zu kommen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles nannte vor einer Woche Zahlen: Nicht einmal jeder zehnte Flüchtling bringe die Voraussetzungen mit, direkt in Ausbildung oder Job vermittelt zu werden. Zudem bestehe die Masse an Asylsuchenden längst nicht nur aus Hochqualifizierten: "Der syrische Arzt ist nicht der Normalfall."

Tatsächlich haben viele Neuankömmlinge schlechte Aussichten: Mehr als die Hälfte von ihnen hat nach Erhebungen der Arbeitsagentur keine abgeschlossene Berufsausbildung. Mit einem Studienabschluss sind ein Siebtel bis ein Viertel ausgestattet - doch diese Diplome müssen in Deutschland erst einmal anerkannt werden. Behördenchef Weise: "Die vielen Geringqualifizierten bringen mehr Druck in die Arbeitswelt."

Nehmen die Flüchtlinge also "den Deutschen die Arbeitsplätze weg"? Nun, dafür müssten sie erst einmal in Jobs vermittelt werden. Doch in den Jobcentern der Republik fehlen derzeit 3000 Vermittler. Flüchtlinge müssen sich also darauf einstellen, lange zu warten und in dieser Zeit Sozialleistungen zu beziehen.

Die Flüchtlinge sind unsere große Chance

Der Flüchtlingsstrom sei "verkraftbar", die Arbeitslosigkeit werde allenfalls unwesentlich ansteigen, sagt der Konjunkturökonom Ferdinand Fichtner vom DIW, wie die "Welt" berichtet. Statistiken des Instituts zufolge bringen die Zuwanderer nicht nur keinen Schaden, sondern stattdessen einen erheblichen Vorteil für die Wirtschaft: Schon im kommenden Jahr werden die Flüchtlinge wohl einen Viertelprozentpunkt zum Wirtschaftswachstum beitragen.

Und nun zum Thema "Arbeitsplätze wegnehmen": Bevor das geschieht, müssen erst einmal die vorhandenen offenen Stellen besetzt werden. Davon gibt es derzeit mehr als eine halbe Million - so viele wie seit 42 Jahren nicht mehr.

Die Zahl arbeitsfähiger Deutscher wird weiter schrumpfen, die Menge an unbesetzten Arbeitsplätzen also steigen. Zumindest die bislang in Deutschland angekommenen Flüchtlinge ließen sich zufriedenstellend vermitteln, sagt Arbeitsagentur-Chef Weise. Für die vielen, die nachkommen, müssen eben mehr Vermittler her.

Einigen Einwanderern mangelt es an Qualifikation, doch das muss nicht einmal ein Nachteil sein. Berufsabschlüsse lassen sich nachholen, vor allem im jungen Alter. 80 Prozent der Neuankömmlinge sind jünger als 35 Jahre. An Potential fehlt es nicht.

Natürlich kostet es Geld, Flüchtlinge auszubilden. DIW-Forscher Fichtner weist allerdings darauf hin, dass in dieser wirtschaftlich starken Zeit Mittel zur Verfügung stehen: "Jetzt sind die finanziellen Spielräume zur Integration der Flüchtlinge vorhanden", sagte er.

Fazit: Flüchtlinge können uns nutzen

Wenn sich niemand anstrengt, dann finden die Flüchtlinge in Deutschland zwar Schutz, aber keine Arbeit. Wenn jetzt einiges geschieht, können die Einwanderer der Bundesrepublik aber klar messbaren Nutzen erweisen. Wer keinen Beruf beherrscht, braucht eine Ausbildung. Wer ausgebildet ist, muss vermittelt werden. An Arbeitsplätzen fehlt es nicht, nur an Beamten, die die Flüchtlinge dorthin lotsen. Viele Unternehmen haben bereits signalisiert, dass sie gern Flüchtlinge einstellen werden. Kommt es dazu, dann zahlt sich fast jeder Flüchtling für Deutschland aus.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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