POLITIK
02/09/2015 03:57 CEST | Aktualisiert 02/09/2015 04:53 CEST

Das Ausland feiert Deutschland für seinen Einsatz in der Flüchtlingskrise

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Es sind Bilder für die Ewigkeit. Am Budapester Ostbahnhof skandieren tausende Flüchtlinge "Deutschland, Deutschland". Ob sie nun mit falschen Versprechungen in den Zug nach München steigen, sich ein besseres Leben erhoffen oder um ihr Leben fürchten: In München erwartet sie das Ende einer wochenlangen Odyssee.

Bürger spenden Essen und Trinken. Polizisten schlagen nicht auf sie ein und jagen sie mit Tränengas, sondern sind freundlich. Hier ist nichts zu spüren von dem Hass und dem Chaos, aus dem sie flüchten. Und nichts mehr zu lesen von den wutschäumenden Kommentaren in der ausländischen Presse über ein Deutschland, das Europa unterjocht. Deutschland als Feindbild? Das war einmal. Nun wird es als Vorbild gefeiert.

Die belgische Zeitung "De Standaard" kommentierte etwa:

"Abwarten und hoffen, dass das Problem von selbst in beherrschbare Bahnen gleitet - das schien Angela Merkels Markenzeichen zu sein. Nicht so in diesem Fall. Sie setzt ihr beeindruckendes politisches Kapital für eine gewagte, ja heldenhafte Strategie ein. ... Dies scheint ein anderes Deutschland zu sein, als die dominante Kraft, die sich so unbeugsam in der griechischen Schuldenkrise aufstellte. Aber das scheint nur so. Das Deutschland von Merkel ist sich durchaus seines historischen Erbes und seiner Verantwortung für Europa bewusst. Ihre Antwort auf existenzielle Spannungen ist daher allemal dieselbe: Solidarität ist ein grundlegender europäischer Wert, aber es müssen auch Regeln eingehalten werden. Merkels Vorbild ist erfrischend. Zugleich ist es Europas beste Chance, sich einen ehrbaren Weg durch diese grimmige Krise zu bahnen."

In Großbritannien ist man ähnlich euphorisch. Der britische "Independent" schreibt:

"Wir wollen es vielleicht nicht zugeben, aber Deutschland hat in der Flüchtlingskrise eine moralische Überlegenheit".

Während Angela Merkel gegen die niederen Instinkte ihrer Wähler ankämpfe, bediene sie David Cameron, kommentiert der "Independent". Der britische Premier vertritt seit Wochen eine harte Linie in seiner Flüchtlingspolitik.

Gelobt wurde vor allem die Aussetzung der Dublin-Prüfung bei syrischen Flüchtlingen. Diese sieht vor, dass Flüchtlinge dorthin zurückreisen müssen, wo sie das erste Mal Europa betreten hatten. Ende August schrieb die bulgarische "Kapital Daily":

"Es wird nun erwartet, dass Merkels Entscheidung zum Vorbild für andere EU-Staaten wird."

Die linksliberale "Liberation" schrieb gar:

"Merkel rettet im Flüchtlingsdrama die Ehre Europas."

Die Reaktion der Kanzlern sei eine Lektion der Humanität, die alle anderen nachdenklich stimmen sollten. Der französische "Figaro" verglich Merkels Rolle mit der des Präsidenten Hollande. Die konservative Zeitung kommentierte ebenfalls Ende August:

"Die Bundeskanzlerin hat die Angelegenheit in die Hand genommen. Sie hat alle Verantwortlichen der EU aufgerufen, Lösungen für die Flüchtlingskrise zu finden. Eine derartige Initiative hätte auch aus Paris kommen können. Sie kam jedoch von der "Eisernen Dame" in Berlin. Was wäre (der französische Präsident) François Hollande ohne Angela Merkel? Die Bundeskanzlerin unterscheidet zwischen den Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flüchten, und den Wirtschaftsflüchtlingen auf der Suche nach einem besseren Leben. Sie will Kriegsflüchtlinge aufnehmen, und die anderen nicht. Frankreich sollte diesem Beispiel folgen und viele West-Afrikaner in ihre Heimatländer zurückschicken, die ihr Glück in unserem Land suchen."

Die italienische Zeitung "Corriere della Sera" sieht den Grund für Merkels Politikwandel die toten Flüchtlinge, die in einem LKW in Österreich entdeckt wurden.

"Angela Merkel konnte sich nicht mehr länger ihrer Rolle entziehen, die sie in der Flüchtlingskrise spielen muss. Der schreckliche Tod in Österreich von 71 Menschen ist ein Massaker im Inneren Europas und innerhalb der deutschen Welt - kein Unglück außerhalb, also in jenem Mittelmeer, das weit mehr Opfer verschluckt. Die öffentliche Meinung in Deutschland wird erschüttert wie nie und es besteht die Sorge, dass Rechtsradikalismus und Neonazismus wieder aufblühen. Vor allem ist nun auch der Kanzlerin klar, dass das Flüchtlingsproblem andauert und dass es das Überleben Europas nicht weniger bedroht als die Finanzkrise."

Eines ist sicher: Deutschlands Einsatz im Flüchtlingsdrama hat dem Ansehen des Landes weit mehr genutzt als die jahrelangen Verhandlungen um Griechenland - und wird erheblich billiger sein.

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Das wollen die in München ankommenden Flüchtlinge den Deutschen sagen

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