POLITIK
16/09/2015 17:24 CEST | Aktualisiert 16/09/2015 18:56 CEST

Flüchtlinge in Kroatien: Wir waren an Europas neuem Schlupfloch

Seit Mittwoch versuchen immer mehr Menschen, über die kroatisch-ungarische Grenze weiter nach Westeuropa zu gelangen.
Christoph Asche/HuffPost
Seit Mittwoch versuchen immer mehr Menschen, über die kroatisch-ungarische Grenze weiter nach Westeuropa zu gelangen.

Said dreht sich noch einmal um. Die Plastiktüte in seiner linken Hand ist gerissen, unten rutschen mit jedem Schritt Nüsse durch zwei Löcher. Said bemerkt das Leck nicht. Er winkt seiner Frau zu, die ein paar Meter hinter ihm geht.

Das junge Paar aus Syrien hat sich vor 13 Tagen in ihrer alten Heimat auf den Weg nach Westeuropa gemacht. Sie wollten eigentlich schneller vorankommen. An diesem Mittwoch wollten sie schon in Wien sein, bei Saids Cousin.

Jetzt sind sie erst einmal an der serbisch-kroatischen Grenze - dem neuen Ort der Hoffnung für die vielen Flüchtlinge, die in Ungarn festsitzen.

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Said wollte nicht erkannt werden. Daher haben wir ihn nur aus einiger Entfernung fotografiert. Hier wartet er in Tovarnik darauf, für einen der nächsten Shuttle-Busse in Richtung Zagreb registriert zu werden. (Credit: Christoph Asche/Huffpost)

Vor wenigen Tagen hatte Ungarns Präsident Viktor Orbán die Grenze zu Serbien vollständig geschlossen, der Flüchtlingsstrom ist seitdem unterbrochen. Wer in Serbien ist, kommt erst einmal nicht weiter.

Said und seine Frau gehören an diesem Mittwoch zu den mehreren Hundert Flüchtlingen, die ihr Glück jetzt über Kroatien versuchen. Hier sind sie in der EU, ein Land weiter, in Slowenien, wartet der Schengen-Raum auf sie.

„Thank you, thank you“, sagt Said immer wieder, als er und seine Frau von kroatischen Polizisten in einen vergitterten Mannschaftswagen gebeten werden, der sie anschließend erst einmal in den kroatischen Grenzort Tovarnik bringt. Ein Mann aus dem Sudan, offenes Hemd und großer Rucksack, hat mehr Zeit, zu erzählen.

Fußmarsch durch vermintes Gelände schreckt die Flüchtlinge nicht ab

Sie seien alle am Morgen von Belgrad mit Bussen in die serbische Stadt Sid gebracht worden. „Da hinten irgendwo“, sagt er und zeigt entlang des Schotterwegs, den er gerade hinter sich gelassen hat. Ein Stück sei er mit dem Taxi gefahren, erzählt er. Danach sei er zu Fuß gegangen, wie die anderen auch.

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Dieser Mann ist aus dem Sudan geflüchtet. Auf die Frage „Where are you from“ antwortete er nur: „From God“. (Credit: Christoph Asche/HuffPost)

Der Fußmarsch führt die Flüchtlinge vorbei an den Maisfeldern und den serbischen Wäldern, wo immer noch Minen aus dem kroatischen Unabhängigkeitskrieg liegen sollen. Im Internet kursierten am Mittwoch Karten vom ungarisch-serbischen Grenzgebiet, auf denen potenziell verminte Felder mit roten Fahnen markiert waren.

Die Flüchtlinge lassen sich davon nicht abhalten. Nicht von Landminen.

In Tovarnik, auf der kroatischen Seite der Grenze, werden die Flüchtlinge im Minutentakt aus den ankommenden Polizeiwagen gelassen und in einen abgesperrten Wartebereich geführt.

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In Tovarnik warten die Flüchtlinge darauf, in Shuttle-Bussen weiter nach Zagreb gebracht zu werden. (Credit: Christoph Asche/HuffPost)

Das ganze hat System, die Behörden scheinen auf den Ansturm vorbereitet zu sein. Über 5000 Polizisten hat die kroatische Regierung an die Grenze geschickt, seitdem klar ist, dass Kroatien das neue Ungarn werden könnte.

Am Mittwochmorgen hatten die ersten Flüchtlinge den Grenzübergang Sid/Tovarnik versucht zu überqueren, ohne registriert zu werden. Kroatische Polizisten hatten die Flüchtlinge anschließend in den Feldern aufgegriffen.

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Ein kroatischer Polizist wartet darauf, dass ein neuer Polizeiwagen kommt, um die Flüchtlinge in das nahegelegene Städtchen Tovarnik zu bringen. (Credit: Christoph Asche/HuffPost)

Unter den Flüchtlingen kursierte am Mittwochabend das Gerücht, dass die Shuttle-Busse in Tovarnik nach Berlin fahren. Laut Polizei werden die Flüchtlinge aber erst einmal nach Zagreb gebracht. Alles andere hätten sie dann nicht mehr in der Hand, bemerkt ein kroatischer Beamter.

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In diesen Polizei-Wagen mit Gitterschutz werden die Flüchtlinge über die Grenze von Serbien nach Kroatien gebracht. (Credit: Christoph Asche/HuffPost)

Ob das Land, in dem jeder Fünfte arbeitslos ist, angesichts der vielen Grenzschließungen um sich herum für die Aufnahme Tausender Flüchtlinge gewappnet ist, bleibt abzuwarten. Wahrscheinlicher ist, dass es jetzt Europas neues Transitland wird.

Im Gegensatz zu Ungarn verschließt es sich immerhin nicht gegenüber den Menschen in Not. Bis zu 3000 Flüchtlinge wolle man aufnehmen, hieß es kürzlich. EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hatte für das Land zuvor 1000 vorgeschlagen.

(Unser Reporter Christoph Asche hat eine kurze Video-Reportage über die Ankunft der Flüchtlinge an der serbisch-kroatischen Grenze ins Netz gestellt. Hier könnt ihr sie sehen.)

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