POLITIK
21/08/2015 08:04 CEST | Aktualisiert 18/01/2016 14:11 CET

Duisburg-Marxloh: Wir waren in dem Stadtviertel, das die Polizei zum rechtsfreien Raum erklärt hat

dpa

Die Kanzlerin kommt? Nach Marxloh? „Um Gottes Willen.“

Silke lächelt mitleidig. Als wolle sie sagen: Ach Frau Merkel, bleiben Sie lieber zu Hause, es lohnt sich nicht. Was sie denn daran überrasche, dass Merkel vorbeischauen will? „Gucken Sie sich doch hier um“, sagt die kleine, stämmige Frau und macht mit ihrem Kopf eine Nickbewegung in Richtung eines türkischen Brautmodegeschäfts in der Weseler Straße. „Watt will die denn hier?“

Die Weseler Straße – das ist die berüchtigte Einkaufsmeile im Duisburger Stadtteil Marxloh. Zum Teil stehen hier schicke Gründerzeitbauten, im Minutentakt fahren Straßenbahnen vorbei, die ihre besten Zeiten hinter sich haben. Wer hier lange nach einer guten Dönerbude sucht, ist selbst schuld.

Wegen der vielen Brautmodeläden, die heiratswillige muslimische Bräute aus ganz NRW anlocken, wird die Weseler Straße auch „Hochzeitsmeile“ genannt – oder die „romantischste Straße Europas“. Abends geht es hier an manchen Tagen weniger romantisch zu. Immer wieder kommt es rund um die Weseler Straße zu Auseinandersetzungen zwischen jungen Marxlohern.

Silke ist ein Duisburger Kind. Ihr Vater hat sein Leben lang für Krupp malocht, die Mutter war Hausfrau. Silke arbeitet für einen kleinen Kurierdienst, fährt sechs Tage die Woche in einem Kleinwagen durch ihre Heimatstadt.

Ihren ganzen Namen will sie lieber nicht verraten. „Nee, datt muss nich sein. Ich will keinen Ärger.“

Ärger gibt es in Marxloh im Moment schon genug. Hier, wo einst die Familien der vielen Stahlarbeiter lebten, ist jeder Sechste mittlerweile ohne Arbeit. 64 Prozent der Marxloher haben einen Migrationshintergrund, immer öfter muss die Polizei einschreiten, weil sich verfeindete Familienclans bekämpfen.

„Das Schlimme ist ja, das sich niemand mehr traut, die Polizei zu rufen“, sagt Silke. „Können se ruhig so schreiben.“

Die Duisburger Polizei warnt mittlerweile selbst vor einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. "Die Rechtspflicht des Staates zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit ist in solchen Stadtbezirken langfristig nicht gesichert bzw. akut gefährdet“, steht in einem internen Papier der Polizei. Und die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach zuletzt von einer neuen „No-Go-Area“ in Deutschland.

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Deutschland-Fahnen sind ein seltenes Bild im Duisburger Stadtteil Marxloh. Rund zwei Drittel der Bewohner hier haben Migrationshintergrund (Credit: Christoph Asche)

Duisburg-Marxloh ist längst kein Problemviertel mehr. Es ist ein rechtsfreier Raum. So sehen das zumindest viele Duisburger. Und ausgerechnet jetzt kommt die Kanzlerin.

Nächsten Dienstag will sich Merkel mit ausgewählten Bürgern über ihre Situation im Stadtteil unterhalten. „Gut leben in Deutschland“ heißt die Veranstaltungsreihe, die diesmal in Duisburg Halt macht. Viele kritisieren jedoch, dass die Kanzlerin nicht das "wahre Marxloh" zu sehen bekommt.

„Völliger Schwachsinn so eine Aktion. Wenn Merkel kommt, ist hier natürlich alles auf Hochglanz poliert“, sagt Aldo Falcone. Der gebürtige Italiener lebt seit einem halben Jahrhundert in Duisburg. Falcone besitzt die Markt Klause, die älteste Kneipe in Marxloh.

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Gastronom Aldo Falcone (l.) mit einem türkischen Freund vor seinem Lokal. Angeblich ist die Markt Klause die älteste Kneipe in Marxloh (Credit: Christoph Asche)

Nein, Probleme habe er eigentlich selten mit den Nachbarn. „Nur die Libanensen ...“, beginnt Falcone nach einer kurzen Pause seinen nächsten Satz, ehe ihm sein türkischer Freund zu verstehen gibt, dass es jetzt besser ist, zu schweigen. Nein, eigentlich gebe es nichts zu sagen, sagt Falcone und lächelt.

Viele Marxloher werden auffallend einsilbig, wenn sie nach der Situation in ihrem Viertel gefragt werden. „Was gibt’s da noch zu sagen?“, sagt eine Frau in einer Imbissbude. „Jeder weiß doch, wie es hier inzwischen abläuft. Die Krawall-Brüder werden immer mehr, die Deutschen haben die Schnauze voll.“

Vor einigen Jahren sagte CDU-Politiker Armin Laschet mal, dass es in Marxloh kein Klima der Abgrenzung, sondern eines der Offenheit gebe. Laschet war damals NRW-Integrationsminister und benötigte ein paar lauwarme Worte für die damalige Eröffnung der Merkez-Moschee, einer der größten islamischen Gotteshäuser in Deutschland.

Wer in Marxloh Augen und Ohren offen hält, der weiß jedoch: Offenheit und Toleranz haben hier längst ausgedient.

„Da muss man sich wieder ne Schrotflinte anschaffen": Die Deutschen - oder die, die sich dafür besonders qualifiziert halten - sind in Duisburg mancherorts in der deutlichen Minderheit
(Credit: Christoph Asche)

„Die Zigeuner rennen bei Rot über die Ampel“, beklagt sich ein Mann, der auch sonst erstaunlich viel über den Tagesablauf der Einwanderer in Duisburg weiß. „Die bespucken andere Leute, scheißen inne Ecke rein ... selbst bei uns anne Mülltonne sindse am Hinpissen“, erklärt er. Seine Vorstellung von Konfliktlösung: „Da muss man sich wieder ne Schrotflinte anschaffen.“

Äußerungen wie diese sind nicht das einzige, was in Marxloh Sorgen macht. Hinzu kommt eine beängstigende Hilflosigkeit der Politiker.

"Das ist keine Sache mehr von fehlenden Sprach- oder Integrationsproblemen. Viele Menschen mit Migrationshintergrund verhalten sich in Marxloh einfach nur daneben. So kann es nicht mehr weitergehen“, sagt Duisburgs Bürgermeister und CDU-Bundestagsabgeordneter Volker Mosblech auf Anfrage der HuffPost. „Da bringen auch Angebote wie Sprachkurse nichts mehr." Wie man die Situation in Marxloh verbessern könne? Das weiß auch Mosblech nicht so recht.

Einen Masterplan hat auch Mustafa Özdil nicht. Den benötigt das Viertel aber auch nicht, findet der Imbissbuden-Besitzer, der vor 35 Jahren aus der Türkei ins Ruhrgebiet gekommen ist. Denn die Berichte über Marxloh seien nichts als „eine große Medienlüge“, sagt er.

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Mustafa Özdil fühlt sich als echter Duisburger. Vor über drei Jahrzehnten wanderte er aus der Türkei nach Deutschland aus. Özdil meint: Die Deutschen sind immer noch die Schlimmsten (Credit: Christoph Asche)

Vor kurzem wurde sein Geschäft aufgebrochen. Wieder einmal. Zehn Hähnchen waren weg. „Aber das kann mir überall passieren, nicht nur hier. Es sind sowieso eher die Deutschen mit ihrem Bier in der Hand, die sich daneben benehmen.“

Vielleicht hat Angela Merkel am nächsten Dienstag ja Antworten auf die großen Fragen, die das kleine Marxloh gerade beschäftigen. Einige Bürger haben schon einmal einen offenen Brief an die Kanzlerin aufgesetzt, aus dem die „Rheinische Post“ zitiert.

Darin heißt es: "Wir fänden es ganz schrecklich, wenn Frau Merkel der Eindruck vermittelt wird, dass es hier eigentlich gar nicht so schlimm ist, wie es die Medien darstellen. In Wirklichkeit ist es doch noch viel schlimmer.“


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