POLITIK
20/08/2015 14:58 CEST

Der Beweis, wie tief die braune Gülle in der deutschen Gesellschaft steckt, ist dieses Posting der CDU

Getty Images

Es wird Zeit, dass wir uns endlich der Wahrheit stellen: Deutschland hat ein gigantisches Rassismusproblem. Und es ist hausgemacht.

Über Jahrzehnte wurde es von Spitzenpolitikern groß gemacht, die Stimmung gegen Einwanderer aus Osteuropa geschürt haben. Von Ideologen, die zwischen Migranten erster und zweiter Klasse unterscheiden wollten. Von Ministern und Kanzlern, die sich gegen die Realität geweigert haben, Deutschland als „Einwanderungsland“ zu bezeichnen.

Und es ist ein Irrtum zu glauben, dass nur beschränkte Dummköpfe, Gelegenheitsnazis und ein harter Kern an fremdenfeindlichen Profi-Trollen Stimmung gegen Ausländer machen würden. Das Problem ist viel größer. Und es trifft auch die Volksparteien im Kern ihres Selbstverständnisses.

Die CDU hat jahrzehntelang mit Ressentiments gespielt

Das erlebt derzeit auch die CDU. Jahrzehntelang haben sich die Christdemokraten verdienstvollerweise von den Feinden des Grundgesetzes distanziert.

Und doch haben CDU-Spitzenpolitiker immer wieder mit Ressentiments gespielt: Roland Koch etwa mit seiner Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, Jürgen Rüttgers mit dem Gerede von „Kindern statt Indern“ oder jüngst Stanislaw Tillich, der mitten in der hitzigen Pegida-Zeit schwadronierte, dass der „Islam nicht zu Sachsen“ gehöre.

Appelle an Modernisierungsverlierer

Diese ständigen Appelle an die Modernisierungsverlierer tragen nun Früchte - jetzt, da sich Deutschland in irgendeiner Weise zu der nun einmal faktisch vorhandenen Rekordzahl an Asylbewerbern verhalten muss.

Deutlich wurde das am Mittwoch, als Innenminister Thomas de Maizière bekanntgab, dass bis Jahresende wohl insgesamt 800.000 Menschen einen Antrag auf Asyl in Deutschland stellen werden.

Das Social-Media-Team der CDU veröffentlichte folgendes Posting bei Facebook:

Die Bundesregierung erhöht die Prognose für 2015: Dieses Jahr kommen wohl bis zu 800.000 Menschen als Flüchtlinge nach...

Posted by CDU on Mittwoch, 19. August 2015

Ein Aufruf im Sinne der Humanität: Jeder Flüchtling, egal ob vom Balkan oder aus Syrien, hat das Recht auf eine menschenwürdige Unterbringung. Und wahrscheinlich – das geht aus dem Zitat nicht direkt hervor – auch auf ein faires, den rechtlichen Standards entsprechendes Asylverfahren.

De Maizière sagt nicht, dass er diese Entwicklung willkommen heißt. Oder dass er diesen Menschen eine Perspektive zum Verbleib in Deutschland ermöglichen will. Das Zitat ist diesbezüglich völlig wertneutral gehalten. Doch es reichte, um einen ressentimentgeladenen Mob auf den Plan zu rufen, der sich wohl zumindest teilweise auch aus den Reihen der CDU-Anhänger rekrutierte.

Hier sind fünf der zehn Kommentare mit den meisten Likes (Rechtschreibfehler aus dem Original übernommen)

User „Dieter Stöber“ ist für radikale Maßnahmen und beleidigt nebenbei noch pauschal alle Asylbewerber vom Balkan: „Schmeist dieAlbaner und den ganzen Balkan endlich raus. Wir haben für Deutschland gearbeitet und unsere Kinder, nicht für Schmarotzer.“ (41 Likes)

„Steve Wuttke“ fürchtet um den Bestand der deutschen Nation: „Einen scheiß müssen wir.

Diese Personen müssen in ihren Ländern bleiben. Die Polizei schützt die Heime aber was ist mit der Sicherheit von uns?! Dieses Projekt "Flüchtlinge aufnehmen" ist das schlechteste was sich das so genannte "Deutschland " antut.“ (32 Likes)

„Michael Linke“ bedient sich neurechter „Wacht auf!“-Rhetorik und schürt Ängste davor, dass Asylbewerber den Deutschen die Butter vom Brot klauen: „Kein deutscher sollte Hunger,Armut leiden, kein deutscher sollte zur tafel gehen, kein deutscher sollte pfandflaschen sammeln müssen. Liebe CDU wacht auf und denkt mal darüber nach, ich war immer CDU Wähler aber was die letzten Monate von Ihnen kommt werde ich und meine Lebensgefährtin garantiert nicht mehr das Kreuz bei Ihnen machen und glauben sie mir in unserem großen Freundeskreis auch nicht.“ (17 Likes)

„Christine Langmayer“ fordert ein „hartes Durchgreifen“: „Das sind ja wunderschöne Worte, ich bin auch dafür, aber nicht auf Kosten des deutschen Volkes. Es muss endlich hart durchgegriffen werden, Flüchtlinge aus sicheren Ländern, kriminelle Asylanten müssen sofort ausgewiesen werden!!! (...)“ (44 Likes)

„Anton Fuchs“ hat Angst vor "Asylmissbrauch" und glaubt, dass „Wirtschaftsflüchtlinge“ der Grund allen Übels seien: „Deutschland muss nicht jeden aufnehmen! Menschen in Not, ja Wirtschaftsflüchtlinge und Terroristen, nein.“ (145 Likes)

Das Social-Media-Team der CDU merkelt vor sich hin

Dankenswerterweise diskutierten viele andere User unter den Kommentaren mit und versuchten den Urhebern dieser Parolen klarzumachen, dass sie auf dem Holzweg sind.

Nur das Social-Media-Team der CDU merkelt seit Veröffentlichung des Postings fleißig vor sich hin. Es tut nichts, um dem Kreischen und Zähnefletschen unter dem Foto Einhalt zu gebieten. Ganz nach dem Vorbild von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die schon seit Monaten klare Worte zur Flüchtlingsdebatte schuldig bleibt.

Thomas de Maiziere meldete sich indes im ZDF-Morgenmagazin zu Wort. Er halte die Zahl von 800.000 Flüchtlingen auf Dauer für „zu hoch“. Wie er die Zahl angesichts der sich immer weiter verschärfenden Krisenlage an den Rändern der Europäischen Union verringern will, ließ er offen.

Und genau darin liegt die ganze Hilflosigkeit der CDU. Sie steht vor den Trümmern ihrer Spiels mit Vorurteilen – und weiß nun nicht, wie sie mit den vielen Millionen Menschen umgehen soll, die jahrzehntelang in ihrem Glauben bestärkt wurden, dass ihre Ressentiments ja irgendwie schon richtig sein würden.


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