POLITIK
19/08/2015 18:34 CEST | Aktualisiert 19/08/2015 18:34 CEST

"Wir geben ihnen den geladenen Revolver in die Hand": 5 krasse Thesen eines Ökonomen zur Flüchtlingskrise

DPA

Großbritannien diskutiert darüber, den Eurotunnel dicht zu machen – aus Angst vor Flüchtlingen. In Deutschland verbreiten Tausende ihren Hass in sozialen Netzwerken gegen Ausländer, weil sie Überfremdung fürchten. Und in Frankreich? Da ist der Hass gegen Ausländer so tief verankert, dass eine nationalistische Partei vielleicht sogar bald die nächste Präsidentin stellen könnte.

Eigentlich absurd für Länder eines Kontinents, der wie kaum eine andere politische Macht anderen Nationen ditkiert, was Toleranz, Offenheit und Menschenwürde bedeutet. Tatsächlich steht Europa vor einem gewaltigen Problem – nämlich, wie Flüchtlinge erfolgreich integriert werden können. Ohne Hass. Ohne Parallelgesellschaft.

Die Situation ist alarmierend, warnt der Oxford-Ökonom Paul Collier in einem Interview mit „Zeit Online“. Darin sagt er: „Wir Europäer drücken den Migranten den geladenen Revolver in die Hand“. Hier sind seine fünf streitbarsten Thesen:

1. Das Thema wird totgeschwiegen

Paul Collier warnt: Europa hat ein Problem damit, offen über Migrationspolitik zu sprechen. Er sagt:

„Meine These lautet, dass die Politiker der Mitte versäumt haben, das Thema der Migrationspolitik zu besetzen. Das war ein Fehler, denn wir wissen aus Studien, dass Menschen in allen Gesellschaften beunruhigt sind, und zwar nicht über die Migration selbst, sondern dadurch, dass sich ihre gesellschaftlich vertraute Umgebung durch Einwanderung verändert.“

Die Konsequenz daraus sei unteranderem das Erstarken der Rechten.

„Die extremen Rechten und Linken bekommen ein Thema geschenkt, das in der Mitte der Gesellschaft diskutiert werden sollte.“

2. Die Politik stellt die falschen Fragen

Gegenwärtig ist die Debatte um die Flüchtlingspolitik in aller Munde – jedoch zu emotional, lächerlich und polarisiert. Collier kritisiert, dass letztlich immer nur eine Frage gestellt wird.

„Ist Einwanderung gut oder schlecht? Die einen sind bedingungslos für mehr Einwanderung, die anderen lehnen sie ab. Dabei ist diese Frage Nonsens. Wie viel Migration ist für alle am besten? Das ist die entscheidende Frage – und zwar sowohl für die reichen Länder, in die gewandert wird, als auch für die Herkunftsländer.“

Die Debatte um den wirtschaftlichen Nutzen von Migranten findet er falsch.

„Die ökonomischen Folgen von Einwanderung sind zu vernachlässigen. Entscheidender sind die sozialen Folgen. Wir wissen, dass ein gewisses Maß an kultureller Verschiedenheit einer Gesellschaft nutzt, denn die neuen Migranten bringen Innovation und Abwechslung.“

3. Europa kann nicht alle aufnehmen

Muss Europa angesichts seines Wohlstands alle Flüchtlinge aufnehmen, die kommen wollen – oder die Tore irgendwann dicht machen? Collier hat da eine radikale Meinung: Europa kann nicht alle Flüchtlinge aufnehmen.

„Es gibt Umfragen, die zeigen, dass rund 40 Prozent der Einwohner ärmerer Länder gerne im reichen Teil der Erde leben wollte. Würde Deutschland seine Tore komplett aufmachen, würden diese Leute irgendwann kommen. Die offene Tür ist keine Option.“

Zwei entscheidende Faktoren trieben die weltweite Migration seiner Meinung nach an: Die Einkommenskluft zwischen Staaten und auch die Größe der jeweiligen Diaspora in den Zuwanderungsländern. Der Unterschied zwischen armen und reichen Ländern sei in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewachsen. Das beschleunige die Migration. In der Zukunft könne sich diese Situation wieder ändern:

„Es mag sein, dass sich die Situation in 50 Jahren verändert haben wird. Aber bis dahin sind Einwanderungskontrollen kein Relikt aus rassistischen Zeiten, sondern ein absolut notwendiges Instrument.“

4. Die Politik ist tödlich

Immer wieder erreichen uns Horrormeldungen aus dem Mittelmeerraum. Den Grund sieht Collier bei uns.

„Unsere Politik ist tödlich! Wir machen den Menschen einfach falsche Hoffnungen.

Warum setzt sich jemand in ein Boot und riskiert sein Leben? Die erste Antwort lautet: Weil er 4.000 Dollar für die Schlepper zusammen hat und bereit ist, ein gewisses Risiko einzugehen. Die zweite: Weil er weiß, dass er viel mehr Rechte bekommt, sobald er es an den Strand von Lampedusa geschafft hat. Dieses Versprechen lockt die Menschen in die Boote.“

Und weiter:

„Wir drücken den Menschen den geladenen Revolver in die Hand und sagen: Komm, spiel Russisch Roulette. Das ist keine moralisch robuste Position. Ganz nebenbei fördern wir einen gewaltige kriminelle Industrie, die sich auf die Schlepperei von Flüchtlingen spezialisiert hat.“

Seiner Meinung nach sollte man das Asylverfahren dorthin verlagern, wo die Reise beginnt – nämlich außerhalb Europas. Die Menschen sollten die Reise auf legalem Weg antreten und ohne Risiken. Dabei betont er:

„ Es geht nicht darum, weniger Flüchtlinge nach Europa zu lassen, sondern darum, den wirklich Bedürftigen zu helfen.“

5. Die Situation ist nicht ausweglos

Um den Hilfsbedürftigen wirklich zu helfen, müssen wir bei uns vor Ort tätig werden. Collier hat einen nachhaltigen Ansatz.

„Ich schlage vor, dass der Westen mithilft, in den Flüchtlingscamps kleine, lokale Fabriken aufzubauen. Diese könnten dann für den Weltmarkt produzieren, auch für uns im Westen. Wenn der Krieg in Syrien vorbei ist, könnten die Flüchtlinge diese Fertigungsstätten und das erworbene Wissen in ihr Land zurücknehmen. Vielleicht müssten wir im Westen dafür unsere Handelsregeln ändern. Aber damit würden wir den Menschen in diesen Ländern auch langfristig helfen.“


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