WIRTSCHAFT
02/09/2015 15:51 CEST

Das Börsenbeben könnte erst der Anfang gewesen sein. Die Finanzwelt zittert vor dem 17. September

Das Börsenbeben könnte erst der Anfang gewesen sein. Die Finanzwelt zittert vor dem 17. September
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Das Börsenbeben könnte erst der Anfang gewesen sein. Die Finanzwelt zittert vor dem 17. September

Das große Beben an den Börsen ist vorbei, doch Experten sehen noch keine Anzeichen einer anhaltend positiven Stimmung. Das hat auch mit dem zu tun, was am 17. September in den USA entschieden wird.

Es geht um eine Zinswende. Was ist damit gemeint? Das ultrabillige Geld der Notenbanken hat die Kurse an den Börsen erst so richtig in die Höhe getrieben. Wenn die Zinsen in den USA wieder steigen, macht das Aktien weniger attraktiv. Manche Länder werden profitieren, andere zittern bereits jetzt.

Aber der Reihe nach.

Wird es heftige Kursrutsche geben? Oder haben die Börsen die Ankündigung einer möglichen Zinswende im September schon eingepreist? Die Einschätzungen könnten unterschiedlicher kaum sein. „Was genau passieren wird, weiß niemand“, bilanziert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

So viel ist klar: Die Nervosität steigt an den Märkten - denn manche Führungskraft ist so frisch im Job, dass sie noch nie eine US-Zinserhöhung aktiv miterlebt hat.

Es ist ja auch schon lange her, gefühlt eine Ewigkeit. Es wäre das erste Mal seit Juni 2006, erstmals seit dem Einbruch der US-Märkte nach einer schweren Immobilienkrise 2008, dass die Fed die Politik der Niedrigstzinsen auf quasi Nullniveau aufgeben würde. Es wäre das Ende des ultrabilligen Geldes, das Aktienkurse beflügelte. Es wäre gewissermaßen auch ein Schritt zurück in die Normalität. Die Märkte verlieren ein bisschen ihr Doping.

Als Signal an die Märkte wäre das daher auch eine Zeitenwende, sagt Andreas Hoefert, Chefökonom der Schweizer Großbank UBS, der Nachrichtenagentur dpa: "Das wäre das Zeichen, dass die Krise vorbei ist."

Von einer Anhebung um 0,25 Prozentpunkte ist die Rede - ein erster kleiner Schritt in Richtung Normalität nach sieben wirtschaftlich mageren Jahren und einer ungebremsten Geldschwemme der Zentralbank. Die US-Wirtschaft wächst laut einer Prognose des Internationalen Währungsfonds' (IWF) um bis zu drei Prozent im nächsten Jahr, der Arbeitsmarkt sieht gut aus, viele Indikatoren stehen also auf Grün.

Und doch hoffen Anleger auf eine spätere Zinswende in den USA. Manche hoffen: Bitte erhöht den Leitzins doch erst im Dezember!

Zumal: Nicht alle teilen den Optimismus beim Blick auf die größte Volkswirtschaft der Welt.Die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley etwa haben ihre Wachstumsprognose für 2016 um 0,8 Punkte auf 1,8 Prozent zurückgenommen.

In einem Worst-Case-Szenario sehen die Experten um Chefökonomin Ellen Zentner sogar eine kleine Rezession für die USA aufziehen. Und auch UB-Chefökonom Hoefert erkennt Unregelmäßigkeiten. So habe der US-Dollar zuletzt in der China-Krise nicht mehr von fallenden Aktienkursen profitiert.

Zieht die Notenbank die Zinsschraube zu früh an, gibt es ein großes Risiko: Sie könnte die von den Turbulenzen an den Märkten und der perspektivisch schwächer werdenden Nachfrage aus Schwellenländern wie China ohnehin irritierte US-Wirtschaft empfindlich abwürgen.

Andererseits: Wartet sie zu lange und pumpt weiter billiges Geld in eine ohnehin gut laufende Wirtschaft, könnte die dümpelnde Inflation plötzlich sprunghaft steigen.

Die Finanzszene schaut deshalb ganz genau auf den 4. September, wenn in den USA die Arbeitsmarktdaten für den August bekanntgegeben werden. Fallen sie ausgesprochen gut aus, könnte dies ein Indiz mehr sein, dass die Fed das tut, was viele Fachleute vor der China-Krise und dem Börsen-Beben erwartet haben: die Zinsen nach langer Zeit erstmals leicht erhöhen.

Fest steht: Es ist eine Zinsentscheidung, die die gesamte Welt bewegt. Denn in vielen Staaten herrscht pure Angst vor einer Zinserhöhung in den USA.

Schwellenländer wie Brasilien und China haben enorme Staatsschulden in US-Dollar; auch zahlreiche private Unternehmen vergaben einst auf Dollar lautende Anleihen. Die derzeit bärenstarke US-Währung würde durch den US-Zinsanstieg noch gestärkt, die Last der Schuldner höher.

Besonders betroffen wären die "Fragile Five" - die "Zerbrechlichen Fünf", zu denen Volkswirte neben Indonesien, Indien, Brasilien und Südafrika auch die Türkei zählen. Staaten wie Mexiko oder Kolumbien sind ebenfalls anfällig für Fed-Beschlüsse. Investoren, die dort ihr Geld geparkt haben, könnten es in Erwartung höherer Anlagezinsen abziehen und wieder in die USA verschieben. Der IWF fordert schon vorsichtshalber "Sicherheitsgurte" für die Schwellenländer.

Exportstaaten wie Deutschland könnten sich dagegen wegen des dann weiter andauernden Drucks auf den Euro - zumindest kurzfristig - freuen. Ein schwacher Euro hilft ihnen, mehr zu exportieren.

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