POLITIK
18/09/2015 05:08 CEST

Geliebter Feind: 4 Gründe, warum in Berlin alle auf einen Wahlsieg von Tsipras hoffen

Alexis Tsipras während des Wahlkampfs
AP
Alexis Tsipras während des Wahlkampfs

Es sind nur noch drei Tage bis zur Wahl in Griechenland. Zum zweiten Mal in acht Monaten werden die Griechen an diesem Sonntag an die Wahlrunen gerufen. Sie müssen sich entscheiden, wer das Land durch die noch schwierigeren Zeiten führen soll, die das neue Sparprogramm mit sich bringt: der linke frühere Amtsinhaber Alexis Tsipras mit seiner Syriza-Partei oder die Konservativen der Nea Dimokratia (ND) unter ihrem Chef Evangelos Meimarakis.

In Bundestag und im Kanzleramt werden diesmal ganz viele Tsipras die Daumen drücken. In Europa und in den Hauptstädten viele, die sich zumindest wünschen, dass er an der neuen Regierung beteiligt ist. Natürlich sagt das keiner so - denn sie würden ihm einen Bärendienst erweisen. Doch hinter geschlossenen Türen wünschen sich viele einen Sieg des Syriza-Führers - nicht nur in der SPD, sondern auch in der CDU.

Was ist passiert? Hier vier Gründe, warum Berlin sich Tsipras zurückwünscht.

1. Tsipras hat einen Wandel vom linken Populisten zum Staatsmann gemacht

Aus dem früheren Euro-Schreck ist zwar noch kein Reformator geworden, aber es deutet doch viel darauf hin, dass er zumindest ein Staatsmann werden könnte, der sich an die gegebenen Versprechen auch hält. Als er im Januar antrat, wollte er das Sparprogramm rückgängig machen. Er verhandelte mit den Geldgebern, vollzog dann eine Kehrtwende, als es schon nach Einigung aussah, und fragte die Griechen in einem Referendum, ob sie das von den Gläubigern vorgeschlagene Maßnahmenpaket akzeptieren oder nicht. Fast 62 Prozent lehnten es ab. Was machte Tsipras? Er stimmte neuen, noch härteren Auflagen zu. Die Renten und die Löhne wollte er erhöhen. Sie wurden gekürzt. Er startete als Idealist und wandelte sich immer mehr zum gewieften Machtpolitiker.

2. Die Wahl ist eine Gelegenheit, die Hardliner loszuwerden

Viele sehen in den Neuwahlen vor allem ein geschicktes Manöver von Tsipras, um Querulanten in der eigenen Partei und der Koalition loszuwerden. Tsipras’ bisheriger Koalitionspartner, die rechtsgerichteten unabhängigen Griechen (Anel), bereiteten ihm mit ihren nationalistischen Ausbrüchen vor allem Kopfschmerzen. Nun sieht alles danach aus, dass sie an der Drei-Prozent-Hürde scheitern werden - er ist sie elegant losgeworden.

Die Syriza-Hardliner warfen Tsipras vor, entgegen seinen Wahlversprechen in die von den Geldgebern verlangten Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen eingewilligt zu haben - und spalteten sich kurzentschlossen ab. Eine Syriza ohne linke Extremisten und ohne ihren rechten Koalitionspartner könnte für Brüssel und Berlin zu einem nützlichen Partner bei der Umsetzung von Reformen werde.

3. Keiner der Favoriten wird eine absolute Mehrheit bekommen - das könne eine Chance sein

Alle Umfragen deuten auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin von Syriza und Nea Dimokratia hin. Keinem von beiden dürfte es gelingen, die absolute Mehrheit zu erzielen. Egal, wer am Ende vorne liegt, er wird auf die Zusammenarbeit mit anderen politischen Kräften angewiesen sein. Sollte sich ein solches Ergebnis bestätigen, wäre das nach Einschätzung von Demoskopen ein klares Signal der griechischen Wähler an die beiden Spitzenpolitiker: Kooperiert! Aber ist das möglich?

Hier gehen die Ansichten der beiden Parteien zumindest vorläufig auseinander. Tsipras lehnt eine große Koalition mit der Nea Dimokratia ab. "Entweder wird es eine progressive oder eine konservative Regierung geben", gab er sich kämpferisch. Er hat eine Zusammenarbeit mit den Sozialisten und der Partei der politischen Mitte To Potami angedeutet. Die Nea Dimokratia hingegen zeigt sich offen vor eine Koalition mit Syriza.

Etwa jeder dritte Grieche sprach sich in Umfragen für die Bildung einer großen Koalition aus, 25,9 Prozent forderten zusätzlich die Beteiligung anderer gemäßigter Parteien. Theodore Couloumbis, Politikwissenschaftler an der Universität von Athen, sagt: "Das wahrscheinlichste Ergebnis ist eine Koalitionsregierung mit zwei, drei oder vier beteiligten Parteien." Und vielleicht ist über eine Koaltion von Nea Dimokratia und Syriza nicht das letzte Wort gesprochen. Es wäre nicht das erste Mal, das Tsipras eine 180-Grad-Wende vollzieht. Eines ist sicher: Für Brüssel wäre eine große Koalition das Ideale Ergebnis der Wahl.

4. Keiner möchte, dass die Morgenröte politisch an Einfluss gewinnt

Jeder weiß, dass die Zusammensetzung des neuen Parlaments wichtig für den Erfolg des Hilfsprogramms sein wird. Eine Stärkung von Tsipras' Gegnern, solcher wie der Volkseinheit, der Kommunistischen Partei oder der rechtsextremen Goldenen Morgenröte, könnten Syriza schrittweise davon abbringen, die Reformen anzugehen. Stattdessen könnten sie wieder infrage gestellt werden. Und das wiederum könnte zu einem neuen Zusammenstoß und einer neuen Krise mit den internationalen Geldgebern führen.

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