POLITIK
03/09/2015 06:27 CEST

An alle, die glauben, mit einem Facebook-Like Flüchtlingen zu helfen

Facebook-Like für Flüchtlinge
gettystock
Facebook-Like für Flüchtlinge

7.32 Uhr. Ich sitze in der S-Bahn. Ich greife nach meinem iPhone in der Tasche, scrolle durch Facebook. #mundaufmachen. 42 meiner Freunde teilen den Aufruf gegen Rassismus von Joko und Klaas. Eine beeindruckende Zahl. „Ich mache MEINEN Mund gegen Hass auf!“, verkündet mein bester Freund stolz. 87 Freunden gefällt das. Soso.

Es ist nicht nur mein Kumpel, der seine Solidarität mit Flüchtlingen in den sozialen Netzen bekundet. Viele von euch denken, ihr habt mit einem Facebook-Like eure Pflicht in der Flüchtlingsdebatte erledigt. Ihr liegt falsch.

Die eigene Toleranz öffentlich zu äußern, ist inzwischen ein fester Bestandteil unserer digitalen Identität. Und unseres digitalen Egos. Aber was bringen die Klicks, Likes und Shares von Netztrends wie #mundaufmachen eigentlich den Betroffenen? Wollen wir damit nur unser digitales Ego streicheln oder konkret etwas für Flüchtlinge bewegen?

In den letzten Jahren hat sich unsere politische Empörung immer stärker in soziale Netzwerke verlagert. Wir bekennen uns, artikulieren uns, formieren uns. Facebook und Co. schenken uns ungeahnte Möglichkeiten, unsere Stimme zu erheben. Farbe zu bekennen. Sich mit anderen Menschen zusammenzuschließen. Das ist doch großartig – könnte man meinen.

Aber was bringt die digitale Beteiligung eigentlich den Menschen, mit denen wir uns solidarisieren? "Es ist eine kurzfristige, problemorientierte, betroffenheitsorientierte und teilweise sehr intensive, nicht nachhaltig und langfristig angelegte Beteiligung“, sagte Marianne Kneuer, Politikwissenschaftlerin der Universität Hildesheim dem Deutschlandfunk. Denn es ginge bei politisch-motivierten Netztrends meist stärker um die emotionale Komponente als um eine inhaltliche Auseinandersetzung.

Nehmen wir im digitalen Zeitalter noch Einfluss auf die politische Diskussion? Oder setzen wir nur noch abstrakte politische Akzente? Der Verdacht liegt nahe, dass es sich in den meisten Fällen nur um rein symbolische statt reale Partizipation handelt. Liken statt vor der Türe protestieren. Profilieren statt agieren.

Wir wollen uns und unseren Facebook-Freunden beweisen, wie politisch und reflektiert wir sind. Wir klicken, setzen ein Zeichen, lehnen uns zufrieden zurück. Aber Likes und Shares haben meistens keine nachhaltige Wirkung auf politische Prozesse.

Das bestätigt auch der Politikwissenschaftler Gary S. Schaal. Er hat die politische Beteiligung von 22- bis 35-Jährigen untersucht – online und offline. Das Ergebnis: Online-Partizipation kann die Defizite von Offline-Partizipation nicht ausgleichen. „Like-it-Buttons drücken bei politischen Themen bei Facebook, das ist nicht besonders anspruchsvoll“, sagt Schaal. Online-Partizipation habe auf die Politik viel weniger Einfluss als konkrete Protestaktion vor der Tür.

Seien wir also ehrlich mit uns selbst: Auch noch so viele Klicks laden unser Karma-Konto nicht auf. Auch noch so viele Shares werden die dramatische Situation der Flüchtlinge nicht nachhaltig verbessern. Lasst uns also aufhören, uns auszuruhen.

Die gute Nachricht: Auch online lässt sich etwas tun, das wirklich Sinn macht. Zum Beispiel mit der Aktion #welcomechallenge.

Angelehnt an die Ice Bucket Challenge – durch die etwa 90 Millionen Dollar für die Erforschung der Nervenkrankheit ALS zusammenkamen – sollen nun Menschen dazu bewegt werden, Flüchtlingen zu helfen. Motivation am Bildschirm, aber konkrete Hilfe offline.

Prominente wie Sarah Wiener machen auch mit. Die Köchin zum Beispiel besuchte eine Flüchtlingsunterkunft, sie brachte Essen für alle und Spielsachen für die Kinder. Es gehe darum, zum Ausdruck zu bringen, „dass wir in der Mehrheit sind und Flüchtlinge integrieren wollen“, sagte sie der Huffington Post.

Und das Echo gibt ihr Recht. Der Trend verbreitet sich rasend. Immer mehr Menschen posten Videos, in denen sie auf ihre Aktion für Flüchtlinge aufmerksam machen. Und mit einem Foto oder Video von der guten Offline-Tat können dann anschließend online Freunde nominiert werden.

Versteckt sich dahinter also ein Rezept, wie wir Facebook so einsetzen, dass es einen positiven Impact auf Flüchtlinge hat?

Liken, teilen, kommentieren – das Ego freut sich, aber Flüchtlinge haben nichts davon. Das ist nun klar. Wir müssen also einen Schritt weiter gehen und unsere Freunde in den sozialen Netzen direkt ansprechen: „Schau mal, was ich für Flüchtlinge gemacht habe. Hast du auch Lust?“

Wir müssen uns gegenseitig einbinden, uns auffordern. Wir müssen uns trauen, groß zu denken. Wir müssen den Rechner zuklappen und vor die Türe gehen. Für uns sind es nur ein paar kleine Schritte. Aber für die Flüchtlinge ist es eine symbolische Umarmung. Eine Umarmung, die uns nicht viel kostet – und die in Zeiten brennender Flüchtlingsheime wertvoller denn je ist.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Als diese Kinder eine Frage beantworten, sind die Erwachsenen schockiert

Hier geht es zurück zur Startseite