POLITIK
10/09/2015 14:14 CEST | Aktualisiert 10/09/2015 16:18 CEST

Psychologe Dieter Frey: "Fremdenhasser sind Opfer, keine schlechten Menschen"

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Anti-Flüchtlings-Demonstranten

Was muss mit einem Menschen passieren, damit er Flüchtlinge beschimpft oder deren Unterkünfte anzündet? Und sich dabei völlig im Recht sieht?

Oder muss gar nichts passieren, und Fremdenhass steckt einfach so im Kopf? Kann man dann überhaupt etwas dagegen tun?

Wir haben mit dem Psychologen Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians Universität München über die Menschen gesprochen, die Hass auf Deutschlands Straßen und ins Internet bringen. Vielleicht versteht er ja, was in ihnen vorgeht.

Huffington Post: Herr Frey, ist Fremdenhass eine Krankheit? Der "Spiegel" hat das geschrieben.

Dieter Frey: Fremdenhass ist keine Krankheit, sondern ein negatives, abwertendes, verachtendes Urteil über Fremde, die eine andere Kultur, Hautfarbe oder Religion haben. Es ist eine pauschale Abwertung anderer jenseits von Respekt, Menschenwürde und Achtung.

Ist man Fremdenhasser? Oder wird man dazu?

Fremdenhass ist nicht angeboren. Man hat ihn aus seiner Umgebung gelernt. Sehr oft hat er mit Favorisierung der eigenen Gruppe und Diskriminierung einer anderen Gruppe zu tun. Was zur eigenen Gruppe gehört, ist gut. Was zur anderen Gruppe gehört, ist schlecht und verachtungswürdig.

Warum denkt jemand so?

Vieles hat mit Angst und Bedrohung zu tun und mit der Suche nach einer eigenen sozialen Identität. Je mehr die eigene private oder soziale Identität bedroht ist, umso mehr sucht man nach Sündenböcken, um sich selbst etwas höher stellen zu können. Vorurteile haben für viele Menschen eine Schutzfunktion. Durch Hass versuchen sie, sich selbst und ihrer eigenen Gruppe eine klarere Identität zu geben.

Entscheidet man sich, Fremdenhasser zu werden? Oder ist das mehr Fremdeinwirkung?

Interessanterweise haben viele Fremdenhasser gar keine persönlichen Erfahrungen mit Fremden, sondern sie greifen nur Meinungen anderer auf. Vielleicht überinterpretieren sie auch wenige eigene Erfahrungen. Aber Fremdenhass entsteht vor allem durch Fremdeinwirkung.

Ist die "Ansteckungsgefahr" groß?

Sie ist groß für Menschen, die anfällig sind, im Sinne von bereits vorhandener negativer oder gar rassistischer Einstellung gegenüber Fremden. Diese Menschen sind natürlich für weiteres extremistisches, dogmatisches, intolerantes Gedankengut sehr ansteckungsgefährdet.

Wie treibt man Menschen mit Fremdenhass ihre Einstellungen wieder aus?

Das ist ein ganz schwieriger, langer Prozess, insbesondere weil die meisten Menschen sich in einem Netzwerk befinden, wo ähnliches gedacht wird und man sich dabei gegenseitig unterstützt. Wichtig wäre auf jeden Fall Aufklärung und ein Dialog, wo man zunächst die Aussagen der Leute ernst nimmt, Ursachenanalyse betreibt.

Ursache für ihr Handeln und Rechtfertigung zugleich ist ja ihr Umfeld, wie Sie sagen.

Ja. Deshalb muss man ihnen dann im nächsten Schritt ganz klar machen, dass es absolut indiskutabel ist, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion, Kultur zu hassen. Dass das sogar unserem Grundgesetz widerspricht, da hat jeder Mensch nämlich ein Anrecht auf Würde. Die Hoffnung ist, dass Fremdenhasser immer wieder von anderen außerhalb ihrer Gruppe mitbekommen, dass sie Menschenverachtung ablehnen.

Hilft Kontakt mit den Fremden, die sie hassen?

Oft ist es so, dass der Kontakt mit den Fremden bestimmte Vorurteile noch verstärkt, weil Fremdenhasser eine sehr selektive Wahrnehmung haben.

(Unter dem Video geht's weiter)

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Was passiert, wenn man Fremdenhasser ignoriert?

Das wäre das Allerschlimmste, denn das bestätigt die Leute ja nur. Wenn alle in ihrer Umgebung schweigen, wird das als Zustimmung wahrgenommen. Umso wichtiger ist, dass man ganz klar dokumentiert, dass es hier um Respekt und Fairness geht. Je mehr Leute sich artikulieren und sich klar gegen Menschenverachtung äußern, desto mehr verunsichert man die Fanatiker und Dogmatiker.

Und wenn man sie herausfordert und als "Pack" beschimpft wie der Vizekanzler?

Als spontane Reaktion kann das gerade noch entschuldigt werden, aber es ist ethisch nicht zu akzeptieren. Denn das würde bedeuten, dass man auf dieselbe Stufe wie die Fremdenhasser geht.

Sind Fremdenhasser schlechte Menschen?

Es sind Menschen mit negativen Eigenschaften. Menschen, die herzlos gegenüber Fremden sind. Aber es gibt trotzdem Momente, in denen sich diese Menschen aufopfern – nämlich für ihre eigene Gruppe. Man kann deshalb nicht sagen, dass Fremdenhasser grundsätzlich schlechte Menschen sind. Sie sind nur Opfer des Netzwerks, in dem sie stecken.

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