POLITIK
31/08/2015 13:11 CEST | Aktualisiert 31/08/2015 14:26 CEST

Die Anti-Heidenaus: Diese Städte und Gemeinden wollen nicht WENIGER, sondern MEHR Flüchtlinge

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Menschen entkommen gerade so dem Tod in ihrer Heimat. Landen nach einer langen, anstrengenden Flucht in Deutschland, wähnen sich in Städten wie Heidenau und Freital endlich in Sicherheit.

Und dann tobt in ihrer neuen Heimat der Mob. Hetzt und zündelt. Und die Flüchtlinge müssen schon wieder um ihr Leben fürchten.

Dieser Terror kann und darf nicht sein, keine Frage

Aber vielleicht ist die Lösung nicht, immer und immer wieder die Konfrontation mit diesem "Pack" (O-Ton Vizekanzler Sigmar Gabriel) zu provozieren.

Vielleicht sollten wir uns lieber fragen: Wollen wir den Flüchtlingen das wirklich antun? Dass sie in Deutschland wieder an das erinnert werden, was sie gerade hinter sich haben?

Besser wäre es doch, auf diejenigen zu setzen, die Flüchtlinge nicht als Gefahr begreifen, sondern als Chance für unser Land. Und sogar als Notwendigkeit.

Konkreter:

Kommunen sollten keine Flüchtlinge mehr aufnehmen müssen – sondern sie sollen sie aufnehmen dürfen. Gemeinden, die Flüchtlinge aufnehmen wollen, können sich bewerben, müssen darlegen, dass sie Menschen unterbringen und verpflegen können, dass sie Schulplätze für die Kinder und Jobs für die Erwachsenen haben. Im Gegenzug fördert sie der Staat. Er gibt Geld für Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten.

Das bedeutet nicht, dem tobenden Mob entgegenzukommen. Sondern es bedeutet, die bestmögliche Lösung für Flüchtlinge zu finden. Und die zu belohnen, die bereit sind zu helfen. Viele kränkelnde Gemeinden würden davon profitieren, aber auch andere.

Kann ein solches Projekt funktionieren?

Ja, das kann es. Denn es gibt jetzt schon viele Anti-Heidenaus. Viele Kommunen, die nicht weniger Flüchtlinge wollen, sondern gern bereit sind, mehr aufzunehmen. Und die es verdient hätten, dafür gefördert zu werden.

Hier ist eine Auswahl:

Goslar

Goslar ist so etwas wie der Vorreiter unter den Orten, die um Flüchtlinge werben, allen voran Oberbürgermeister Oliver Junk (CDU). Aus seiner Sicht kann es gar nicht genug Zuwanderung geben. Goslar leidet extrem unter dem demografischen Wandel. Junk sagt: "Deutschland hat ein Problem mit der Geburtenpyramide. Flüchtlinge sind aus meiner Sicht auch hier ein Teil der Lösung und nicht ein Teil des Problems."

Neubrandenburg

Die Stadt Neubrandenburg will rund 200 Plätze für Flüchtlinge in einem ehemaligen Wohnheim und einem Hotel schaffen. In Mecklenburg-Vorpommerns drittgrößter Stadt leben derzeit rund 840 Asylsuchende, etwa doppelt so viele wie geplant. "Generell muss der Integrationsgedanke mehr in den Vordergrund gerückt werden“, sagt Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos).

Stuttgart

Stuttgart will bis Ende des Jahres 2016 insgesamt über 2000 neue Plätze für Flüchtlinge schaffen. Für die Gebäude und die Infrastruktur investiert die Stadt mehr als 50 Millionen Euro. "Unsere Landeshauptstadt ist eine weltoffene und menschliche Stadt, die im Sinne einer Willkommenskultur für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen steht", heißt es aus der Stadverwaltung.

Wirsberg (Landkreis Kulmbach)

Auch Wirsberg im Landkreis Kulmbach will noch mehr Asylbewerber aufnehmen. Mit einer freiwilligen Solidargemeinschaft will der Bürgermeister Hermann Anselstetter (SPD) erreichen, dass die Aufnahme von Asylsuchenden in den 22 Landkreisgemeinden über die Einwohnerquote erfolgt. So könnten im Landkreis Kulmbach 1001 Asylsuchende untergebracht werden. Gegenwärtig sind es erst 433.

Aalen

Aalens Oberbürgermeister Thilo Rentschler (SPD) hat angekündigt, die Stadt Aalen wolle mithelfen, mehr Flüchtlinge nach der Erstaufnahme in der sogenannten Anschlussunterbringung zu beherbergen. Die Unterbringung sei "unser gemeinsames Problem", sagt er.

Bad Krozingen

Bad Krozingen muss derzeit mehr Flüchtlinge als geplant unterbringen – und das dauerhaft. Aber die Stadt klagt nicht, sondern versucht, die Aufgabe in den Griff zu bekommen. "Wir sehen uns in der Pflicht", sagt Bürgermeister Volker Kieber (parteilos).

Wrestedt

Wrestedt ist eine kleine Gemeinde, scheinbar wie so viele überfordert damit, die zugeteilten Flüchtlinge unterzubringen. Es gibt keine geeigneten Unterkünfte. Dennoch sagen sie dort: "Wir stellen uns der Verantwortung und wollen die Menschen, die hier ankommen, mit offenen Armen aufnehmen."

All diese Städte zeigen: Es ist Zeit, darüber nachzudenken, Flüchtlinge anders in Deutschland zu verteilen. Sie dorthin zu bringen, wo sie willkommen sind, wo sie gebraucht werden. Ganz Deutschland und den Flüchtlingen wäre damit geholfen.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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