POLITIK
30/08/2015 08:24 CEST | Aktualisiert 30/08/2015 09:04 CEST

Verfassungsschutz: Dieses Dorf wird "fast vollständig von Rechtsextremen beherrscht"

dpa
"National befreite Dörfer": Die Strategie der NPD in Jamel

Ganz Deutschland blickt in diesen Tagen nach Heidenau. Kein Wunder: Demonstrieren doch dort Rechte gegen eine Unterkunft für Asylbewerber, bedrohen den Bürgermeister, beschimpfen die Kanzlerin und greifen Unterstützer der Flüchtlinge an.

Doch ein Heidenau gibt es in vielen Regionen - so steht es in einem aktuellen Bericht des Verfassungsschutzes, über den die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtet. In vielen Gemeinden in Ostdeutschland, aber auch in Bayern übe die NPD Druck aus, schreibt die "FAS". Sie bedrohe Aktivisten gegen Rechts, aber sie heize auch verdeckt den Fremdenhass an. Dieses Muster sei derzeit auch in Heidenau zu beobachten.

Besonders krass sei die Situation aber im mecklenburgischen Dorf Jamel, warnen die Verfassungsschützer. Jamel werde "gesellschaftlich fast vollständig von Rechtsextremen beherrscht". Es gebe dort "Wandgemälde im NS-Stil und Wegweiser mit Hinweisen auf Hitlers Geburtsort". Das Städtchen liegt nur weniger Kilometer von der Ostseeküste entfernt zwischen Wismar und Grevesmühlen. Jamel ist für die Rechten so etwas wie die Blaupause für ihre Strategie in Dörfern und Kleinstädten wie Heidenau.

Auch hier schrecken die Rechten nicht vor Gewalt zurück. Erst vor zwei Wochen war in dem Ort eine Scheune eines Künstler-Ehepaares in Brand gesteckt worden, dass sich gegen Rechte engangiert. Laut Aussagen von Dorfbewohnern, hat die NPD in dem Ort ein Klima der Angst geschaffen.

Hinter den Vorfällen stehe eine "Strategie der nationalen Dörfer" der NPD, berichtete der "Deutschlandfunk" in einem Beitrag kürzlich. Die Besitzer der Scheune sagten dem Sender:

"Es ist, wenn man das Dorf betritt, ganz schnell zu bemerken und zu sehen, dass es ein von Nazis dominiertes Dorf ist, weil die sich nicht entblöden, hier an jeder Ecke oder Hauswand ihre Nazi-Insignien zu malen oder aufzustellen. Also es ist schon richtig ein Freilichtmuseum des Neonazitums geworden, sagen wir mittlerweile."

Unter anderem finden sich auf Wandgemälden im Dorf die Beschriftung: "Dorfgemeinschaft Jamel - frei, sozial, national". Manche Schmierereien zeigen KZ-Verbrennungsöfen.

Wie stark die NPD-Strukturen in machen Dörfern sind, hat die Journalistin Andrea Röpke in einem Buch über die Nazi-Strukturen in Mecklenburg-Vorpommern aufgeschrieben, das im April veröffentlicht wurde. Die Rechten hätten mittlerweile eigene Wirtschaftsstrukturen in den Dörfern aufgebaut, mit Kneipen, Handwerksbetrieben, Fuhrunternehmen, schreibt sie.

All das zeigt: Hinter den rechten Krawallen in Heidenau und anderen Orten steckt mehr als nur "spontaner Volkszorn" auf Flüchtlinge und Ausländer. Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit unterwandern die Rechten die Dorfgemeinschaften - um diese Entwicklung zu bekämpfen, hilft aber nicht nur mehr Polizei. Die Menschen in diesen Gegenden brauchen eine Perspektive jenseits des Nationalismus.

Die Bürgergesellschaft jedenfalls hat Jamel noch nicht aufgeben. Am Samstag kamen 1200 Menschen zu einem Konzert gegen Rechts in den Ort, auf dem unter anderem die Toten Hosen spielten.

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