19/08/2015 04:00 CEST | Aktualisiert 20/08/2015 10:45 CEST

Wohnungen beschlagnahmen? 7 Ideen zur Unterbringung von Flüchtlingen

dpa

Nicht 450.000, sondern bis zu 750.000 Asylbewerber werden nach einer neuen Schätzung der Bundesregierung in diesem Jahr nach Deutschland kommen. Schon jetzt ist der Platz knapp, um die vielen Menschen unterzubringen. Ideen müssen her.

Nicht nur in Deutschland übrigens. Auf der griechischen Insel Kos bringt die Regierung jetzt einen Teil der Flüchtlinge auf einer Fähre unter. In der Schweiz müssen Flüchtlinge teils in fensterlosen Bunkern wohnen.

Das sind die Regeln in Deutschland: Zunächst einmal müssen die Asylbewerber in einer notorisch überlasteten Erstaufnahmeeinrichtung wohnen, bis zu drei Monate lang. Dann erst dürfen sie in eine Wohnung umziehen. Auf jeden Fall in eine Wohnung ziehen dürfen Flüchtlinge, deren Asylantrag anerkannt wurde – regional können sie auch während des laufenden Verfahrens bereits die Behausung wechseln.

Die Regeln unterscheiden sich aber teils von Stadt zu Stadt. Annaberg-Buchholz in Sachsen etwa hat Flüchtlinge von Anfang an in stadteigenen Wohnungen untergebracht – und freut sich über gute Integrationsergebnisse.

Um mit der Aufgabe fertigzuwerden, wollen Politiker versuchen, schlicht weniger Menschen unterbringen zu müssen. Sie fordern weniger Anreize zur Reise nach Deutschland, schnellere Abschiebung abgelehnter Asylbewerber, die Definition der Balkanstaaten als sichere Herkunftsländer und mehr Engagement der EU.

Trotzdem muss sich Deutschland noch um viele kümmern. Hier neue und bereits erprobte Ideen im Überblick:

1. Die harte Methode: Beschlagnahme von Wohnungen und Häusern

Die erste Wahl für die Unterbringung von Flüchtlingen sind normale Häuser – einerseits, weil alles andere sehr schnell unwürdig wirkt, andererseits hat das praktische Vorteile, so sind sie im Gegensatz zu Zelten etwa auch für die Unterbringung im Winter geeignet. Nur: Gerade in Ballungsräumen ist Wohnraum extrem knapp.

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Boris Palmer. Foto: dpa

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) sagte nun der „Welt“ vom Mittwoch, er werde zur Unterbringung von Flüchtlingen im Winter notfalls leer stehende Gebäude beschlagnahmen. "Wir unterbreiten den Eigentümern derzeit Miet- und Kaufangebote für ihre Häuser", sagte Palmer der Zeitung. "Ich weise in den schriftlichen Angeboten aber auch darauf hin, dass das Polizeigesetz dem Oberbürgermeister die Möglichkeit gibt, im Notfall Häuser für einige Monate zu beschlagnahmen", erklärte der Grünen-Politiker. "Ich will das unbedingt vermeiden, aber wenn es gar nicht anders geht, muss ich davon Gebrauch machen."

2. Wohnen im "Hotel"

Immer wieder mieten Gemeinden und Städte Hotels für die Unterbringung von Flüchtlingen. Sicher keine schlechte Idee – allerdings nutzen Rechte das schamlos und nutzen die Assoziation von "Hotel" mit "Luxus", um die Asylsuche als Urlaub zu bezeichnen.

Lest dazu auch: 20 UNTRÜGLICHE Zeichen, dass Flüchtlinge in Deutschland nur Urlaub machen

3. Wohnen in Kasernen

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Eine ehemalige Plattenbau-Kaserne in Halberstadt. Foto: dpa

Bei der Suche nach Unterkünften für Flüchtlinge kommt zunehmend auch die Bundeswehr zum Einsatz. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums helfen derzeit 150 Angehörige der Bundeswehr beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus, das für die Bearbeitung der Asylanträge zuständig ist.

In insgesamt 16 Kasernen hat die Bundeswehr Gebäude und Flächen für Unterkünfte bereitgestellt – teils allerdings auch nur für Zelte. Insgesamt wurden mit Hilfe der Bundeswehr mehr als 10.000 Schlafplätze für Flüchtlinge und Asylbewerber geschaffen.

4. Neu bauen

Die Baubranche kann sich über schlechte Geschäfte mit der Unterbringung von Flüchtlingen wohl nicht beklagen. Wie dem Onlineportal TED zu entnehmen ist, erteilte die Stadt Wolfsburg im Dezember einen Auftrag für Fertighäuser. Der geschätzte Wert liegt bei 5,2 Millionen Euro.

5. Unterbringung in provisorischen Unterkünften wie Zelten und Turnhallen

In vielen Bundesländern entstehen kleine Zeltstädte oder Containersiedlungen. Allerdings ist der Markt inzwischen ziemlich leer.

Tübingens Oberbürgermeister Palmer sagte der „Welt“, die Lieferzeiten für neue Wohn- und Sanitätscontainer zur Unterbringung von Flüchtlingen lägen bei mindestens einem halben Jahr.

Dazu kommt, dass Kommunen eigentlich Ausschreibungen machen müssten, bevor sie Zelte kaufen. Das dauert. Die Agentur dpa berichtet, mitunter würden „da Mitarbeiter deutscher Amtsstuben hemdsärmelig“ und sparten sich die Zeit.

Teils hilft da die Bundeswehr aus: In Hamburg, Brandenburg und Sachsen-Anhalt bauten Soldaten 141 Zelte aus Bundeswehr-Beständen auf.

Und letztlich sind viele Zelte auch keine Lösung. "Zeltstädte sind beschämend, nicht nur im Winter", sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel am Dienstag.

Auch in Turnhallen werden Flüchtlinge vorübergehend einquartiert – eine Belastung für die Flüchtlinge und die, die die Turnhalle eigentlich nutzen sollen. So warnte ein Schulleiter etwas unglücklich und hilflos, seine Schülerinnen sollten doch das Tragen von Miniröcken überdenken - wegen der Asylbewerber in ihrer Turnhalle.

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Messe Hamburg. Foto: dpa

Am gestrigen Dienstagabend protestierten 200 Flüchtlinge und Unterstützer vor einer Messehalle in Hamburg um auf die schlechten Unterbringungsbedingungen in der Halle aufmerksam machen. Die Messehalle ist vorübergehend zum Quartier für über 1000 Flüchtlinge geworden. Sie ist 13.000 Quadratmeter groß, auf einem Außengelände wurden sanitäre Anlagen errichtet. Derzeit kommen täglich 200 bis 300 Asylbewerber in Hamburg an. Um sie unterzubringen, hat die Stadt schon zahlreiche Container- und Zeltdörfer errichtet.

6. Flüchtlinge in WGs

Die private Initiative "Flüchtlinge willkommen" vermittelt Schutzsuchende bundesweit in Wohngemeinschaften. 69 Menschen hat die Gruppe seit dem vergangenen November in WGs untergebracht. Mehrere Hundert Studenten, aber auch Berufstätige, Familien oder Alleinstehende haben ein Zimmer in ihrer Wohnung angeboten.

7. Wohnen in Privatwohnungen

Immer wieder werden Beispiele wohlhabender Deutscher bekannt, die eine kleine Wohnung haben und sie Flüchtlingen überlassen. So wie der ehemalige Top-Manager Werner Meyer in Berlin.

Allerdings engagieren sich da nicht nur reiche Deutsche: Monika P. aus Oberbayern etwa hat einen als Flüchtling anerkannten Syrer bei sich aufgenommen. Die Huffington Post hat die Geschichte der beiden erzählt.

Zudem hatte der Grünen-Politiker Dieter Janecek kürzlich in der Huffington Post vorgeschlagen, jedem 20 Euro am Tag zu zahlen, der einen Flüchtling bei sich zu Hause aufnimmt.

Mit Material von dpa

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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