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21/08/2015 12:13 CEST | Aktualisiert 21/08/2015 13:33 CEST

Was Pater Oliver macht, ist absolut nicht sein Job - und macht vielen Menschen Hoffnung

Christoph Asche
Pater Oliver hilft in Duisburg-Marxloh Migranten ohne Krankenversicherung

Wer mit Pater Oliver sprechen will, der muss erst einmal an einer Schlange von Flüchtlingen vorbei. Die meisten von ihnen können kein Deutsch, viele tragen ihre Kinder auf dem Arm.

Sie warten geduldig im Hinterhof der katholischen Kirche St. Peter in Duisburg-Marxloh darauf, dass ihnen jemand hilft.

Bis zu 90 Patienten am Tag

"Es kommen jede Woche mehr", sagt Pater Oliver. Sein kleines Büro befindet sich im ersten Stock des sozialpastoralen Zentrums Petershof, nur wenige Minuten vom Marxloher Marktplatz entfernt.

Seit einigen Monaten verarzten er und ein Team aus freiwilligen Helfern einmal pro Woche Flüchtlinge. Der Petershof wird dann zur provisorischen Klinik. "Am ersten Tag im November 2014 kamen zwölf Flüchtlinge. Heute sind es an manchen Tagen bis zu 90", sagt Pater Oliver.

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Viele der Menschen, die zu Pater Oliver kommen, stammen aus Südosteuropa. Niemand von ihnen hat eine Krankenversicherung, einen "normalen" Arztbesuch können sie die meisten nicht leisten (Credit: HuffPost/Christoph Asche)

Pater Olivers Einrichtung macht nachdenklich. Denn wer in Deutschland einen Asylantrag gestellt hat, hat Anspruch auf medizinische Hilfe.

Warum also gehen die Flüchtlinge zu Pater Oliver?

Vielleicht, weil das deutsche System Einschränkungen hat: Erstens wird nur bei akuten Krankheiten und Schmerzen, bei Schwanger- und Mutterschaft geholfen. Vorsorge etwa ist nicht enthalten - vielleicht eine sinnvolle Regelung, um das deutsche Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Allerdings kritisiert etwa der Flüchtlingsrat Niedersachsen, dass nicht alle Ärzte wirklich tun, was nötig wäre.

Zweitens müssen sich die kranken Asylbewerber die Behandlung erst am Sozialamt genehmigen lassen, wenn sie zu einem Facharzt oder ins Krankenhaus müssen. Das kostet für alle Beteiligten Zeit, der Verwaltung Geld.

Vielleicht liegt es aber auch den Flüchtlingen selbst, und auch an ihren Heimatstaaten. Pater Oliver sagt: "Viele Flüchtlinge aus Südosteuropa haben schon in ihren Heimatländern keine medizinische Grundversorgung wahrgenommen. Viele von ihnen meiden den Gang zu den Behörden, das ist auch hier in Deutschland so."

"Long time"

Vielleicht denkt Pater Oliver dabei an den Mann aus Rumänien, er ist mit seiner Frau und seinen Kindern da. Er hat starke Bauchschmerzen, seine Frau humpelt. Wie lange sie schon nicht mehr behandelt worden seien? "Long time", sagt der Mann, obwohl er erst seit einigen Wochen in Deutschland ist.

Schlimm nur, wenn es Kinder trifft. Eine junge Frau aus Syrien hält ihren Sohn im Arm. Er ist dick angezogen, trägt eine Wollmütze auf dem Kopf. Die Mutter zeigt auf den Hals des Kindes und verzieht ihr Gesicht. Halsweh? Die Mandeln? "Schmerz", sagt die Frau nur und deutet wieder auf den Hals.

Die Stadt hilft mit

In Duisburg leben nach Schätzungen bis zu 10.000 Menschen, die keine soziale Absicherung haben. Viele von ihnen kommen aus Südosteuropa.

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Eine junge Frau wartet in einem der Behandlungszimmer im Petershof auf eine Behandlung ihrer Tochter (Credit: HuffPost/Christoph Asche)

Die Stadt hat vor Kurzem einen Container auf das Kirchengelände gestellt, damit die vielen Patienten nicht im engen Hausflur des Pastoralzentrums warten müssen. Trotzdem sind die Freiwilligen von Petershof weitgehend auf sich alleine gestellt.

Medizinische Ausrüstung bei Ebay ersteigert

Die Stethoskope und Pulsmesser haben sie bei Ebay ersteigert und den Keller in Eigenregie zu einer Art Spielzimmer für Kinder umgebaut. "Das war harte Arbeit, aber es hat sich gelohnt", sagt die ehemalige Lehrerin Renate Fasel, die im Petershof die Kleinen betreut, während ihre Eltern im Behandlungszimmer sitzen.

Lange musste Pater Oliver um die Hilfe der Stadt werben. Als er vor einigen Wochen davor warnte, dass sich in Duisburg wieder Masern, Mumps und die Röteln verbreiten könnten, verlegte die Stadt Duisburg im Juli ihr Impfangebot vom Gesundheitsamt in den Petershof.

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Renate Fasel war früher Lehrerin an einer Schule. Heute betreut sie die Kinder von Flüchtlingen, die sich im Petershof von freiwilligen Ärzten behandeln lassen. (Credit: HuffPost/Christoph Asche)

Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link hatte trotzdem Bedenken. „Es kann nicht unsere Aufgabe sein, ein paralleles Krankenversicherungssystem aufzubauen“, sagte er am ersten Impftag bei Pater Oliver.

Link hat recht, wenn er sich gegen doppelte Strukturen wehrt - effizienter sind sie sicher nicht. Aber auch Pater Oliver hat recht, wenn er alles versucht, um Hürden abzubauen, die die Leute vom Impfen abhalten, wenn er Kindern hilft, die für das alles nun gar nichts können.

Trotzdem müssen sich alle Beteiligten überlegen, wie es weitergehen soll. Ob mehr Beratung, mehr Aufklärung hilft. Einfach, das ist klar, wird die Lösung nie sein.

Kanzlerin Merkel will Pater Oliver besuchen

Bis dahin aber kommt Pater Oliver viel Anerkennung für seine Arbeit. Und am kommenden Dienstag will sogar die Kanzlerin vorbeischauen, wenn sie im Rahmen einer Bürgerdialog-Veranstaltung mehrere Stunden in Marxloh verbringt.

"Mal sehen, wie das wird", sagt er. Nach Vorfreude klingt das nicht. Aber Pater Oliver hat andere Dinge im Kopf. Ein Stockwerk tiefer warten noch 40 Menschen darauf, behandelt zu werden.


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