POLITIK
17/09/2015 17:25 CEST | Aktualisiert 17/09/2015 17:34 CEST

"Jetzt oder nie" - warum der Flüchtingsandrang auf Kroatien erst beginnt

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Wenn Stacheldraht das neue Drohmittel in Europa ist, dann ist Horgos so etwas wie das Epizentrum der jüngsten EU-Balgerei. Zumindest war es das bisher.

Das kleine ungarische Dorf an der Grenze zu Serbien ist seit Wochen Hauptschauplatz der Flüchtlingskrise in Europa. Nachdem Ungarns Regierungschef Viktor Orbán Anfang der Woche die letzte Lücke an seinem 170 Kilometer langen Zaun an der Grenze zu Serbien geschlossen hatte, entbrannte hier, mitten im Niemandsland, ein Kleinkrieg.

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Am Mittwoch eskalierte die Lage am serbisch-ungarischen Grenzübergang. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen ungarischen Polizisten und Flüchtlingen. (Credit: Christoph Asche/HuffPost)

Die Flüchtlinge, die es bis Ungarn geschafft hatten, wollten weiterziehen in Richtung Westen. Orbáns Nato-Draht machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Gefrustet vom Warten attackierten sie die Polizei, der Staat fuhr Wasserwerfer und gepanzerte Fahrzeuge auf. Die Bilder traumatisierter Kinder gingen um die Welt.

Am Donnerstag, wenige Stunden nach der Eskalation an der serbisch-ungarischen Grenze, hat sich die Lage wieder beruhigt.

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Viele Flüchtlinge haben das „Camp“ in Horgos am Donnerstag bereits verlassen. Diese Familie hat sich in den Schatten gelegt – unter ihnen oft nur ein Stück Pappe oder eine Decke. (Credit: Christoph Asche/HuffPost)

Familien liegen mit ihren Kindern auf dem heißen Asphalt, eine Gruppe junger Syrer spielt zwischen Müllbergen und einem alten Schlagbaum Fußball und freiwillige Helfer von der Caritas beantworten geduldig Fragen.

Die ungarischen Behörden, am Vortag noch heftig unter Beschuss, haben in der Nacht zum Donnerstag offenbar darum gebeten, dass serbische Polizisten den Zaun bewachen. Das klappt, weil die Flüchtlinge die serbischen Beamten respektieren.

Doch ereignislos ist dieser Tag keineswegs. Im Gegenteil: Vermutlich wird er die Flüchtlingspolitik anderer EU-Staaten in den kommenden Tagen massiv beeinflussen.

Das liegt daran, dass das „Camp“, wie viele Flüchtlinge das Gebiet am Grenzübergang Horgos-Röszke nennen, vermutlich noch am Donnerstagabend geräumt sein wird.

Belgrad schickt Busse, um Flüchtlinge weiterzutransportieren

„Heute morgen war ein Vertreter der serbischen Regierung hier, der hat uns gesagt, dass Belgrad heute so viele Busse wie möglich schickt, um die Flüchtlinge weiterzutransportieren“, sagt Phillip Metzger, Vorsitzender von „Golgota“, der wichtigsten Ehrenamt-Organisation vor Ort. Metzger war mit seinen Leuten schon in Horgos, bevor der große Flüchtlingsstrom kam. „Ohne uns gäbe es das hier alles nicht“, sagt er sichtlich stolz.

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Phillip Metzger und Lajos Bánki aus Budapest waren vom ersten Tag an als ehrenamtliche Helfer dabei, als Flüchtlinge an den Grenzübergang Horgos-Röszke kamen. (Credit: Christoph Asche/HuffPost)

In den kommenden Tagen, wenn die großen Aufräumarbeiten beginnen, werden die Flüchtlinge schon lange weg sein. Einige hatten sich in den vergangenen Tagen bereits auf den Weg Richtung Kroatien gemacht – dem neuen Ort der Hoffnung.

Auch die Busse der serbischen Regierung, die am Donnerstag im 30-Minuten-Takt in Horgos ankommen, fahren die Flüchtlinge an die kroatische Grenze. Viele Fahrer haben Schilder mit der Aufschrift „Bezdan“ auf die Innenseite ihrer Windschutzscheibe geklebt. Die meisten der Menschen, die sich in die Busse quetschen, dürften keine Ahnung haben, wo Bezdan liegt. Es ist ihnen auch egal. Nur wer in Bewegung ist, kommt vorwärts.

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Dutzende Busse haben am Donnerstag Flüchtlinge in Horgos abgeholt. Ihr Ziel: Die serbische Grenzgemeinde Bezdan. (Credit: Christoph Asche/HuffPost)

„Jetzt oder nie“, sagt ein junger Iraker auf die Frage, was er sich von der Fahrt verspreche. „Wir können nicht ewig hier rumsitzen, vielleicht ist das unsere letzte Chance.“ Ob die Fahrt an die kroatische Grenze wirklich seine letzte Chance ist, ist unklar.

Klar ist nur, dass auch der neue Korridor über das jüngste EU-Mitglied längst kein Selbstläufer mehr ist. Rund 8000 Flüchtlinge haben Kroatien innerhalb kürzester Zeit erreicht – offenbar zu viel für das Land.

"Wir können keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen", kündigte Innenminister Ranko Ostojic am Donnerstag an – einen Tag, nachdem die ersten Flüchtlinge eingetroffen waren. Und auch Regierungschef Zoran Milanovic, in den vergangenen Tagen noch optimistisch, sagte: "Ich weiß nicht, ob wir alle registrieren können. Das kann ich nicht garantieren. Es gibt Grenzen unserer Kapazität."

Am Straßenrand sammeln Taxifahrer die entkräfteten Männer und Frauen auf

Die Kapazität vieler serbischer Taxifahrer hingegen scheint dieser Tage unbegrenzt zu sein. Der Eindruck entsteht zumindest, wenn man die Landstraße entlang fährt, die vom „Camp“ wegführt. Viele Flüchtlinge wollten nicht länger auf die Busse warten und haben sich zu Fuß auf den Weg in die 100.000-Einwohner-Stadt Subotica gemacht, die einen 6-Stunden-Marsch entfernt ist. Von dort wollen die meisten weiter an die kroatische Grenze.

Immer wieder sieht man am Straßenrand völlig entkräftete Männer und Frauen, die leichte Beute für die Taxifahrer sind. Wie viel Geld sie am Ende der Fahrt von den Flüchtlingen verlangen, weiß niemand so genau.

Es scheint, als habe in Horgos der Exodus begonnen. Die gespenstischen Szenen an Orbáns Zaun gehören jetzt der Vergangenheit an – könnte man vermuten.

Doch die Wahrheit ist: Bilder von frustrierten jungen Männern, blutenden Kindern und wütenden Müttern wird es auch weiterhin geben. Sie kommen jetzt nur nicht mehr aus Horgos.

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