POLITIK
01/09/2015 16:37 CEST | Aktualisiert 01/09/2015 18:09 CEST

Wenn Franz Josef Strauß das geistige Elend seiner CSU noch miterleben müsste, er würde nach Preußen auswandern

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Manchmal genügen ein oder zwei Sätze eines einzelnen Politikers, um den erbärmlichen Zustand einer ganzen Partei offenzulegen.

Insofern sollten wir dem bayerischen Innenminister Joachim Herrmann dankbar sein. Binnen einer Woche hat er sich zweimal um Kopf und Kragen geredet und damit ganz nebenbei gezeigt, welch gigantische Schwierigkeiten die CSU mit den Realitäten des 21. Jahrhunderts hat. Franz Josef Strauß würde sich fremdschämen für die damit zur Schau getragene Unfähigkeit seines Möchtegernerbens, dem „Volk aufs Maul“ zu schauen.

Immer noch würde die CSU am liebsten so etwas wie eine „bayerische Staatspartei“ sein, die Wahlen mit der gleichen Selbstverständlichkeit gewinnt wie der FC Bayern München die deutsche Meisterschaft im Fußball.

Sammelbecken für Modernisierungsverlierer

Stattdessen ist sie zu einem Sammelbecken für Modernisierungsverlierer geworden.

Eine Zufluchtsort für all jene, die sich nach den Zeiten sehnen, in denen man selbst den klügsten Köpfen des Landes weismachen konnte, dass sich die Welt weiterdreht - und zwar um Bayern höchst selbst, dem Gamsbartuniversum des ewigen Stillstandes, in dem sich die Verhältnisse gefälligst nicht zu verändern hatten, weil dort Gottes eigene Volkspartei seit Adenauergedenken den himmlischen Willen vollstreckt und dabei tunlichst nicht gestört werden will.

So sähen es die Hausherren in der Münchner CSU-Zentrale jedenfalls gern.

Die Irrtümer des Joachim Herrmann

Davon zeugen die unvergleichbar bräsigen Auftritte von Joachim Herrmann, die in eine Zeit fallen, in der immer mehr Deutsche gegen Fremdenhass aufstehen und sich für notleidende Menschen engagieren, die in Deutschland Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen.

Im Münchner Hauptbahnhof haben am Dienstag Mitarbeiter der Deutschen Bahn aus eigener Tasche Getränke und Lebensmittel für Hunderte Flüchtlinge eingekauft, die mit Zügen aus Budapest gekommen waren. Selbst die Polizei twitterte gerührt, dass viele Freiwillige derzeit im Einsatz seien, um den gestrandeten Menschen zu helfen.

In dieser Situation besitzt Herrmann die Frechheit, bei Maybrit Illner den Publizisten Sascha Lobo anzupflaumen, dass man die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs beleidigen würde, wenn man zivile Kriegsopfer von heute mit genau diesem Begriff bezeichnen würde.

"Wunderbarer Neger"

Am Montag legte der offenbar völlig realitätsblinde Politiker nach. In der Talkshow „Hart aber fair“ bezeichnete er den Sänger Roberto Blanco (selbst bekennender Konservativer) als „wunderbaren Neger“. Gleich so, als hätte Herrmann die Diskussionen der vergangenen zwei Jahrzehnte um das „N-Wort“ in einem oberbayerischen Erdloch sitzend ignoriert.

Natürlich gibt es dort draußen immer noch Menschen, die dunkelhäutige Mitbürger gerne mit diesem Schmähbegriff belegen würden. Es sind aber vor allem jene, die immer mal wieder glauben, dieses und jenes „wohl noch sagen“ zu dürfen. Kurz: Es handelt sich vor allem um Leute, die sich von der gesellschaftlichen Modernisierung Deutschlands seit den Nullerjahren überfahren fühlen.

Treffend schrieb „Tagesspiegel“-Chefredakteur Lorenz Maroldt in seinem Newsletter „Checkpoint“: „Der kleine Joachim möchte bitte aus den 50er-Jahren abgeholt werden.“

Unsägliche Kampagne gegen "Bulgaren und Rumänen"

Herrmann ist beileibe kein Einzelfall. Überall in der CSU gibt es Politiker, die immer noch glauben, dass sie mit Parolen aus der guten, alten Bundesrepublik auch heute noch die Wählerherzen für sich gewinnen könnten.

Das prominenteste Beispiel für diesen intellektuellen Kurzschluss war die berüchtigte CSU-Kampagne gegen „Bulgaren und Rumänen“ im Jahr 2014. Parteichef Horst Seehofer glaubte offenbar, mit bestehenden Ressentiments gegen eine angebliche „Armutseinwanderung in die Sozialsysteme“ auf Stimmenfang gehen zu können.

Und so schürten Christsoziale zwischen Bad Brückenau und Garmisch-Partenkirchen Vorurteile gegen Zuwanderer aus Südosteuropa.

Schon Roland Koch ist mit einem Ressentiment-Wahlkampf gescheitert

Niemand dachte offenbar daran, dass zuvor schon Roland Koch mit einer Angstkampagne gegen „ausländische Intensivtäter“ im Hessenwahlkampf 2008 krachend gescheitert war.

Das Ergebnis bei der Europawahl 2014 war eine Ohrfeige: Nur noch 40 Prozent der Wähler mochten ihr Kreuzchen bei der CSU machen. Profitiert hatte nur die AfD: Acht Prozent stimmten in Bayern für das rechtspopulistische Original.

Die CSU war damit auf die Größe eines durchschnittlichen westdeutschen CDU-Landesverbandes heruntergewirtschaftet worden.

Gelernt hat die Parteiführung aus diesem Schaden nicht. Horst Seehofer brachte erst kürzlich die Einrichtung von Abschiebecamps für Flüchtlinge aus den Balkanländern ins Gespräch. Und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer hat derzeit allen Ernstes den Nerv, mit der Angst vor einer neuen „Völkerwanderung“ Stimmung zu machen. Damit knüpften die Christsozialen nahtlos dort an, wo die 2014 aufgehört hatten.

Franz Josef Strauß würde auswandern

Die bis in die Lächerlichkeit hinein vergeigten bundespolitischen Projekte wie das Betreuungsgeld und die Ausländermaut seien hier nur am Rande erwähnt. Die Zahl der aufrechten Bayern, die sich ehrlich und von Herzen für derart schamloses politisches Seppeltum schämen, dürfte mittlerweile überwältigend sein.

Man kann über Franz Josef Strauß geteilter Meinung sein. Aber zwei zentrale Eigenschaften zeichneten den Übervater der CSU aus: Einerseits hatte er die beinahe seismographische Fähigkeit, sämtliche Erschütterungen der Volksseele wahrzunehmen und in politische Forderungen umzusetzen. Und er verstand es, den Freistaat Bayern an die Spitze der Bewegung zu hieven, wenn gesellschaftliche Veränderungen zwingend erforderlich waren.

Zum Beispiel formte er einen bettelarmen und in Traditionen erstarrten Agrarstaat in einen Hightech-Standort um. Auch die Modernisierungsverlierer nahm er mit auf diesen Weg. Und er ließ sie nicht in dem Gefühl, dass sie bis ans Ende ihrer Tage in falschen Gewissheiten leben konnten.

Diesen Job übernimmt heute Bundeskanzlerin Angela Merkel. Daran besteht seit ihrem Auftritt vor der Bundespressekonferenz am Montag kein Zweifel mehr – wenngleich sich die Frage stellt, ob sie nicht zu spät reagiert hat.

Im Geisteslabyrinth der CSU bleibt dagegen alles beim Alten.

Franz Josef Strauß wäre am 6. September 100 Jahre alt geworden. Lebte er noch, er würde wohl schweren Herzens nach „Preußen“ auswandern. Dort, wo man das 21. Jahrhundert kapiert hat.

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