POLITIK
15/09/2015 15:36 CEST | Aktualisiert 15/09/2015 16:29 CEST

Warum die Taliban in Afghanistan wieder auf dem Vormarsch sind

Taliban-Kämpfer übergeben ihre Waffen im Jahr 2010
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Taliban-Kämpfer übergeben ihre Waffen im Jahr 2010

Es war ein spektakulärer Angriff. Erst sprengt sich ein Attentäter vor dem Gefängnistor in die Luft. Dann befreien Mitkämpfer Hunderte Häftlinge.

Es ist ein großer Erfolg für die Taliban. Bei der Attacke in der in der südostafghanischen Provinzhauptstadt Ghasni befreiten sie 355 Gefangene. 148 der befreiten Häftlinge seien Aufständische, die restlichen 207 Kriminelle, teilte das Innenministerium in Kabul mit. Nach Angaben aus dem Rat der Provinz Ghasni wurden bei dem Angriff in der Nacht zu Montag mindestens acht Menschen getötet.

Der Angriff auf das Gefängnis zeigt eine besorgniserregende Entwicklung. Die radikalislamischen Taliban weiten ihre Kontrolle über einen großen Teil der südafghanischen Unruheprovinz Helmand aus. Der Kampf gegen die Extremisten setzt den Regierungstruppen zu.

taliban gefaengnis

Dieses Gefängnis stürmten die Taliban am Wochenende

Die Taliban teilten mit, der Angriff sei Teil ihrer im April begonnen Frühjahrsoffensive. Sie haben in diesem Jahr große Teile abgelegener Bezirke eingenommen. Der Nato-Kampfeinsatz in Afghanistan lief Ende vergangenen Jahres aus. Die Sicherheitslage hat sich seitdem weiter verschlechtert.

Die Afghanen leben in Angst. Der Bezirksgouverneur von Musa Kala, Mohammad Sharif Khan, hatte seit Monaten Sorgen, dass seine Region in die Hände der Taliban fallen könnte. Im Mai wurde klar, dass die Taliban bereits drei Viertel des Bezirks in der südafghanischen Provinz Helmand kontrollierten.

Die Bezirksregierung der Stadt Musa Kala befindet sich in der Auflösung. Dort gab es keine Beamten mehr. "Die Taliban haben eine bessere Ausrüstung als die Polizei. Wir haben viele Polizisten verloren. Im Sommer sind jede Woche ein oder zwei Polizeikontrollpunkte gefallen," sagte Khan der Deutschen Presse-Agentur.

Khan floh aus der Provinzstadt Lashkar Gah. Nach eigenen Angaben erhielt er keine Unterstützung von der Regierung, als Musa Kala fünf Tage lang belagert wurde. In ihrem 13-jährigen Kampfeinsatz hatten die Nato-geführten ausländischen Truppen ihre größten Verluste in Helmand erlitten. Seit Januar haben die afghanischen Sicherheitskräfte nach und nach die meisten der sechs Bezirke Nordhelmands an die Taliban verloren. Die Rebellen versuchen, ihr strategisches Zentrum in von ihnen kontrollierte, abgelegene Gegenden von Nordhelmand zu verlagern, vermuten afghanische und Nato-Beamte.

Der Bezirk Sangin fiel schon im März. Die afghanischen Sicherheitskräfte hatten nach einer siebenwöchigen Offensive den Sieg erklärt, aber die Taliban kehrten noch in derselben Woche zurück. In den folgenden Monaten fielen auch die Bezirke Gereshk und Naswad. "Musa Kala, Nawsad und Baghran sind jetzt alle unter der Kontrolle der Taliban", sagt Madschid Akhundsada von der Provinzregierung in Helmand.

Die Taliban verfolgen eine neue Strategie. "Es scheint, die Taliban versuchen in dieser Kampfsaison, ein größeres zusammenhängendes Gebiet zu erobern, besonders in Nordhelmand", sagt Graeme Smith, Afghanistanexperte der International Crisis Group (ICG). "Das wird den Taliban ermöglichen, sich als legitime Macht darzustellen." Für die Regierung werde es schwierig, die Provinzhauptstadt zu halten, meint auch ein Nato-Mitarbeiter.

Die Nato hat die Gefahr erkannt. Seit dem 22. August werde Musa Kala vom US-Militär bombardiert, sagt General Philip Breedlove, oberster Befehlshaber der Nato-Truppen in Europa. Hadschi Abdul Rasak, ein Stammesältester aus Musa Kala berichtet: "Der Bezirk ist die letzten beiden Wochen lang bombardiert worden. 150 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt."

Spitzt sich die Lage in Afghanistan weiter zu, werden Europa und speziell auch Deutschland das bald zu spüren bekommen. Nämlich dann, wenn sich Afghanen entscheiden, aus ihrer Heimat zu fliehen. Das wiederum würde die Flüchtlingskrise noch einmal verschärfen.

Mit Material von Subel Bhandari und Mohammad Jawad von der dpa

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