WIRTSCHAFT
15/09/2015 10:58 CEST

Ökonom Daniel Stelter: "Der Euro führt zur Radikalisierung in Europa"

Michael Gottschalk via Getty Images
Nicht erst seit der Griechenlandkrise steht die Währungsunion unter Kritik

Hilft der Euro Europa? Oder schadet er womöglich sogar? Ökonom Daniel Stelter ist überzeugt, dass die Gemeinschaftswährung vor allem extremen Parteien, sowohl links als auch rechts, in die Karten spielt. In einem Interview der österreichischen Zeitung "Standard" erklärte er seine Theorie – und was die radikale Lösung sein könnte.

Stelter erklärt die größten Probleme des Euros

Es gibt laut Stelter zwei Probleme, mit denen die europäische Währungsunion zu kämpfen hat: die große private und staatliche Verschuldung und die stark voneinander abweichende Wettbewerbsfähigkeit der verschiedenen Euro-Länder.

„Überall, außer in Deutschland, liegt die Verschuldung heute über dem Niveau von 2008", sagte er. "Und: Die Wettbewerbsfähigkeit in den Krisenländern hat sich nicht verbessert. Der Euro, der uns als großer Wohlstandsbringer verkauft wurde, entpuppt sich zusehends als Wohlstandshemmnis."

„Wir lügen uns was vor, wenn wir sagen, es geht voran.“

Besonders kritisch sieht Stelter hierbei, dass die EU diese Probleme nicht offen angeht, sondern das wahre Ausmaß verschleiert.

Selbst Spanien bräuchte trotz der positiven Tendenzen bei den Exporten noch zehn Jahre, um die Krise zu überwinden, sagte der Ökonom. "Hält das eine Gesellschaft durch? Nein. Die jungen Leute gehen weg. Wir lügen uns was vor, wenn wir sagen, es geht voran."

„Für alle radikalen Parteien, seien sie links oder rechts, ist die Eurokritik ein Superthema“

Das Problem bei dieser Verschleierungstaktik sieht Stelter darin, dass besonders radikale Parteien vom Zögern der Regierungsparteien profitieren.

„Entweder machen wir eine schnellere Integration, was die Bevölkerung nicht will, oder wir finden einen geordneten Weg, um das Ding zu beenden. Davor scheuen sich die etablierten Parteien.“

Hier sieht er die Ursache für die zunehmende politische Radikalisierung Europas.

„Das ist die Chance der radikalen Parteien, weil die Bevölkerung merkt, dass da etwas nicht funktioniert, dass die Wirtschaft nicht Tritt fasst. Der Euro führt somit zu einer Radikalisierung in Europa, also zum Gegenteil von dem, was er bringen sollte.“

„Wenn wir nicht in Richtung Integration gehen können, dann lasst uns das Thema möglichst rasch beenden.“

Stelter sieht die Lösung dieser Probleme allerdings nicht in einer Transferunion. „Selbst wenn wir in einen Umverteilungsmodus einsteigen, würden wir vielleicht das Schuldenthema lösen, aber die Wettbewerbsfähigkeit nicht verbessern", sagte er dem "Standard".

"Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir zunehmend soziale Konflikte in den Ländern und politische Konflikte zwischen den Ländern bekommen."

Für ihn gibt es nur einen Weg und der bedeutet das Ende des Euros: „Wenn wir nicht in Richtung Integration gehen können, dann lasst uns das Thema möglichst rasch beenden.“

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite