POLITIK
08/09/2015 15:07 CEST

Eine hässliche Wahrheit über die Deutschen - und eine schöne

Thinkstock

Die Deutschen geben sehr viel darauf, was Bürger aus anderen Staaten über sie denken.

Wird der Berlin-Hype in einem Artikel eines angesehenen amerikanischen Mediums für tot erklärt, führt das zu Feuilleton-Debatten, die weit über die Hauptstadt hinaus Wellen schlagen.

Findet die BBC heraus, dass die Bundesrepublik weltweit zum „beliebtesten Land“ gewählt wurde, sorgt das für Schlagzeilen und ein gewisses Wohlgefühl.

Und wenn wir aus Frankreich hören, dass unser Konzept zur Mülltrennung fortschrittlich sei, fühlen wir uns in unserer Sehnsucht nach Bestätigung erfüllt.

Aber: Ist Deutschland tatsächlich eine Öko-Nation?

Deutschland, das Land der Energiewende, des Atomausstiegs, der Windräder und Sonnenkraftwerke: Das Konzept der Nachhaltigkeit könnte glatt eine deutsche Erfindung sein. Oder?

Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung zeichnet da ein differenziertes Bild. Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht.

Zuerst die gute: Deutschland ist tatsächlich unter den OECD-Ländern in Sachen Nachhaltigkeit führend. Unter den 34 untersuchten Staaten belegt die Bundesrepublik hinter Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland und der Schweiz Platz sechs – und ist damit die bestplatzierte Industrienation mit mehr als zehn Millionen Einwohnern.

Dazu tragen vor allem wirtschaftliche Faktoren bei. So kommen die Experten der oft als „wirtschaftsliberal“ apostrophierten Stiftung zu dem Schluss, dass in Deutschland das Wachstum hoch und besonders nachhaltig sei.

Wenig Armut, viele Naturschutzgebiete

Außerdem gäbe es in Deutschland besonders wenig Armut. Eine Auffassung, über die man angesichts von ebenfalls vorliegenden Studien über wachsende Ungleichheit durchaus geteilter Meinung sein kann.

Darüber hinaus sei es in Deutschland besonders unwahrscheinlich, Opfer eines Tötungsdeliktes zu werden. Und es gebe viele ausgewiesene Naturschutzflächen. Ein positives Zeugnis stellt die Studie ebenfalls dem Forschungssektor aus.

Die schlechte Nachricht ist, dass Deutschland im Bereich „Umwelt“ bisweilen miserabel abschneidet. Das betrifft nicht nur die Tatsache, dass die selbst gesteckten Klimaziele wahrscheinlich meilenweit verfehlt werden.

Unser Hauptproblem ist der Müll

Ein Problem ist auch unser Verhältnis zur Müllerzeugung. Was hilft es uns, wenn wir fleißig Altpapier von Verpackungsmaterialien und Bioabfällen voneinander trennen, wenn wir insgesamt zu viel Müll produzieren?

Laut den von der Bertelsmann-Stiftung erhobenen Zahlen erzeugt der Durchschnittsdeutsche 614 Kilo Müll im Jahr – weit mehr als der Durchschnitt in den OECD-Ländern (483 Kilo). In Japan etwa werde pro Kopf nur halb so viel Abfall produziert wie in Deutschland.

Es ist eigentlich ein Problem, dessen wir uns schon lange bewusst sind. Schon in den 80er-Jahren kritisierten Umweltgruppen, dass hierzulande zu viel Verpackungsmüll erzeugt werde. Getan hat sich seitdem offenbar wenig.

Öko-Ferkel statt Umwelt-Engel

Auch andere Kritikpunkte sind seit Jahrzehnten bekannt: Etwa, dass deutsche Bauern zu viel Düngemittel auf ihre Wiesen ausbringen. Oder, dass es hierzulande ein Problem mit der Feinstaubbelastung gibt. In dieser Kategorie belegt Deutschland lediglich Platz 27 unter den 34 untersuchten Nationen.

Das alles sind keine Kleinigkeiten. In ihrer Gesamtheit zeigen die Befunde, dass es Deutschland gesellschaftlich wohl vergleichsweise gut geht, dass die Bundesrepublik aber keineswegs als Vorbild für den Naturschutz taugt. Womöglich sind die Deutschen wohl eher Öko-Ferkel als Umwelt-Engel.

Angela Merkel hat zu Beginn ihrer Amtszeit versucht, sich als „Klimakanzlerin“ zu profilieren. Das ist zugegebenermaßen lange her. Und es dürfte mittlerweile bekannt sein, dass die CDU-Politikerin nur dann aktiv wird, wenn sie öffentlichen Druck spürt.

Merkel muss ihr Comeback als Klimakanzlerin feiern

Vor etwa neun Jahren wurde uns wegen der UN-Klimastudie schlagartig bewusst, wie wichtig eine nachhaltige Politik für dieses Land ist. Und dass wir als führende Industrienation eine besondere Verantwortung haben: Allein schon deshalb, weil wir dazu in der Lage ist, die Wende mit der gebotenen Eile zu vollziehen.

Deshalb brauchen wir gerade jetzt einen Kurswechsel. Denn die Kraftanstrengungen, um die „Schwarze Null“ im Bundeshaushalt zu erreichen, können wir uns auch schenken, wenn wir gleichzeitig den Planeten ruinieren, auf dem wir leben.

Dabei geht es um viel mehr als nur um das, was andere Menschen von uns denken.

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