POLITIK
13/08/2015 11:25 CEST | Aktualisiert 21/01/2018 11:04 CET

"Ich liebe Deutschland": So geht es einer fünfköpfigen Familie aus dem Irak bei uns

Die Familie von Lena und Ghazwan mit den drei Kindern Rana, Merna und Rami.

Flüchtlinge sind Schmarotzer, heißt es. Sie kommen nur nach Deutschland, um sich hier vom Steuerzahler alles finanzieren zu lassen, heißt es. Flüchtlinge sind undankbar und wollen immer mehr, heißt es.

Solche Behauptungen lese ich immer wieder. Manchmal höre ich sie sogar auf der Straße, zum Beispiel als ein Mann mit seinen kleinen Kindern an einem Flüchtlingsheim vorbeiging und sagte: “So wohnen Asylanten, im schicken Neubau.” (Der Neubau steht übrigens in einem nahezu unbewohnten Industriegebiet.)

Diese Vorurteile machen mich fassungslos und traurig. Die Pöbler urteilen über Menschen, die sie überhaupt nicht kennen. Wer von ihnen hat schon mal ein einziges Wort mit einem Flüchtling gewechselt?

Wenn ich an Asylbewerber denke, denke ich nicht an eine anonyme Masse. Ich denke an Rana, an Merna, an Rami, an Lena und Ghazwan. Eine Familie aus dem Irak, bei der ich oft zu Besuch war.

Als die Flüchtlingsdebatte letztes Jahr anfing, die Medien zu beherrschen, beschloss ich, selbst aktiv zu werden. Ich wollte die Menschen kennenlernen, die nach Deutschland fliehen. So wurde ich über die Organisation „Save me“ Patin einer Flüchtlingsfamilie. Meine Aufgabe: Die Familie bei ihren ersten Schritten in ein neues Leben zu unterstützen.

Es war der Beginn einer Freundschaft, die mich sehr viel über das Leben gelehrt hat.

Das erste Mal begegnete ich „meiner“ Familie vor einem Jahr. Ich stand aufgeregt vor der Tür und wartete darauf, dass uns die zuständige Sozialpädagogin einander vorstellen würde. Als es schließlich so weit war, machte sie ein ernstes Gesicht: „Sie haben gerade erfahren, dass ihr Bruder nicht nach Deutschland kommen kann. Also ist die Stimmung jetzt sehr schlecht.“ Ich betrat das Zimmer, drinnen saß Ghazwan, der Vater. Er drückte den Rücken durch und setzte mühsam ein Lächeln auf. “Hallo Lisa”, sagte er mit einem schweren Akzent. “Wie geht es dir?”

Das war zu der Zeit, als der IS mit seinem Terror den Irak überrollte und die Gegend um Mossul besetzte. Dort wohnte die Familie früher.

Vater Ghazwan, Mutter Lena und die drei Kinder mussten ihre Heimat verlassen, weil es zu gefährlich wurde: Sie sind Christen. Und früher oder später wären sie für ihren Glauben ermordet worden. Sie hatten die Wahl: Sterben oder Fliehen.

Die Kinder Rana, Merna und Rami fühlen sich in Deutschland sehr wohl.

Die Familie ist dankbar. Dankbar für die Chance auf ein zweites Leben, die sie in Deutschland bekommt. „Ich liebe Deutschland“, sagt Merna, die elfjährige Tochter. „Es ist viel schöner hier als im Irak. Ich kann hier mehr unternehmen, spielen, ich habe viele Freunde.“ Ihre 13-jährige Schwester Rana sagt: „Wir machen jetzt Ausflüge, im Irak ging das nicht. Da kriegt man Angst, wenn man das Haus verlässt.“

Die Schwestern gehen zur Schule und sie tun es gern. Zur Zeit besuchen die Mädchen Übergangsklassen für Kinder, die noch Deutsch lernen müssen. Aber sie lernen schnell.

Die Familie ist mit dem Resettlement-Programm des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR nach Deutschland gekommen. Für die Betroffenen ist das eine einmalige zweite Chance, mehr als ein Sechser im Lotto. Die Aufnahmeländer bieten viel zu wenig Plätze. Und viele wollen kommen.

Deutschland hat dieses Jahr das Kontingent für dieses Programm von 300 auf 500 Menschen erhöht, eine hilflose Geste angesichts der 50 Millionen Flüchtlinge, die eine neue Heimat suchen.

Am Anfang war es schwierig für die Familie: Alles war neu, die Sprache fremd und kompliziert und niemand wusste, wie hier alles funktioniert. Große Verwirrung bei jedem Brief der Behörden: Wohin müssen sie und warum?

„Viel Termine, viel Papier“, sagt Lena, die Mutter. Sie lernt jetzt Deutsch, jeden Monat werden unsere Gespräche ausführlicher. Lena will weiterkommen, sie möchte einen guten Job finden und endlich ihre Angelegenheiten allein regeln können. Keine Hilflosigkeit mehr.

Immer auf andere Menschen angewiesen zu sein, ist nicht leicht. Auf Menschen wie mich, die Briefe von Telefonanbietern durchlesen, den Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Dafür bekomme ich mehr selbstgebackene Kekse, als ich essen kann und dauernd kleine Geschenke. Plüschtiere, Schokolade, selbst gemalte Bilder.

Ich kann kaum glauben, dass sehr viele Menschen in Deutschland diese Familie am liebsten zurückschicken würde. In den Terror oder woanders hin. Egal wo, nur nicht hier.

Würdet ihr noch so denken, wenn ihr Ghazwan, Lena und ihre Kinder persönlich kennen würdet? Wenn ihr sie so gut kennen würdet wie ich?

Wenn ich zu Besuch bin, sitze ich auf dem Sofa im Wohnzimmer, lese Briefe und trinke Tee. Die neue Wohnung, in die die Familie dieses Jahr gezogen ist, ist endlich eingerichtet. Rana will sich zusammen mit mir die Fingernägel lackieren und Merna draußen Fußball spielen. Rami, der Kleinste: “Übernachtest du heute bei uns?”

Rami geht noch in den Kindergarten und will Fußballspieler werden, sein Vorbild ist Christiano Ronaldo. Die elfjährige Merna träumt von einer Karriere als Sängerin. Sie schreibt mit ihren Freundinnen Songtexte. Rana wünscht sich, Ärztin zu werden.

Es sind Träume, die deutsche Kinder auch haben. Haben Rana, Merna und Rami nicht das gleiche Recht darauf?

Es gibt immer viel zu viel Essen, wenn ich komme. Die Reste packt Lena dann in eine Tüte. Eine große Tüte, mit deren Inhalt ich am nächsten Tag meine Kollegen im Büro durchfüttern kann. Ich fühle mich wie damals in der Schule, wenn ich das liebevoll selbstgemachte Essen in der Mittagspause auspacke.

Diese Lunch-Pakete sind nur eine von vielen kleinen Gesten, mit denen die Familie etwas zurückgeben will. Es ist ihnen ein großes Bedürfnis, sich zu revanchieren. Ein Gefallen für einen Gefallen, so ist das Sitte in ihrer Heimat.

Ghazwan und Lena sind Menschen mit Ehrgefühl und Herz. Sie sind großzügig, obwohl sie selbst fast nichts haben. Sie sind ehrlich und freundlich. Mit anderen Worten: Sie sind bessere Menschen als viele Deutsche, die ich kenne. Ich bin froh, dass sie hier sind.


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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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