LIFESTYLE
31/08/2015 13:02 CEST | Aktualisiert 31/08/2015 13:06 CEST

An die Teenager, die nur auf ihre iPhones starren

Thinkstock
Teenager und Smartphones sind unzertrennlich.

Ich sehe euch jeden Tag in der U-Bahn, im Restaurant und beim Spazieren gehen. Ihr seht mich natürlich nicht, ihr seid zu beschäftigt, auf den Bildschirm eurer Smartphones zu starren. Es macht mich fassungslos.

Gestern stand ich vor dem Brunnen und wartete auf eine Freundin, neben mir mindestens ein Dutzend Teenager, alle beschäftigt mit ihrem Smartphone. Das Mädchen neben mir wischte unablässig mit den Fingern über den Bildschirm ihres iPhones. Es muss ihr echt wichtig sein: Sie hat den Apparat in eine bunte Hülle gesteckt und mit einem Hello Kitty-Anhänger geschmückt.

Ein alter Mann mit zerschlissenen Klamotten lief an uns vorbei und begann, in dem Mülleimer neben uns herumzustochern. Er suchte offensichtlich nach ein paar Pfandflaschen. Aus der Tasche des Mädchens ragte eine leere Colaflasche. Und das Mädchen? Keine Reaktion. Sie starrte auf ihr iPhone. Würde es ihr überhaupt auffallen, wenn jemand neben ihr ihre Hilfe braucht?

Wie kann man nur so teilnahmslos sein?

Alles, was um sie herum passiert, zieht an ihr vorbei. Konzentriert starrte sie auf den Bildschirm, strich darüber und tippte geschäftig. Sie verschwand durch das kleine Fenster in die virtuelle Welt.

Zwischen ihr und ihren Altersgenossen fühlte ich mich wie in einer Horde Zombies, die unfähig sind, mit der Welt um sich herum zu interagieren.

Aber sehen sie nicht die Welt da draußen?

Die Menschen um sie herum? Wie sie lachen und weinen? Die Vögel auf den Bäumen? Können sie nicht einfach das Hier und Jetzt genießen, das sehen, was vor ihren Augen liegt?

Aber vor ihre Augen halten sie ihre Smartphones. Das Mädchen starrte wie hypnotisiert auf ihr iPhone, während der Mann an ihr vorbeischlich, auf der Suche nach weiteren leeren Flaschen. „Anna!“ Ein Junge steuerte über den Platz auf sie zu und winkte. „Da bist du ja endlich“, maulte sie und steckte ihr Smartphone weg. „Ich hab gerade mit Emma geschrieben, es geht ihr überhaupt nicht gut, seit ihre Mutter tot ist.“

Ich zuckte zusammen. Sie war nicht da gewesen für den Flaschensammler, aber sie hatte die ganze Zeit versucht, einer Freundin durch eine schwere Zeit zu helfen. Das hatte ihre ganze Aufmerksamkeit beansprucht.

Der Junge wirkte betroffen. „Sollen wir dann gleich zu Emma gehen?“ Sie nickte kurz und sah sich um, nahm die Menschen um sich herum wahr. „Warte kurz.“ Sie ging auf den Flaschensammler zu und steckte ihm ihre leere Colaflasche zu.

Vielleicht sollten wir junge Menschen nicht dafür verurteilen, dass sie das Smartphone mit der Welt verbindet, dass es die räumlichen Grenzen überwindet.

Vielleicht sollten wir sie nicht dafür verurteilen, dass sie mit ihrem Smartphone alles herausfinden können, was sie wissen wollen: Wo finde ich die nächste Bank, hat die Post noch geöffnet und was sind die neuesten Nachrichten? Und am wichtigsten: Wie geht es den Menschen, die mir nahestehen?

Was ich lernte, war: Teenager nehmen doch an der Welt um sie herum teil - wir sehen es nur nicht, denn ihre Interaktionen spielen sich nicht vor unseren Augen, sondern in einer virtuellen, aber nicht weniger realen Welt ab.

Teenager, die ständig auf ihr iPhone starrren, sind kein Anzeichen für den Untergang unserer Zivilisation. Sie kommunizieren einfach nur anders als die Generationen vor ihnen. Denn dazu verwenden sie laut einer Umfrage ihr Smartphone am häufigsten: Für die Kommunikation mit Freunden – die sie oft schon außerhalb des virtuellen Raumes kennen gelernt haben. Eigentlich sind sie nicht anders als ihre Eltern, sie nutzen einfach nur mit großer Selbstverständlichkeit die neuen Technologien, mit denen ihre Väter und Mütter noch fremdeln.

Die Generation Z – wie unsere Teenager genannt werden – besteht aus sogenannten Digital Natives: Sie sind mit dem Internet aufgewachsen und die ständige Nachrichtenflut gewohnt. Deshalb haben sie angeblich eine geringe Aufmerksamkeitsspanne. Einen Beweis dafür bleibt die Wissenschaft aber bisher schuldig.

Bezüglich der Generation Z blicken viele Experten eher optimistisch in die Zukunft: Sie attestieren ihr mehr Selbstbewusstsein und Entschlossenheit, da sie wegen des demographischen Wandels wahrscheinlich entspanntere Bedingungen am Arbeitsmarkt vorfinden werden als ihre Vorgänger. So können sie sich mehr Freiheiten herausnehmen – beispielsweise für ihre Freizeit.

Und diese freie Zeit werden sie hauptsächlich mit ihrem Smartphone verbringen.

Sie werden Freunden schreiben, sich verabreden, Communities beitreten, ihr Auto verleihen, alte Bücher verschenken, Petitionen unterzeichnen und so ganz nebenbei die Gesellschaft verändern. Und das ist gut so.


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