POLITIK
17/09/2015 04:01 CEST | Aktualisiert 17/09/2015 04:04 CEST

30 Stunden undercover in einem Hamburger Flüchtlingsheim

Fabian Köhler / FOL
30 Stunden undercover in einem Hamburger Flüchtlingsheim

In Hamburg leben hunderte Flüchtlinge in überfüllten Zelten. Ohne Strom, Heizung und ausreichend Toiletten. Und ohne Informationen, wie es mit ihnen weiter geht. Focus Online-Autor Fabian Köhler war undercover in der Erstaufnahmeeinrichtung in Hamburg-Wilhelmsburg.

Es könnte ein schöner Spätsommertag sein, hier auf dem Campingplatz in der Hamburger Dratelnstraße. Wären da nicht die Wespen, die vom Müllhaufen nebenan zu Dutzenden einen Abstecher vor eines der Zelte machen würden. Gäbe es unter den Bewohnern überhaupt jemanden, der Lust auf Campen hat. Wäre der Campingplatz in Hamburg-Wilhelsmburg nicht in Wahrheit eine Erstaufnahmelager für Flüchtlinge.

Zelte und Wohncontainer für Flüchtlinge

Innerhalb weniger Wochen haben die Behörden der Stadt den Parkplatz der ehemaligen Gartenschau in ein Flüchtlingslager verwandelt. Auf dem einen Teil reihen sich ein paar Dutzend Zelte hintereinander. Auf dem anderen stapeln sich Wohncontainer.

Im Westen trennt ein Bauzaun die spielenden Kinder vom Autobahn-Zubringer. Im Norden parken die LKW einer Transportspedition. Mehr als 1500 Menschen sind hier untergebracht, viele aus dem Kosovo, Afghanistan oder Eritrea. Die meisten kommen aber aus Syrien und dem Irak. Rund die Hälfte von ihnen lebt in Zelten.

Anstehen und Warten: Der Alltag der Flüchtlinge

Ein Schlauchboot brachte den 26-jährigen Syrer Nour über die Ägais von der Türkei nach Griechenland. Zu Fuß durchlief er den Balkan. Deutschland sah er das erste Mal aus dem Laderaum eines Kleinlasters.

Jetzt steht er mit seiner kleinen grünen Tüte in der langen Schlange vor dem Waschcontainer. „Entweder wir stehen für die Wäsche an oder für das Essen oder für die Toilette oder für den Arzt. Aber meistens warten wir darauf, dass uns irgendjemand sagt, wie es weitergeht“, sagt Nour, dessen Flucht aus dem zerstörten Idlib vor vier Wochen begann.

„Weil uns niemand sagt, was mit uns passiert“, haben er und ein paar Dutzende andere Bewohner des Lagers am Tag zuvor einen Sitzstreik auf der Dratelnstraße organisiert. Ob es etwas gebracht hat? „Natürlich nicht.“

Informationen darüber, wann es zur obligatorischen Blut- und Röntgenuntersuchung geht oder wie lange sie hier noch bleiben müssen, verteilen sich nur gerüchteweise unter den Bewohnern. Ab und zu schlendern zwei Männer einer Sicherheitsfirma durch das Lager. Im Waschcontainer überwacht ein Wachmann die Waschmaschinen.

Nur wenige Betreuer sind zu sehen

Im Empfangscontainer kontrollieren zwei Mitarbeiter des Betreibers „fördern und wohnen“ die Ausweise der Flüchtlinge. Zu Mittag verteilen drei Ehrenamtliche Essen auf Pappgeschirr. Mehr sichtbare Betreuung für die über 1500 Menschen gibt es nicht.

„Alle fünf Stunden“, sagt eine ehrenamtliche Helferin, würden die Toiletten gereinigt. Doch der Boden des WC wird auch noch am nächsten Morgen von einer Mischung aus Urin, Zeltstoff und Matsch bedeckt sein.

Die ärztliche Versorgung ist schlecht

24 Tage habe er sich vor dem IS im irakischen Sandschar-Gebirge versteckt. Als die Terroristen verschwunden waren, habe er seine Frau und seine Kinder nicht mehr finden können, erzählt der Jeside Rasul.

Immer wieder unterbricht Husten seine Erzählung. Zwei Tage habe er gebeten, zum Arzt gefahren zu werden. „Sie haben gesagt, ich soll mit einem Taxi fahren und müsse das auch noch selber bezahlen.“ Ein anderer Flüchtling habe ihm schließlich Medikamente aus der Apotheke besorgt.

„Ich kann nichts Negatives über die Sicherheitsmänner sagen, man sieht sie ja nie“, sagt der 30-jährige Anas aus Damaskus. Vor dem Krieg sei er syrischer Bodybuilding-Meister gewesen, erzählt er stolz.

Jetzt schläft er auf eng gestellten Doppelstock-Pritschen in einem Zelt mit 15 anderen Flüchtlingen: Elf aus Syrien, fünf aus Eritrea. 15 Männer, eine Frau. Neben dem Zelt warten die Müllsäcke um den längst überfüllten Mülleimer vergeblich darauf, abgeholt zu werden.

"Er wird lügen müssen"

Als die Sonne am Abend untergeht, wird es auch im Zelt dunkel. Und kalt. Nur das rote Blinken des batteriebetriebenen Rauchmelders macht etwas Licht. „In der Türkei war ich schon einmal in so einem Zeltlager, nur gab es dort Heizung und Steckdosen in den Zelten“, sagt Ahmed aus dem syrischen Hama. Drei Pullover hat er über sich und unter seinen dünnen Schlafsack gezogen. Elf Grad zeigt das Thermometer, als in der Nacht anfängt der Regen auf das Zeltdach zu schlagen.

Es ist gegen halb acht Uhr morgens, als sich das Eingangstor des Lagers für einen Krankenwagen öffnet. Der Vater einer kurdischen Familie ist am Morgen nicht mehr aus dem Bett gekommen. Nun tauscht er Feldbett gegen die Trage der Sanitäter.„Wir haben ihnen immer wieder gesagt, dass es zu kalt ist, aber sie haben nichts getan“ sagt einer seiner Zeltnachbarn.

Nur zwei Waschcontainer geöffnet

Zur gleichen Zeit bilden sich um die Versorgungscontainer wieder zwei lange Schlangen. Eine Gruppe wartet vor den Türen der einzigen beiden geöffneten Waschcontainer. Warum die anderen verschlossen sind, weiß keiner. Die anderen versammeln sich vor einer Holzbank um ein halbes Dutzend Handys.

Einer der Flüchtlinge hat Verlängerungskabel und eine Steckdosenleiste besorgt. Auch der Syrer Nour aus Idlib wartet wieder. „Essen, Schlafen, Warten – sonst nichts. Wir fühlen uns hier wie Tiere“, sagt er. Wenn sein Ladegerät einen der Plätze in der Steckdosenleiste ergattert, will er seinen Vater in Idlib anrufen: „Ich will ihm nur sagen, dass es mir gut geht.“ Er wird lügen müssen.

Dieser Text erschien zuerst auf Focus Online

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