POLITIK
19/08/2015 14:14 CEST | Aktualisiert 20/08/2015 03:57 CEST

Liebe Griechen, ich schäme mich für die neuen Sparauflagen von Angela Merkel

Getty Images

Liebe Griechen,

irgendwie scheinen heute viele Deutsche das Gefühl zu haben, dass dies ein guter Tag für Europa sei. Diesen Eindruck kann man jedenfalls bekommen, wenn man die Schlagzeilen liest. Die „Bild“-Zeitung schreibt vom „Zahltag“ für Deutschland. Und immer noch ist oft die Rede von einer „Griechenland-Rettung“.

Als ob die guten Gaben aus Berlin wie Almosen wären und damit keine Konsequenzen für viele Millionen Menschen verbunden wären.

Als ob die nun vom Bundestag bewilligten Mittel auch tatsächlich bei den Menschen ankämen und nicht bei den Banken.

Als ob die Bundesregierung nicht bereits einen neunstelligen Betrag an den Zinszahlungen verdient hätte, und einen zwölfstelligen Betrag an den verbilligten Konditionen für die Neuschuldenaufnahme.

Wer heute immer noch von einer „Griechenland-Rettung“ spricht, treibt ein gefährliches Spiel: Mit solchen Vokabeln verfestigt sich das bereits weit verbreitete Bild in der deutschen Bevölkerung, der deutsche Steuerzahler eile irgendwelchen faulen Taugenichtsen in Südeuropa zur Hilfe, die es ohne die Unterstützung der fleißigen Mitteleuropäer nicht über den nächsten Winter schaffen würden.

Genau solche Losungen sind der Populismus, auf dem derzeit die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland gedeiht. Und mir ist es völlig schleierhaft, warum es hierzulande immer wieder Politiker gibt, die in der derzeitigen Lage das Klima immer noch weiter anheizen wollen.

Es ließe sich trefflich darüber streiten, wer an der klammen wirtschaftlichen Lage die Schuld trägt.

War es die griechische Politik, die jahrelang den Schuss nicht gehört hat? Waren es die nord- und mitteleuropäischen Länder, deren Unternehmen prächtig von der Euroeinführung profitierten, während Griechenland, Italien und Spanien eines ihrer wichtigsten wirtschaftspolitischen Steuerungsinstrumente verloren haben – nämlich die Möglichkeit zur Abwertung der eigenen Währung?

Waren es die Banken? Oder die bis heute weitgehend verantwortungslos agierende griechische Oberschicht?

Wahrscheinlich werden erst die Historiker darauf eine schlüssige Antwort finden. Aber darum geht es mir gar nicht.

Es geht mir vor allem darum, dass es in Griechenland Menschen gibt, die Not leiden. Ich finde den Gedanken vollkommen unerträglich, dass innerhalb der Grenzen der EU-Grenzen für viele Millionen Menschen die blanke Existenz auf dem Spiel steht. Und ich weigere mich, in verschiedenen Kategorien zu denken, wenn es um Griechen und Deutsche geht.

In Wahrheit sind wir alle Europäer. Allein die Tatsache, dass die Länder der Eurozone nun neues Geld überweisen sollte doch Hinweis genug dafür sein, dass wir alle im gleichen Boot sitzen.

Griechenland hat keine Hilfe verdient, sondern Solidarität. Leider hat es die Politik in Deutschland versäumt, darauf hinzuweisen. Mehr noch, wahrscheinlich steckte dahinter ein Kalkül.

Ich schäme mich dafür, dass vor drei Wochen schon wieder eine mittlerweile zur Quadriga mutierte „Troika“ nach Griechenland geschickt wurde, um der griechischen Regierung immer neue Bedingungen aus den Rippen zu leiern, unter denen neue „Hilfspakete“ genehmigt werden können.

Natürlich müssen für die gewährten Kredite Rückzahlungsmodalitäten geregelt werden. Und auch die Geldgeber haben ein Recht darauf, über die Bedingungen zu wachen, unter denen die Rückzahlung möglich werden kann.

Dass aber mitten in der EU ein verfassungsfreier Raum entsteht, in dem de facto „Gläubiger“ regieren, und nicht die gewählten Volksvertreter, wäre ein Umstand, der in Deutschland selbst binnen Wochen zu Massendemonstrationen führen würde.

Fast zwei Drittel der Deutschen glauben, dass in Deutschland keine „echte Demokratie“ mehr herrscht. Und wir selbst sind uns gleichzeitig nicht zu schade, bei jeder neuen Gelegenheit nach Daumenschrauben für Griechenland zu rufen, wenn es um unser liebes Geld geht?

Da stimmt doch was nicht. Man wird in diesen Tagen das Gefühl nicht los, dass Demokratie für die Deutschen immer nur dann Demokratie ist, wenn es nach ihrem eigenen Willen geht. Egal ob daheim oder im binneneuropäischen Ausland.

Diese bockige, egoistische Haltung ist eine Schande für ein Land, das sich nach zwei Weltkriegen die eigene Weltoffenheit erst mühsam antrainieren musste.

Wenn wir schlau wären, würden wir einsehen, wie sehr wir von der europäischen Einigung profitiert haben. Durch Frieden. Durch Wohlstand. Leider hat uns Deutschen seit der Ära Kohl niemand mehr so recht erklärt, was für einen Schatz uns da mit der Europäischen Union in den Schoß gefallen ist. Daran tragen auch unsere Politiker Verantwortung, die immer nur von Kosten, Rettungen und Gefahren reden. Aber nicht davon, wie sehr wir selbst vom Funktionieren der europäischen Idee abhängig sind.

Entschuldigung, liebe Griechen. Manchen Deutschen geht einfach gerade das gesunde Verhältnis zur Realität verloren.


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Bei Bundestagssitzung: Gregor Gysi hat ein Anliegen - und erntet dafür im Bundestag Spott


Hier geht es zurück zur Startseite