POLITIK
29/08/2015 14:27 CEST

4 Gründe, warum Deutschland eine Woche der Schande hinter sich hat

dpa

Es liegt eine beängstigende Woche hinter uns.

Sieben größtenteils traurige Tage, an denen die Debatte um Flüchtlinge, Toleranz und Fremdenhass in Deutschland noch einmal in eine ganz neue Perspektive gerückt wurde.

Es ginge zu weit zu behaupten, Deutschland sei nach den vergangenen 168 Stunden ein anderes Land. Das ist es natürlich nicht, auch wenn man sich das angesichts der Bilder pöbelnder Neonazis gelegentlich wünscht.

Doch es war eine Woche, die uns eine Vorstellung davon gibt, in welch gewaltigem Ausmaß die Flüchtlingskrise Deutschland und Europa verändern wird. Denn man wird das Gefühl nicht los, dass das alles erst der Anfang war. So erschreckend das klingen mag.

Selten in diesem Jahr war es angesichts des offenen Hasses auf den Straßen treffender, einen Vergleich zur Situation vor 23 Jahren zu ziehen, als gewaltbereite Rechte in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen Asylbewerber regelrecht terrorisierten.

Zurecht stellt Journalist Heribert Prantl am Samstag in der "Süddeutschen Zeitung" eine treffende Gleichung auf, die die Lage in unserem Land mit ein paar Zahlen und Buchstaben auf den Punkt bringt: "2015 = 1992 + Internet", schreibt Prantl. Wir stimmen zu.

Hier sind 4 Gründe, warum Deutschland eine Woche der Schande hinter sich hat:

1. Der Hass erreicht neue Dimensionen

Keine Frage: In Freital und bei etlichen Pegida-Demonstrationen war es zuvor auch immer wieder zu Szenen gekommen, die menschenunwürdig sind. Doch Heidenau ist die nächste Eskalationsstufe.

Leere Bierflaschen und Steine flogen auf Polizisten und Flüchtlinge, etliche Heidenauer machten sich erst gar keine Mühe mehr, ihre rechte Gesinnung zu verheimlichen. Wie bedrohlich die Situation in Heidenau ist, bekam auch die Kanzlerin zu spüren. Als Angela Merkel am Mittwoch in die sächsische Kleinstadt fuhr, bekam sie den Hass zu spüren, der am Wochenende Flüchtlingen entgegenschlug. Diesmal warfen die Rechtsextremisten zwar keine Steine, aber Demonstranten skandierten "Volksverräter, Volksverräter", riefen "Merkel muss weg" und bezeichneten sie als "Fotze".

2. Die Politik ist in eine Art Schockstarre verfallen

Die Erwartungen an Merkel waren hoch, bevor sie nach Heidenau fuhr. Es war das erste Mal überhaupt (!), dass sie als Kanzlerin ein Flüchtlingsheim besuchte. Und außer ein paar Floskeln blieb am Ende nicht viel von Merkels Auftritt. Die von vielen erhoffte "klare Kante", die "Faust auf dem Tisch", ein Donnerwetter, gab es nicht. Mal wieder nicht, muss man fast schon sagen.

Stattdessen glänzte Bundespräsident Joachim Gauck. Mal wieder, muss man sagen. Gauck sprach vom "hellen Deutschland" - den vielen freiwilligen Helfern - und "Dunkeldeutschland" - den "Hetzern und Brandstiftern", deren "Verunzierung des Landes" nicht geduldet werden dürfe.

A propos Ratlosigkeit bei Politikern: Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU), immerhin zuständig für die Polizei seines Landes, hatte zuletzt vorgeschlagen, eine Art Bürgerpolizei einzusetzen, um Flüchtlingsheime künftig besser zu schützen. Da bleibt die Frage: Gibt es eine offenere Kapitulation der Politik gegenüber rechtem Terror?

Ulbig wurde am Freitag übrigens von linken Demonstranten verjagt, als er in Heidenau ein Willkommensfest für Flüchtlinge besuchen wollte.

3. Die Hemmschwelle, sich strafbar zu machen, sinkt dramatisch

"Das ist nicht unser Deutschland", sagte Joachim Gauck am Freitag, als er nach den brennenden Flüchtlingsheimen gefragt wurde. Leider muss man Gauck widersprechen.

Beinahe täglich gehen derzeit geplante Asylunterkünfte in Flammen auf. In der Nacht zum Freitag haben Unbekannte im niedersächsischen Salzhemmendorf einen Molotowcocktail in die Wohnung von Asylbewerbern geworfen. Die dort lebende Mutter und ihre drei Kinder blieben nur unverletzt, weil sie sich im Nebenzimmer aufhielten.

Der Verfassungsschutz ist alarmiert und untersucht mittlerweile, ob es sich bei den deutschlandweiten Anschlägen um organisierten Terror handelt. Fakt ist: Die Hemmschwelle, Gewalt gegen Asylbewerber anzuwenden und sich damit strafbar zu machen, sinkt dramatisch.

4. Die Toten liegen jetzt nicht vor unserer Haustür - sondern in unserem Wohnzimmer

Die Flucht aus Krisenstaaten endet für viele Menschen tödlich. Das wissen die Deutschen. Doch für die allermeisten dürfte es sich bisher noch angenehm weit weg angefühlt haben, wenn es wieder neue Meldungen über tote Flüchtlinge im Mittelmeer gab. Seit Donnerstag ist alles anders. I

In einem Lastwagen waren 71 Flüchtlinge qualvoll erstickt, darunter acht Frauen und vier Kinder. Die Fotos des Lkw gingen um die Welt. Er stand auf dem Seitenstreifen der Autobahn 4 in Österreich. Viele Deutsche Urlauber dürften unwissend an dem Lkw vorbeigefahren sein, als sich im Innern des Kühltransporters unvorstellbare Szenen abgespielt haben müssen. Jeden Tag könnte sich solch ein Drama auch in Deutschland ereignen.

Das wissen die Deutschen jetzt.


Lesenswert:

"„Du Fotze”: Nazi-Göre pöbelt gegen Merkel

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite