WIRTSCHAFT
17/09/2015 13:55 CEST | Aktualisiert 17/09/2015 15:20 CEST

Erhöhung des Leitzins: 5 Gründe, warum uns diese Entscheidung der US-Notenbank nicht egal sein darf

Der Leitzinsentscheid der Zentralbank Fed entscheidet über den Währungsmarkt der USA.
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Der Leitzinsentscheid der Zentralbank Fed entscheidet über den Währungsmarkt der USA.

Der heutige Abend könnte historisch für die Weltwirtschaft werden: Gegen 20 Uhr deutscher Zeit gibt die US-Notenbank Fed bekannt, ob sie erstmals nach neun Jahren den Leitzins erhöht. Der Zins soll Plänen zufolge von derzeit 0 bis 0,25 auf 0,5 Prozent steigen - dieser klein erscheinende Schritt entspricht einer Verdoppelung des Zinsniveaus auf dem US-Markt.

Die Folgen, heißt es, können verheerend sein: Börsenbeben, Wirtschaftsflaute, ein Crash in den Schwellenländern. Es sind Horrorszenarien - doch treffen sie zu?

Der Leitzins bestimmt, zu welchem Zinsniveau sich Banken Geld untereinander leihen könnten. Diesen Zinssatz geben sie wiederum an ihre Kreditkunden weiter. Die Fed reguliert also, wie die Europäische Zentralbank (EZB), zu welchem Preis Kredite bei Banken zu haben sind - mit Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft.

Ein zwölfköpfiges Gremium, geführt von Fed-Chefin Janet Yellen, kann mit seiner Entscheidung eine Kettenreaktion auslösen. Weil sich der Zins der EZB in der Regel am Fed-Zins orientiert, kann in Europa das gleiche passieren wie in den USA. Doch sind die Folgen zwangsläufig negativ?

Ein höherer Leitzins kann auch Gutes bewirken. Und das wird in diesem Fall wahrscheinlich passieren. Dafür gibt es fünf Gründe:

1. Ein höherer Zins ist die beste Inflationsvorsorge

2006 erhöhte die Fed den Leitzins auf gut fünf Prozent. 2008, auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise, senkte sie ihn schrittweise auf das heutige Niveau. Heute gilt die Krise als ausgestanden. Die Wirtschaft, auch die US-amerikanische, läuft weitgehend stabil. Zudem ist die Inflation, also die jährliche Verteuerung der Waren, sehr gering. Im vergangenen Jahr lag sie bei 1,6 Prozent - ein hervorragender Wert.

Doch das muss nicht so bleiben. Denn bei Niedrigzinsen sind Konsumgüter oder etwa Maschinen für Unternehmen sehr gefragt und lassen sich billig durch Kredite finanzieren. Die hohe Nachfrage kann dafür sorgen, dass Hersteller ihre Preise erhöhen.

In der Folge werden auch alltägliche Produkte wie Lebensmittel teurer. Verbraucher könnten einen anhaltend niedrigen Zins also in ihrer Haushaltskasse spüren. Steigen die Kreditpreise, wird auch die Nachfrage gedrosselt - die Preise bleiben stabil.

2. Sparer bekommen mehr Rendite

Die meisten Menschen legen ihr Geld auf Tagesgeldkonten oder dem guten, alten Sparbuch an. Damit aber war seit der drastischen Leitzinssenkung nicht viel zu holen. Denn die Zinsen für das Geld der Kunden hängen ebenfalls von diesem Index ab: Banken können die Spareinlagen als Kredite verleihen, statt sich an andere Banken wenden zu müssen.

Ist das Geld dank Notenbank-Entscheidung jedoch so billig, gibt es keine Gründe, hohe Zinsen für Sparbücher auszuloben. Indem Kredite auf Anweisung der Fed (und der EZB) teurer werden, wird das Geld der Kunden wieder attraktiver für Banken. Diese sind dann gezwungen, Sparer mit höheren Zinsen anzulocken.

3. Eine Kreditblase kann verhindert werden

Als die Fed 2006 letztmalig den Leitzins erhöhte, war es zu spät: Über lange Zeit hatten sich die Banken billig Geld geliehen und massenweise günstige Kredite an Hauskäufer in den USA vergeben. Auch an die, die eigentlich nicht kreditwürdig waren. Eine Kreditblase entstand.

2008 platzte sie: Weil viele Kunden ihre Darlehen nicht mehr bedienen konnten, wurden etliche Kredite wertlos, Finanzprodukte stürzten ab und die Wirtschaft in eine Rezession. Mit dem aktuell niedrigen Fed-Zins ist der Weg in die nächste Blase geebnet.

Eine Zinserhöhung ist also eine Möglichkeit, gegenzusteuern: Teurere Kredite können Banken davon abhalten, ein Auge zuzudrücken und Kunden mit schlechter Zahlungsmoral zu bedienen.

4. Es ist wieder Luft nach unten

Die Antwort der Fed auf die geplatzte Blase von 2008 war ein deutlich gesenkter Leitzins. Verbilligte Darlehenkurbelten den Konsum und somit die Wirtschaft wieder an. Was wäre aber, wenn es dieser Tage zur nächsten Wirtschaftskrise kommt? Dann stünde die Fed ohne Handhabe da, denn ein Zinssatz nahe null lässt sich nur schwer senken.

Der höhere Leitzins von bis zu einem halben Prozent ist zwar nicht annähernd an den fünf Prozent vergangener Tage, doch er würde der Fed im Falle eines Crashes zumindest etwas Spielraum verschaffen. Ein Harvard-Ökonom wünscht sich binnen zwei Jahren gar eine Steigerung auf drei Prozent.

5. Das europäische Exportgeschäft wird stärker

Die Zinserhöhung wäre eine gute Nachricht für europäische Hersteller. Denn die verkaufen mehr Waren ins Ausland, wenn der Euro schwach ist und ihre Produkte dadurch günstiger. Ein schwacher Euro wäre die Folge eines starken Dollars. Die US-Währung würde zulegen, wenn die Fed heute an der Zinsschraube dreht. Weil dadurch weniger Kredite ausgegeben werden, kommen weniger Dollars in Umlauf - und das macht die Währung wertvoller.

Im Nachteil sind lediglich US-Unternehmen: Ihre Waren werden im Ausland teurer. Bleibt deren heimische Wirtschaft jedoch weiter so robust wie zuletzt, wäre der Effekt wohl nur vorübergehend - und die Erhöhung zu verschmerzen.

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