VIDEO
12/09/2015 09:45 CEST | Aktualisiert 12/09/2015 09:54 CEST

Neuer Labour-Chef: 5 Dinge, die ihr jetzt über Jeremy Corbyn wissen müsst

dpa
Jeremy Corbyn ist neuer Labour-Chef

Am 7. März 2015 erlebte die britische Labour Party (vergleichbar etwa mit der SPD) eine ihrer schwärzesten Stunden der jüngeren Vergangenheit: Obwohl alle Umfragen ein extrem knappes Rennen zwischen der Partei um ihren Spitzenkandidaten Ed Miliband und Premierminister David Cameron von den regierenden konservativen Tories vorhergesagt hatten, wurden die Unterhauswahlen für Labour zu einem Desaster.

David Cameron blieb Premierminister, seine Partei erreichte sogar die absolute Mehrheit der Stimmen. Einen Tag später trat der gescheiterte Frontrunner Ed Miliband von allen politischen Ämter zurück.

Nun, etwas mehr als ein halbes Jahr nach dem Urnengang, wagen Großbritanniens Sozialdemokraten einen Neuanfang. Ein neuer Parteivorsitzender musste her. Doch die Wahl fiel etwas überraschend auf einen Mann, den die meisten vor kurzer Zeit kaum auf der Rechnung gehabt haben dürften: Fast 60 Prozent der Wähler stimmten für Jeremy Corbyn. Der Mann, der es in seiner mehr als dreißig Jahre andauernden politischen Karriere kaum einmal über die hintersten Bänke des britischen Parlaments hinaus geschafft hatte, soll Labour jetzt neuen Glanz einhauchen.

Hier sind 5 Fakten über den Mann, der die Politlandschaft in Großbritannien verändern wird.

1. Wer ist Jeremy Corbyn?

Der 66-Jährige war früher Gewerkschaftsfunktionär. Einen Universitätsabschluss hat er nicht. Corbyn vertritt seit 1983 den Londoner Wahlkreis Nord-Islington im britischen Unterhaus. In dieser Zeit hat sich Corbyn stets einen Namen als Außenseiter und Partei-Rebell gemacht.

Mehr als 500 Mal stimmte er gegen Gesetzesvorschläge seiner eigenen Partei. Über den Status des Hinterbänklers ist er nie hinaus gekommen. Er gilt als klassischer Linker aus den 80er Jahren, zu jener Zeit kämpfte seine Partei gegen die Regierung von Margaret Thatcher.

2. Welche politischen Standpunkte vertritt er?

Corbyn bezeichnet sich selbst als einen "demokratischen Sozialisten". Er befürwortet mehr staatliche Investitionen, höhere Steuern auf obere Einkommensklassen und eine Verstaatlichung der Eisenbahn und will den Sparkurs der Tories beenden. Ebenso gilt er als Befürworter einer offenen Asyl- und Zuwanderungspolitik und will den Kohlebergbau wieder stark machen. Zu Zeiten Tony Blairs war ein erbitterter Gegner des Irakkriegs.

Sollte jedoch David Camerons Ringen um EU-Reformen Arbeiter schlechter stellen, schließt Corbyn nicht aus, für den EU-Austritt Großbritanniens zu werben. Lieber will er allerdings "bleiben und für ein besseres Europa kämpfen". Auch die Nato sieht er kritisch, britische Atomwaffen will er abschaffen.

3. Wie konnte Corbyn so durchstarten?

Als Corbyn seine Kandidatur um den Parteivorsitz bekannt gab, galt er eher als buntes Beiwerk. Chancen wurden ihm aber keine eingeräumt. Doch das sollte sich bald ändern: Gerade junge Wähler und solche, die mit Tony Blairs wirtschaftsfreundlicher "New Labour"-Politik noch nie etwas anfangen konnten, scharen sich um den Mann, der stets wie ein etwas schnöder Gymnasiallehrer wirkt.

So entstand in den letzten Wochen und Monaten eine wahre "Corbynmania". Seine Kampagne besteht aus einer perfekten Mischung aus Offenheit, Grassroot-Enthusiasmus und Professionalität. Ihm zur Seite stand ein Team von etwa 4.000 Freiwilligen, die in kürzester Zeit eine landesweite Kampagne initiierten.

Corbyn ist kein Charismatiker, kein Dauerlächler und kein rhetorisches Genie. Er ist authentisch, direkt und spricht die Sprache des "kleinen Mannes". Das kam an.

4. Was erhofft sich die Partei von Corbyn?

Ed Miliband wollte David Cameron im März von links schlagen: Er wollte das lahmende Gesundheitssystem NHS wiederbeleben, gegen Steuerhinterziehungen und den Klimawandel kämpfen und sich für den Kohleausstieg einsetzen - und scheiterte grandios.

Für viele Labour-Anhänger war die Sache klar: Miliband war nicht links genug. Nun soll ein für britische Verhältnisse äußerst links stehender Kandidat wie Corbyn die Partei wieder zu ihren Grundprinzipien zurückführen.

5. Hat Corbyn Chancen auf das Amt des Premierministers?

"Wir verändern die Politik Großbritanniens, wir stellen die Darstellung infrage, dass nur das Individuelle zählt und sagen stattdessen, dass das Allgemeinwohl unser aller Streben ist", versprach er im Wahlkampf vollmundig. Trotz aller Aufbruchstimmung werden dem neuen Vorsitzenden nur wenig Chancen ausgerechnet, David Cameron im Jahr 2020 als Regierungschef abzulösen. Kritiker halten ihn für rückwärtsgewandt und (für britische Verhältnisse) zu radikal. Zudem spricht sein fortgeschrittenes Alter gegen eine Spitzenkandidatur.

Auch in seiner eigenen Partei hat Corbyn viele Gegner. Die Partei ist gespalten, moderatere Labour-Politiker wie Tony Blair warnten vor einem Linksdruck, der die Partei für viele unabhängige Wähler abschrecken könnte. In einem Interview mit dem "Guardian" stichelte Blair, Corbyns Anhänger befänden sch in einer "hermetisch geschlossenen Blase", in der Vernunft und Beweise nichts zählten und stattdessen die emotionale Wirkung entscheidend sei.

In der Kritik stand er außerdem für seine Haltung zur radikalislamischen Hamas und zur Schiitenmiliz Hisbollah, die er öffentlich als "Freunde" bezeichnet hat. Davon hat er sich inzwischen distanziert.

Mit Material von dpa.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Flüchtling erklärt: Aus diesen vier Gründen wollen wir alle nach England

Hier geht es zurück zur Startseite