POLITIK
01/09/2015 08:19 CEST | Aktualisiert 01/09/2015 19:41 CEST

Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof: "In Deutschland bist du ein Mensch"

Sie kommen aus Ungarn über Österreich und landen in München, Deutschland: Stündlich kommen neue Flüchtlinge zu uns, in der Hoffnung, dass hier ein besseres Leben auf sie wartet. Mehr als 1000 waren es zwischen Montagabend und Dienstagmittag.

"In Deutschland bist du ein Mensch, haben Freunde mir gesagt", erzählt diese Frau (auch im Video oben), die mit ihren drei Kindern aus Syrien geflohen ist. "Bei uns zuhause gab es nichts, außer den Tod. Wir wollen uns hier integrieren, ein Teil der Gesellschaft werden."

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"Ich komme aus Aleppo in Syrien", sagt diese Frau. "Wir sind einen Monat gereist. Wir sind sehr müde. Jetzt sind wir sehr glücklich, hier bei euch zu sein. Ich habe Verwandte in Deutschland. Meine Kinder können hier zur Schule gehen."

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So wie diese beiden Frauen denken derzeit viele Flüchtlinge. In Budapest am Bahnhof skandieren die Zurückgebliebenen "Deutschland, Deutschland". Kein Wunder, dass die Behörden in diesem Jahr mit rund 800.000 Flüchtlingen rechnen. Rekord. Deutschland ist damit Ziel Nr. 1 in Europa für die Auswanderer und Vertriebenen.

Dass so viele Menschen nach Deutschland kommen (Tausende mehr sind laut Presseberichten unterwegs), daran ist aber auch die EU-Politik schuld, die sich auf keine gemeinsame Linie einigen kann.

In Ungarn wollten die Behörden die Flüchtlinge zum Beispiel nicht registrieren, sie wurden weitergeschickt, nach Deutschland. Ein Affront auf politischer Ebene – dessen Auswirkungen nun im Zentrum der bayrischen Hauptstadt zu erleben sind.

"Hungary bad, Germany good", sagen diese zwei Jungs. Sie wollen weiter nach Hamburg oder Berlin. Da hätten sie Freunde, sagen sie. Die Dankbarkeit der Flüchtlinge ist riesig.

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Helfer, viele privat, verteilen Wasser, Brezeln, Reis und Windeln. "Ihr trinkt zu wenig", sagt einer. Und er sagt: "Ich helfe gern. Wir würden uns doch auch über Hilfe freuen, wenn wir in so einer Situation wären." Ärzte versorgen die Menschen so gut wie möglich.

Die Münchner bringen sogar so viele Spenden, dass die Polizei am Nachmittag twittert, dass sie überwältigt sei - und dass es sogar schon zu viel werde.

Offenbar reicht dieser Tweet nicht, um die Hilfsbereitschaft zu bremsen, die Polizei wiederholt ihn sogar noch - und zusätzlich in englischer Sprache.

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Aber nicht alle Münchner sind sicher, was sie von den vielen Gästen halten sollen. Drei Männer diskutieren. Sie wollen keine Fotos von sich, ihre Meinung sei unwichtig. Und was sie sagten, sei "ja eh nur Allgemeinwissen".

"Ich habe Angst vorm Islam", sagt einer. "Das sind ja alles Muslime."

"Das sind arme Leute", sagt ein anderer. "Die haben keine Arbeit. Denen bleibt doch nichts anderes übrig, als kriminell zu werden."

"In zehn Jahren erkennt man Deutschland nicht mehr wieder", sagt der dritte. "Das werden immer mehr."

Diese Frau möchte gern mit uns über ein Erlebnis sprechen. "Ich habe gesehen, wie ein paar Syrer vor Erschöpfung auf den Boden schliefen. Da kam jemand vorbei und sagte: ,Haut ab, geht nach Hause'."

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"Da hätte ich heulen können über diese Ignoranz, dass die nicht sehen, dass es Leute gibt, die im ganz großen Elend leben und hier Hilfe suchen."

Bei 30 Grad warten die Flüchtlinge in der prallen Sonne auf Freunde oder Bekannte, die sie abholen. Sie bitten Passanten, deren Handys nutzen zu dürfen, damit sie Bescheid sagen können, wo sie gerade sind. Die Akkus ihrer eigenen Geräte haben die letzte Etappe der Reise nicht durchgehalten.

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Oder sie warten in der Schlange auf Plätze im Bus, der sie in die Bayernkaserne bringen soll – ihr vorläufiges neues Zuhause.

Immer wieder kommt es zu Beschimpfungen und Rangeleien, wer zuerst einsteigen darf. "Der nächste Bus kommt sofort", versucht ein Polizist zu beruhigen.

Die Beamten versuchen, für Ordnung zu sorgen. "Ja, geht's noch?", ermahnt einer einen Jungen, der einen anderen auf den Boden gestoßen hat.

Sie haben die Situation im Griff, obwohl sie nicht darauf vorbereitet gewesen seien, berichtet einer. Als er und seine Kollegen heute aufgestanden seien, hätten sie noch nichts von den ankommenden Zügen gewusst. Das ist sinnbildlich für den Zeitpunkt, an dem deutsche und europäische Politiker begonnen haben, sich mit dem Flüchtlingsstrom zu beschäftigen: viel zu spät.

Hier könnt ihr zwei Periscope-Videos sehen, die HuffPost-Reporter Chris Asche vor Ort mit dem Smartphone gedreht hat:

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

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