POLITIK
11/08/2015 18:43 CEST | Aktualisiert 18/01/2016 13:52 CET

Terroranschläge in der Türkei: Was wir bisher wissen

AP

Die Nachrichtensendungen in der Türkei kommen derzeit kaum hinterher damit, die vielen Anschläge im Land zu vermelden. "Panik in der Metropole" titelten türkische Medien am Dienstag nach den jüngsten Anschlägen in Istanbul.

Die Gewalt eskaliert derzeit beim Nato-Partner, der sich gerne so freiheitsliebend und stolz gibt - in Wahrheit aber ein höchst zerbrechlicher Staat ist, der immer an der Front steht. Kurdische, linksextreme und auch islamistische Terroristen bedrohen das Land und gefährden damit den Frieden in Europa.

Die Huffington Post erklärt den Terror in der Türkei - und was er für die Welt bedeutet.

1. Wer genau hinter den Terroranschlägen steckt

Die Angriffe wurden mutmaßlich von der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK verübt. Sicher kann man jedoch nicht sein, denn: Die Fronten in der Türkei sind unübersichtlich. Die linksextreme Terrororganisation DHKP-C verübt immer wieder Anschläge, ein Selbstmordattentäter sprengte sich zuletzt 2013 vor der US-Botschaft in Ankara in die Luft. Die PKK greift inzwischen täglich Sicherheitskräfte an. Befürchtet werden auch Anschläge der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die für ein Selbstmordattentat im südtürkischen Suruc mit 33 Toten im Juli verantwortlich gemacht wird.

2. Das wirft die PKK der türkischen Regierung vor

Das Problem aus Sicht der Kurden (und im Übrigen auch aus Sicht vieler internationaler Beobachter): Vergangenen Monat hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan dem Islamischen Staat (IS) den Kampf angesagt - der sich bislang allerdings vor allem auf die PKK konzentriert. Aus Sicht vieler Kurden nutzt Erdogan den Kampf gegen den IS als Vorwand, um die PKK zu bekriegen - und zu verhindern, dass sie bei der nächsten Wahl eine Mehrheit im Parlament erhalten.

Die PKK wird daher nicht müde darauf hinzuweisen, dass bei den türkischen Luftschlägen vor allem Zivilisten ums Leben kommen.

3. So gefährlich ist die Situation in der Türkei jetzt

Ein Ende der Anschlagsserie dürfte nicht in Sicht sein. Das sieht auch Oliver Ernst, Nahost-Experte bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, so: "Die PKK wird solange weiter türkische Sicherheitskräfte und die Infrastruktur angreifen, bis die erst noch zu bildende neue Regierung den Friedensprozess wieder aufnimmt", sagte Ernst der "Bild". Der Türkei stünden äußerst unruhige Zeiten und eine erhebliche Gewalteskalation bevor", mahnt der Experte.

Die türkische Luftwaffe hat übrigens umgehend auf die Anschläge vom Montag reagiert: Sie griff mutmaßliche Stellungen der kurdischen Arbeiterpartei PKK im Südosten des Landes an. 17 „terroristische Ziele“ seien dabei in der Provinz Hakkari „neutralisiert“ worden, teilte die Armee mit.

4. Das sagt der Konflikt über die Türkei aus - immerhin ein Staat, der EU-Mitglied werden will

Die jüngsten Ereignisse zeigen, wie schnell das Land im Strudel der Gewalt versinken kann. Gerade jetzt bräuchte die Türkei eine starke Regierung - die es aber nicht hat. Auch mehr als zwei Monate nach der Parlamentswahl, bei der die islamisch-konservative Regierungspartei AKP ihre absolute Mehrheit verlor, ist keine Koalition absehbar.

Die alte AKP-Regierung macht daher weiter, obwohl sie eigentlich längst abgewählt wurde. Im Moment deutet alles auf Neuwahlen hin - die frühestens im November stattfinden könnten. Erdogans Kalkül könnte eine vorgezogene Neuwahl sein. Thema des inoffiziellen Wahlkampfes: der Kampf gegen die PKK-Rebellen. Experten gehen daher davon aus, dass jeder neue Anschlag Erdogan in die Karten spielt.

5. Könnte der Konflikt in der Türkei Auswirkungen auf den Kampf gegen den IS haben?

Absolut. Erdogan führt ein riskantes Machtspiel, denn er könnte mit der Bekämpfung der PKK den Erfolg im Vorgehen gegen den IS gefährden. Das sieht - natürlich - auch die PKK so.

"Wir kämpfen alle an der gleichen Front gegen den IS", sagte der operative PKK-Führer Cemil Bayik der ARD vor kurzem bei einem Treffen im nordirakischen Kandil-Gebirge. "Wenn die US-geführte Koalition sich jetzt aber entscheidet, auf der Seite der Türkei gegen die Kurden zu stehen, dann wird das auch eine Niederlage für die Koalition sein."

Zuletzt hatte Ankara noch zusammen mit den USA vereinbart, eine große Offensive gegen die Terrormiliz zu beginnen. Ob der Plan jetzt erst einmal in die Schublade gewandert ist, dürfte sich in den kommenden Tagen zeigen. Klar ist: Erdogan wird sich vermutlich keine Freunde machen, wenn er seinen Kampf gegen den Terror der IS-Milizen weiterhin links liegen lässt.

Mit Material von dpa


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