WIRTSCHAFT
24/08/2015 13:04 CEST | Aktualisiert 26/08/2015 04:48 CEST

Deutschland steuert auf eine Katastrophe zu. Es steht viel auf dem Spiel

Thinkstock

Wer allein schon bei den Worten Börse, Dax und Wall Street schnell weiterklicken möchte, macht in diesen Tagen einen gewaltigen Fehler.

Es braut sich an den Finanzmärkten nämlich etwas zusammen, ein unheimlich düsteres Szenario – eines, das uns alle – die einen früher, die anderen später - betrifft. Und eben nicht nur Profi-Anleger, die mit Millionen jonglieren.

Die Börsen beben weltweit. Die Kurse sacken ab. In einer Geschwindigkeit, die an die Finanzkrise 2008 erinnern. Einige Börsen-Kenner argumentieren, dass das nur eine notwendige Kurskorrektur ist. Andere sagen einen gewaltigen Crash noch vor Jahresende voraus.

Auch wenn wir es womöglich erst zeitversetzt bemerken werden: Es geht um viel. Um unsere Zukunft. Um Arbeitsplätze. Um unsere Altersvorsorge. Kommt es wirklich zu einem Crash und dadurch zu einer globalen Wirtschaftsflaute, wird der gesamte gesellschaftlichen Zusammenhalt auf die Probe gestellt.

1. Brandherd: Chinas Schwäche

China schwächelt. Und wer jetzt denkt, dieses Land ist doch ganz weit weg, der irrt.

China ist nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Und diese große Volkswirtschaft wächst so langsam wie seit 1990 nicht mehr.

Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Rest der Welt, konkret auch auf deutsche Firmen. Adidas wird zum Beispiel leiden oder der Chiphersteller Infineon. Vor allem aber Volkswagen.

Der Autobauer macht etwa ein Drittel seines Umsatzes in China, musste bereits seine Produktion drosseln. Ein hochrangiger VW-Manager rechnet mit einer „Durststrecke von bis zu einem Jahr.“

Zwei Prozentzahlen verdeutlichen die Konsequenzen: „In den ersten fünf Monaten dieses Jahres legten die Exporte nach China nur noch um magere 1,4 Prozent zu“, berichtet die „Wirtschaftswoche“. 2010 habe die Zuwachsrate noch bei 44 Prozent gelegen.

Das werden wir alle spüren, ist sich Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sicher: "Auf ein schlechter laufendes China-Geschäft werden viele Unternehmen zunehmend mit geringeren Investitionen auch im Inland reagieren."

Mit anderen Worten kann das auch weniger neue Beschäftigung bedeuten. Im schlimmsten Fall: Kündigungen - bei uns in Deutschland.

Chinas Schwäche besorgt die Anleger auch deshalb, weil bisher eine Gewissheit galt: Wenn es dort an den Finanzmärkten kriselt, wird es die Zentralbank mit Interventionen (wie eigenen Aktienkäufen, Zinssenkungen oder einer Abwertung der Währung) schon richten.

Auch diesmal versuchte sie, „koste es, was es wolle, jeden Pfeiler ihres Finanzsystems eiligst zu stützen“, erklärt Joachim Goldberg, Börsen-Experte der WGZ Bank. Doch die Interventionen blieben diesmal „ohne spürbare Wirkung“.

Das Gefühl, die chinesische Zentralbank habe die Lage im Griff, ist futsch. Es gibt ein „Kontrolldefizit“ (Goldberg), das man so nicht erwartet hatte. Und Überraschungen, so viel steht fest, sind Gift für die Märkte. Hier zählt Berechenbarkeit.

2. Brandherd: die Schwellenländer

„Über den Währungen der Schwellenländer braut sich ein schweres Gewitter zusammen“, warnt Bernd Berg, Währungsstratege der französischen Großbank Société Générale. Und er meint damit nicht nur China.

Die Schwellenländer waren eigentlich seit Jahren die Hoffnungsträger der Weltwirtschaft, auf die sich die Industrieländer als Abnehmer ihrer Produkte verlassen haben.

Doch so wie sie einst nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise der Weltwirtschaft auf die Sprünge halfen, drohen sie nun diese mit in den Abwärtsstrudel zu reißen.

Brasilien, Indonesien, die Türkei, Südafrika und Indien gelten für Experten als die „Fragilen Fünf“. Und in dieser Reihe fehlt noch Russland. Denn Putin hat seinen engsten Verbündeten verloren: den hohen Öl-Preis, an dem ein Großteil des Staatshaushaltes hängt. Hinzu kommen die Sanktionen des Westens. Die Stimmung ist mies.

Auch die Schwellenländer-Krise bleibt nicht ohne Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Schließlich geht es um Milliardengewinne. Oder eben auch Milliardenverluste.

Es geht um die Frage, ob die Schwellenländer als Käufer der Produkte von Industrienationen ausfallen könnten.

40 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in die Schwellenländer, rechnet die „Wirtschaftswoche“ vor.

Bisher versprachen die Schwellenländer für Anleger eine attraktive Rendite in Zeiten von Niedrigzinsen, deshalb floss das Geld der Anleger dorthin. Doch wenn die Zinswende der US-Notenbank beginnt, werden unsichere Aktienanlagen in Schwellenländern stärker gemieden und vielen Firmen dort könnte frisches Kapital fehlen. Die Folge: ihr Aus.

3. Brandherd: eine mögliche Kettenreaktion

Wenn sich die Krise der Schwellenländer verschärft, droht eine Kettenreaktion. Eine globale Konjunkturflaute. Kommt es dazu, sind auch die positiven Entwicklungen in der Euro-Zone schnell wieder vorbei. Und Deutschland hat ganz andere Probleme als die Griechenland-Rettung.

Deutschland hat ja bereits gewaltige Konjunkturpakete gestemmt, um die Finanzkrise von 2007 abzufedern. Die Gesamtverschuldung in Deutschland beträgt 77,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Alle großen Volkswirtschaften sind heute höher verschuldet als zu Beginn der Finanzkrise, Deutschland zwar deutlich moderater als andere Länder. Dennoch: Den Spielraum für umfassende Konjunkturpakete gibt es in Wolfgang Schäubles Haushaltsplänen schlicht nicht.

Auch deshalb nicht, weil die Große Koalition bisher vor allem für große Geschenke für ältere Menschen (Rente mit 63) steht und eine Politik zulasten der jüngeren Generationen macht.

Würde sich die wirtschaftliche Situation durch einen Crash an den Finanzmärkten verschärfen, würde auch der Mindestlohn stärkere Negativ-Effekte als bisher haben - gerade in Ostdeutschland drohen dann Zehntausende Jobs wegzufallen.

4. Brandherd: die politische Dimension

Hinzu kommt natürlich eine politische Dimension. Wenn Deutschland, der Musterschüler Europas, in die Krise schlittern würde und die Arbeitslosigkeit steigen würde, würde die Wortwahl der fremdenfeindlichen Vollidioten wohl noch ekelerregender.

Schließlich argumentieren sie ja jetzt schon (in Zeiten, in denen die deutsche Wirtschaft noch recht gut dasteht) damit, dass es ihnen so schlecht gehe, aber für die Asyl-Bewerber unfassbar viel Geld locker gemacht würde.

Stellt euch die Diskussion mal vor, wenn es Deutschland wirklich richtig schlecht gehen würde. Das will man nicht erleben.

Auch Europas Süden würde wieder um Jahre zurückgeworfen, die ersten Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung wäre schnell verflogen. Die politischen Ränder würden gestärkt. Und die Notenbanken haben angesichts der ohnehin historisch niedrigen Zinsen kaum noch Möglichkeiten, mit weiterem billig Geld die Wirtschaft anzukurbeln. Wie gesagt: Das will man nicht erleben.

5.Brandherd: die Zinswende

Überhaupt ist die sich andeutenden Zinswende in den USA die große Unbekannte dieses Jahres. Das ultrabillige Geld der Notenbanken hat die Kurse an den Börsen ja erst so richtig befeuert. Wenn jetzt die Zinsen in den USA wieder steigen, macht das Aktien weniger attraktiv.

Wie heftig die Kursrutsche sein können, ist unklar. Haben die Börsen die Ankündigung schon eingepreist? Oder kommt es zu heftigen Verwerfungen. Die Einschätzungen könnten unterschiedlicher kaum sein.

Im schlimmsten Fall kommt es zu weiteren heftigen Kurskorrekturen. Oder sogar zu einem regelrechten Crash, den der umstrittene Börsen-Guru Martin Arthur Armstrong für den 17. Oktober 2015 prognostiziert, weil sich an den Märkten durch das billige Geld der Notenbanken große Spekulationsblasen gebildet hätten. Auch der US-Trendforscher Gerald Celente prognostizierte jüngst „noch vor Jahresende einen Crash am weltweiten Aktienmarkt.“

6. Brandherd: unsere Altersvorsorge

Wenn die globale Krise wirklich kommt - und das jetzt erst der Anfang eines Börsen-Bebens ist – ist das auch ein gewaltiges Problem für unsere Altersvorsorge. Viele von uns werden ihr Leben lang arbeiten – um im Alter zu bemerken, dass die staatliche Altersvorsorge nicht reicht, um davon zu leben.

Viele legen ihr Geld trotzdem noch auf ihr Sparbuch oder aufs Tagesgeldkonto, obwohl die nur mickrige Zinsen bringen. Die einzige Chance, wirkungsvoll für das Alter vorzusorgen, sind daher riskantere Anlagen: Aktien zum Beispiel.

„Langfristig bringen sie fünf Prozent mehr als eine risikolose Zinsanlage“, erklärt Stan Beckers, Leiter der niederländischen Vermögensverwaltung NN Investment Partners. „Aber die Kursschwankungen der Aktien sind momentan natürlich enorm. Wer das nicht aushalten kann, der sollte sich besser fernhalten. Ich würde auch vor zu großer Euphorie warnen, gerade nach sechs Jahren Hausse.“ Also nach sechs Jahren Börsen-Rallye.

Sollte es tatsächlich zu einem gewaltigen Crash kommen, wäre die Geldanlage in Aktien für die Generation der heute 50-Jährigen womöglich komplett verbrannt. Weil der Crash im Gedächtnis bleibt und die guten Jahren davor vergessen werden.

7. Die Hoffnung

Es gibt auch Beobachter, die noch relativ entspannt bleiben und davon ausgehen. „„Ich rechne damit, dass der Dax zum Jahresende und im kommenden Jahr höher als derzeit notiert“, schätzt Commerzbank-Analyst Michael Wiaterek in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". „Die aktuelle Unruhe kann man für Aktienkäufe nutzen.“ Damit ist er nicht allein .

Auch Reinhard Pfingsten vom Frankfurter Bankhaus Hauck & Aufhäuser hält die Panik für übertrieben und erwartet nur ein „kurzfristiges Abtauchen unter die 10.000“.

Auch eine globale Rezession ausgelöst durch eine Kettenreaktion von China und anderen Schwellenländern – „dies scheint der Markt ja derzeit einzupreisen“ – hält er für unwahrscheinlich. Sein Rat an Anleger: „mit einer gewissen Nüchternheit durch die Phase gehen.“

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln mahnt, zu viel in den Crash hineinzuinterpretieren. "Der Aktiencrash an den chinesischen Börsen hat lediglich die kurzfristigen Höhenflüge der vergangenen Monate beendet. Da zudem nur wenige Chinesen Aktien besitzen, werden die Verluste die Binnennachfrage in der Volksrepublik nicht nachhaltig ausbremsen", analysiert IW-Köln-Experte Matthias Diermeier.


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