POLITIK
24/08/2015 13:28 CEST | Aktualisiert 25/08/2015 09:28 CEST

Politiker und Wissenschaftler fordern: Schule soll erst um 9 anfangen

Politiker und Wissenschaftler fordern: Schule soll  erst um 9 anfangen
Goodshoot via Getty Images
Politiker und Wissenschaftler fordern: Schule soll erst um 9 anfangen

Frühes Aufstehen kann gesundheitsschädlich sein - besonders für Jugendliche. Sie müssen morgens entgegen ihrem Biorhythmus früh in die Schule, können abends aber nicht schlafen und leiden so unter ernst zu nehmendem Schlafmangel.

Der bildungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Özcan Mutlu, fordert in der Huffington Post deswegen einen späteren Unterrichtsbeginn: "Zwischen dem Wunsch nach Konzentration und der tatsächlichen Konzentrationsfähigkeit klafft eine Lücke", sagte er. So würden etwa Schüler einer siebten Klasse den Matheunterricht um 8 Uhr morgens nur bedingt folgen können. Der Biorhythmus der Schüler beantworte komplexe Aufgabenstellungen dann eher mit "Lass noch 'ne Runde schlafen!“

Zustimmung bekommt er vom SPD-Bildungs-Experten Ernst Dieter Rossmann. Es müsse endlich ernstgenommen werden, was die Lernpsychologie und die Schulpädagogik sage. Ein späterer Schulbeginn würde dem natürlichen Biorhythmus der Kinder, ihrer Konzentrationsfähigkeit sowie ihrer Lern- und Leistungsmöglichkeiten viel besser entsprechen. "Eine moderne Schule braucht auch moderne Bildungs- und Lernzeiten.", fordert er.

Dabei sieht er durchaus die Möglichkeit schneller Reformen: "Die Chancen für eine Neubestimmung der Schulzeiten stehen besser als früher, weil mit dem Ausbau der Kindertagesstätten und der Ganztagsschulen die Infrastruktur für eine andere Zeitverteilung im Schultag ausgebaut worden ist. Denn ein späterer Schulbeginn, was die intensiven Lern- und Leistungsphasen angeht, setzt für viele Kinder und Jugendliche, solange deren Eltern an frühe Arbeitszeiten gebunden sind, gleichwohl eine Eingangszeit im Schulhort oder in der Schule selbst und eine Mittagsverpflegung voraus. Dafür sind die Voraussetzungen in Deutschland schon relativ breit geschaffen, auch wenn sie noch nicht überall gegeben sind."

Auch Wissenschaftler unterstützen den Vorstoß. Biologe und Buchautor Peter Spork ("Wake up! Aufbruch in eine ausgeschlafene Gesellschaft") erklärt, dass es nichts nütze, Kinder und Jugendlichen früher ins Bett zu schicken. Der Huffington Post sagte er: "Wir sollten schnellstmöglich etwas tun, weil ausreichender Schlaf für das Lernen besonders wichtig ist und weil es gerechter ist, wenn alle Schüler im Leistungshoch unterrichtet werden. Er fordert einen Schulbeginn nicht vor 9 Uhr, und für die Oberstufe nicht vor 10.

"Es gibt drei Gründe, warum fast alle Jugendliche in unserer Gesellschaft ein riesiges chronische Schlafdefizit aufbauen: Sie haben ein größeres Schlafbedürfnis als Erwachsene, sie werden aufgrund ihrer Biologie abends erst spät müde und morgens deutlich später als beispielsweise ihre Eltern oder Lehrer wach und die Schule beginnt um acht Uhr oder früher", sagte er der Huffington Post.

Erwartungsgemäß findet die Idee auch bei jungen Leuten Zustimmung. Die 17-jährige Naina, die Anfang des Jahres mit ihrer Twitter-Kritik am Lehrplan eine Bildungsdebatte ausgelöst hatte, erklärte, sie fände einen Schulbeginn um 9 Uhr gut. "Ich höre immer wieder von jüngeren Freunden, dass sie die ersten Stunden schwänzen oder im Unterricht schlafen, weil sie zu müde und unkonzentriert sind, und das ist ja wirklich nicht der Sinn von Schule. Ich glaube, dass sowohl Schüler als auch Lehrer und Eltern davon profitieren könnten."

Auch die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder plädiert dafür, die erste Stunde in der Oberstufe erst um 9 Uhr beginnen zu lassen. In der "Welt am Sonntag" sagte sie, ein späterer Schulbeginn könne sich auch positiv auf das Familienleben auswirken: "Oft arbeiten beide Eltern Vollzeit. Zumindest in den akademischen Berufen geht der Trend zur flexiblen Arbeitszeit, ein Arbeitsbeginn von neun Uhr ist sehr verbreitet. Ein gemeinsames Frühstück wäre mit einem späteren Schulstart wahrscheinlicher. Und auch abends wäre es etwas weniger Stress, weil die Kinder nicht so früh ins Bett müssten."


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Sitzenbleiben langfristig sinnlos: Warum es besser ist, mit schlechten Noten weiterzukommen

Hier geht es zurück zur Startseite