POLITIK
05/09/2015 06:05 CEST | Aktualisiert 05/09/2015 08:41 CEST

"Politik ist brutal": Ex-FDP-Spitzenkandidat Brüderle zieht Bilanz (HUFFPOST-EXKLUSIV)

Er war FDP-Spitzenkandidat und Bundeswirtschaftsminister – jetzt arbeitet er als selbständiger Berater. Dazwischen liegen unter anderem das krachende Bundestags-Aus seiner Partei, und zwar unter seiner Führung. Und eine Sexismus-Affäre. Brüderle soll einer Journalistin zu nahe gekommen sein.

Im HuffPost-Interview zieht er Bilanz über sein politisches Leben. Ob die Sexismus-Vorwürfe sein Lebenswerk ruiniert haben. Welche Kollegen er gehasst hat. Und ob mehr Politiker wie er in der "heute-show" auftreten sollten.

Huffington Post: Herr Brüderle, was war die wichtigste Lehre Ihrer Politik-Laufbahn?

Rainer Brüderle: Dass man sich nicht kurzfristig irritieren lassen darf, sondern zu seinem inneren Kompass stehen muss. Dafür muss man mit sich selbst im Reinen sein.

Das waren Sie?

Ich denke schon. Ich habe immer zu meinen Überzeugungen gestanden, bin immer einen klaren Kurs gefahren.

Wer an Rainer Brüderle denkt, denkt immer auch an die Sexismus-Debatte. Macht die Ihr politisches Vermächtnis kaputt?

Ich denke nicht über ein Vermächtnis nach. Die Sexismus-Debatte ist etwas, das leider heutzutage in der Politik passieren kann. Das ist Teil des politischen Lebens. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er das einordnet.

bruederle

Sie wurden unfair behandelt.

Das kann man so sagen, ja. Das habe ich auch in meinem Buch beschrieben. Ich wurde nominiert als Spitzenkandidat und 24 Stunden später kommt ein Artikel über ein Ereignis, das mehr als ein Jahr zurücklag. Damit hatte ich nicht gerechnet. Jetzt weiß ich: Man muss als Politiker mit allem rechnen.

Ist das Politikgeschäft ungerecht?

Politik ist brutal. Man muss einstecken und austeilen können. Wenn man damit nicht klarkommt, ist es nicht das Richtige für einen. Es gibt immer wieder harte Situationen. Das ist nicht schön, aber es ist Teil des politischen Lebens.

Sind Politiker masochistisch veranlagt?

Sie entscheiden sich ja ganz bewusst für die Politik. Und dass sie da leidensfähig sein müssen, wissen sie vorher. Aber Menschen verhalten sich nicht immer rational. Und es gibt ja auch schöne Dinge in der Politik.

Nämlich?

Wenn man Dinge umsetzen kann, die man sich vorgenommen hat. Wenn man mal sieht, dass man seine Überzeugungen durchgesetzt hat. Wenn einem jemand „Danke“ sagt für etwas, das man getan hat. Es gibt also Licht und Schatten im Politikerleben, aber das ist bei anderen Menschen ja auch so.

Nur dass Licht und Schatten bei Politikern etwas größer sind. Genauso wie die Bühne, auf der sie auftreten. Wie man die nutzen kann, zeigen US-Politiker wie Donald Trump. Der hat einen ungeheuren Unterhaltungswert. Braucht Politik in Deutschland auch mehr Unterhaltungswert? Würden sich die Leute dann mehr für Politik interessieren?

Das ist die falsche Schlussfolgerung. Man wird dadurch nicht anziehender für die Menschen, insbesondere für jüngere, die keine Lust haben, sich zu engagieren. Die wollen nicht, dass wir uns gegenseitig kloppen. Die wollen nicht, dass wir für bessere Umfragewerte andere schlecht machen. Die wollen kein „Dschungelcamp“ für Politiker.

Naja, Trump hat gerade ziemlich überzeugende Umfragewerte.

Wollen Sie Umfragen gewinnen oder gute Politik machen?

Das eine hängt wohl mit dem anderen zusammen. In den USA ist es auch üblich, dass Politiker, selbst Präsidenten, in Late-Night-Shows auftreten und ein paar Späßchen mit sich machen lassen. Sollte Angela Merkel auch mal in die „heute show“ gehen?

Hm. Also ich war ja der erste Politiker, der in der „heute show“ war. Ich habe lange überlegt: Soll ich’s machen, soll ich’s lassen? Ich bin dann mit gemischten Gefühlen hin. Die Sendung war auch okay. Aber Politiker sollen nicht alles machen.

(Video: Rainer Brüderle in der "heute show" – Interview geht unten weiter)

Was geht für Sie zu weit?

Ich habe nie eine Home-Story machen lassen. Ich habe nie einen Fotografen in meine Wohnung gelassen. Viele zeigen in Magazinen auf vier Seiten ihr Privatleben bis ins Schlafzimmer. Für mich ist an der Haustür Schluss. Ich habe auch noch eine private Intimsphäre.

Im Gegensatz zu einer öffentlichen?

Etwas Privates kann immer an die Öffentlichkeit gelangen. Dafür stehen Politiker zu sehr im Rampenlicht. Aber es muss Grenzen geben. Denn wenn man sich selbst zum Clown macht, darf man sich auch nicht wundern, wenn man als Clown eingestuft wird.

Macht man sich in der „heute show“ zum Clown? Ist es nicht einfach nur ein Rahmen, in dem man ein Publikum erreichen kann, das man sonst nicht mehr erreicht? Und ein Weg, Menschen für Politik zu interessieren, die kein großes Interesse daran haben?

Das stimmt schon. Aber ob die Bundeskanzlerin dort auftreten soll? Sie ist in einem zu hohen Amt, ich würde ihr das nicht raten. Man muss auch der richtige Typ dafür sein. Es gibt gute und fähige Politiker, die in so einer Show aber eine traurige Figur abgeben würden.

Braucht es denn grundsätzlich ein paar mehr Formate wie die „heute show“, die sich zwar mit Politik auseinandersetzen, aber anders?

Satire kann dafür sorgen, dass Menschen sich wieder für Politik interessieren, deshalb hat sie eine gute innere Begründung. Das deutsche Fernsehen verträgt das gut. Man muss aber vorsichtig sein: Denn bei Satire sind die Grenzen zum Lächerlichmachen fließend.

Und wie wäre es im Gegenzug mit etwas weniger von den klassischen Talkshows, wo die gleichen Menschen in regemäßigen Abständen das Gleiche sagen?

Es ist schon etwas viel. An jedem Abend läuft mindestens eine Talkshow. Das sind schon genauso viele, wie es Kochshows gibt.

Kann man Politik denn auch so lernen, wie man Kochen lernen kann?

Es gibt jetzt kein allgemeines Lehrbuch für Politiker, so wie es ein Kochbuch gibt, in dem steht: Eier, Mehl, Milch, umrühren. Es sind Erfahrungen, die man als Politiker machen muss. Interaktionen mit anderen.

Muss man auch negative Fähigkeiten erlernen, um in der Politik durchzuhalten?

Man muss Tricks und Intrigen kennen. Aber auf Dauer funktioniert das nicht. Jeder kluge Mensch lässt sich maximal einmal beschummeln. Wenn du nicht verlässlich bist, will keiner was mit dir zu tun haben.

Gibt es einen Kollegen, den sie für seine Verlässlichkeit besonders geschätzt haben?

Hans-Dietrich Genscher. Mit dem konnte ich offen und ehrlich reden. Er hatte immer einen guten Ratschlag. Auf ihn konnte ich mich verlassen.

Welchen Kollegen haben Sie gehasst?

Gehasst nicht, sehr geärgert habe ich mich schon über einige. Da möchte ich jetzt aber keine Namen nennen. Das schreibe ich vielleicht irgendwann mal in meine Memoiren.

Geben Sie mal ein Urteil ab, wie Ihre Politiker-Karriere gelaufen ist.

Ach, Eigenlob stinkt. Ich benote mich selbst nicht. Ich habe viel Schönes erlebt und auch viel Hässliches. Und ich bleibe ja auch lebenslang ein politischer Mensch.

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