POLITIK
14/09/2015 18:30 CEST | Aktualisiert 14/09/2015 18:39 CEST

Pegida ist zurück: 6 Gründe für das unheimlichste Comeback des Jahres

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Pegida ist zurück. Nicht ein bisschen, sondern richtig. Erstmals seit Monaten gingen am Montagabend in Dresden nach Schätzung von dpa-Reportern wieder mehr als 5000 Menschen auf die Straße.

Schon in den vergangenen Wochen war die Zahl der Demonstranten gestiegen. Und in Dresden finden die Demos wieder wöchentlich statt, nachdem sie dort zwischenzeitlich nur alle zwei Wochen im Wechsel mit Leipzig und Chemnitz veranstaltet worden waren.

Pünktlich zum einjährigen Bestehen im nächsten Monat könnte die Bewegung ein unheimliches Comeback feiern.

Schließlich waren die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" schon völlig abgeschrieben. Wurden belächelt, weil zu einzelnen Demos kein einziger Teilnehmer kam.

Aber nun ist die Bewegung zurück. Und könnte stärker werden als je zuvor. Das hat seine Gründe.

1. Die Flüchtlingskrise

Der Ausgangspunkt für das Wiederstarken von Pegida. Immer mehr Menschen fliehen aus ihrer Heimat – und viele davon wollen nach Deutschland. Große Städte wie München betteln bereits um Unterstützung. Und die Bundesregierung reagiert mit viel zu kurz gedachten Maßnahmen wie Grenzkontrollen.

Ein Beleg, dass es der Politik schon jetzt nicht mehr gelingt, die Lage zu kontrollieren. Dabei werden noch viel mehr Flüchtlinge zu uns wollen.

Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) rechnet mit bis zu einer Million Menschen in Deutschland. "Vieles deutet daraufhin, dass wir in diesem Jahr nicht 800.000 Flüchtende aufnehmen, wie es das Bundesinnenministerium prognostiziert hat, sondern eine Million", prognostizierte er heute. Und wer weiß, ob nicht bald schon eine neue, nach oben korrigierte Prognose folgt?

Für jeden, der etwas gegen Einwanderung hat – und das haben viele Pegida-Anhänger – ist diese Ohnmacht des Staates eine Bestätigung seiner Ansichten. Und auch Menschen, die möglicherweise nichts Grundsätzliches gegen Flüchtlinge haben, werden verunsichert, weil die Politik ihnen vermittelt, die Situation nicht im Griff zu haben.

2. Ohnmächtige Politiker

Einen Beweis dafür könnte ausgerechnet Vizekanzler geliefert haben, als er Fremdenhasser in Deutschland als "Pack" beschimpfte. Die Deutlichkeit in der Wortwahl ist angesichts brennender Flüchtlingsheime vielleicht nachvollziehbar, aber dennoch das falsche Zeichen.

"Ethisch ist das nicht zu akzeptieren", sagte Psychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians Universität München im HuffPost-Interview. "Denn das würde bedeuten, dass man auf dieselbe Stufe wie die Fremdenhasser geht." Ein vernichtendes Urteil über eine verzweifelte Tat.

3. Falscher Umgang mit Fremdenhass

Gabriel offenbart damit ein grundsätzliches Problem der deutschen Politiker: Sie treffen nicht den richtigen Ton. Schon vor Monaten nicht, als sie darin versagten, den Menschen zu erklären, dass Integration notwendig ist.

Und auch jetzt nicht. Denn laut Psychologe Frey ließe sich Fremdenhass nur bekämpfen, indem man mit den Menschen ins Gespräch komme und "zunächst die Aussagen der Leute ernst nimmt, Ursachenanalyse betreibt".

Aber welcher Politiker hat sich zuletzt mit Fremden- und Flüchtlingshassern darüber unterhalten, warum sie eigentlich Fremde und Flüchtlinge hassen?

4. Sehnsucht nach ordnenden Kräften

Weil also von den Politikern der etablierten Parteien niemand mit ihnen redet, sehnen sich die Menschen nach Repräsentanten. Pegida-Chef Lutz Bachmann kündigte daher am Montag vor seinen Anhängern die Gründung einer Partei an, die sowohl auf kommunaler als auch auf Landes- und Bundesebene antreten wolle.

Wie sagte Bernd Lucke kürzlich über seine Ex-Partei, die AfD? "Die Leute, die jetzt in der AfD mehrheitsfähig geworden sind, sehen die aktuelle Situation sicher als große Chance. Die wollen von genau der Stimmung profitieren, die sich gerade in Deutschland ausbreitet."

Bachmann ist zwar nicht die AfD. Aber er hat die gleichen Pläne. Und die Sorgen der Menschen sind mächtige Verbündete. Denn wenn die Deutschen laut einer aktuellen Studie auch insgesamt immer weniger Ängste haben mögen: Flüchtlinge gehören zu den wenigen Themen, die ihnen Sorgen machen.

5. Aus eine Scheindebatte wird eine echte

Zu den bemerkenswerten Erkenntnissen aus der vorigen Hochphase von Pegida gehörte, dass die Skepsis gegenüber Fremden ausgerechnet dort am größten war, wo es am wenigsten Fremde gibt.

Wenn sich die Menschen im Osten jetzt über eine "Islamisierung" beklagen, ist die Klage zwar nach wie vor unbegründet. Aber Fakt ist, dass die Begegnungen mit Migranten zunehmen.

Dass sich solche Begegnungen bei Menschen mit negativen Einstellungen gegenüber Fremden positiv auswirken, ist eine zweifelhafte Hoffnung. "Oft ist es so, dass der Kontakt mit den Fremden bestimmte Vorurteile noch verstärkt, weil Fremdenhasser eine sehr selektive Wahrnehmung haben", sagt Psychologe Frey.

6. Hass aus dem Netz kommt auf die Straße

Justizminister Heiko Maas (SPD) fordert momentan, dass Facebook Hassposts bekämpft. Maas sorgt sich zurecht, zieht aber die falschen Schlüsse. Denn zwar schreiben immer mehr Menschen ihre Wut ins Netz – oft auch sehr üble, menschenverachtende Kommentare. Aber man wird sie nicht zum Schweigen bringen, indem man ihre Botschaften löscht (siehe Punkt 3).

Und: Dass sie nicht schweigen, ist noch nicht alles. Denn jeder aus dieser zahlenmäßig nicht greifbaren Masse an Menschen, deren Stimmen im Internet unterdrückt werden sollen, ist ein potenzieller neuer Teilnehmer von Pegida-Demos. Was diese Leute in sozialen Netzwerken nicht sagen dürfen, schreien sie dann auf Deutschlands Straßen.

Dort sind sie nicht nur plötzlich unter vielen Gleichgesinnten. Die früher einsetzende Abenddämmerung gibt ihnen auch die Anonymität, die sie aus dem Netz kennen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Pegida im Vorjahr in den dunklen Herbst- und Wintermonaten seinen Höhepunkt erreichte.

Und es wäre kein Zufall, wenn es in diesem Winter einen neuen Höhepunkt gibt.

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