POLITIK
10/08/2015 05:59 CEST

"Wie wir Deutschen ticken": Psychologe Holger Geißler hält die Deutschen für ein "ängstliches Volk"

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Deutschland-Fans während der Fußball-Weltmeisterschaft 2014

Pedantisch, spießig, arbeitswütig - das Deutschland-Bild unserer Nachbarn ist teilweise immer noch auf dem Stand von vor 50 Jahren. Doch wie ticken die 80 Millionen Deutschen im Jahr 2015 wirklich? Welche Vorurteile stimmen, welche sind nur noch ein Relikt aus längst vergessenen Zeiten?

Um diese Frage zu beantworten, hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov das Umfrage-Projekt "Wie wir Deutschen ticken" durchgeführt, das am Montag als Buch erscheint. Die Ergebnisse darin dürften auch das Selbstbild vieler Deutschen gehörig auf den Kopf stellen.

Die Huffington Post hat vorab mit dem Psychologen und Herausgeber des Buches, Holger Geißler, gesprochen:

Huffington Post: Herr Geißler, Sie haben mehrere Monate lang die Seele der Deutschen erforscht. Was hat Sie am meisten überrascht?

Holger Geißler: Ganz banale Dinge. Zum Beispiel, dass Mathematik das Lieblingsfach der Deutschen ist. Hätten Sie das gedacht?

HuffPost: Nein.

Geißler: Ich konnte es auch erst nicht glauben. Aber 16 Prozent der Befragten gaben tatsächlich Mathematik an, als sie nach dem Fach gefragt wurden, das ihnen in ihrer Schulzeit am meisten Spaß gemacht hat. Nur Geschichte konnte da noch mithalten, zumindest bei den Männern. Spannend ist übrigens auch, dass die Deutschen sich eher für Wein als für Bier entscheiden würden, wenn sie die Wahl hätten.

HuffPost: So viel zum Thema Biernation.

Geißler: Genau. Wobei das natürlich nicht bedeutet, dass die Deutschen auch tatsächlich mehr Bier trinken. Trotzdem zeigt es, dass viele Vorurteile über die Deutschen gar nicht immer stimmen müssen.

HuffPost: Ist es denn verwerflich, Vorurteile zu haben?

Geißler: Überhaupt nicht. Vorurteile vereinfachen Dinge, um schneller Entscheidungen treffen zu können. Um schneller in gewissen Situationen zurechtzukommen.

HuffPost: Wo wir gerade beim Thema sind: Welche Vorurteile über die Deutschen stimmen denn?

Geißler: Das kommt immer auf die Perspektive von außen an. Aber um mal die gängigen Klischees zu bedienen: 70 Prozent der Befragten haben angegeben, immer pünktlich zu sein. 62 Prozent sagten über sich, sie seien pflichtbewusst. Und 46 Prozent halten sich für fleißig ...

HuffPost: ... alles Dinge, die ein Amerikaner oder Brite den Deutschen ohne zu Überlegen zuschreiben würde.

Geißler: Ja. Allerdings ist es bei weitem nicht so eindimensional. Es gibt auch viele Ergebnisse, mit denen die meisten nicht rechnen würden. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass eine große Mehrheit der angeblich so kühlen und steifen Deutschen körperliche Nähe mag. Deutschland ist eine verschmuste Nation.

HuffPost: Wie bitte?

Geißler: Das hört sich vielleicht seltsam an. Aber die Zahlen sprechen für sich. 82 Prozent der Frauen und 85 Prozent der Männer gaben „Schmusen“ an, als sie gefragt wurden, welche Form der körperlichen Nähe sie gerne mögen. Und 47 Prozent der Deutschen finden, dass man sich in Deutschland zu wenig umarmt.

holger geißler

(Psychologe Holger Geißler ist Herausgeber des Buches "Wie wir Deutschen ticken" und bezeichnet seine Landsleute als "zutiefst ängstliches Volk". Credit: Holger Geißler/YouGov)

HuffPost: Müssen wir uns Sorgen um die gute, alte deutsche Verbohrtheit machen?

Geißler: Es gibt andere Dinge, die einen nachdenklich stimmen sollten.

HuffPost: Wir sind gespannt.

Geißler: Fast 90 Prozent der Deutschen halten sich für gute Autofahrer. Bei den jungen Männern sind es sogar 93 Prozent. Wenn man bedenkt, dass diese Gruppe der Autofahrer die meisten Unfälle auslöst, gibt es da offenbar ein bedenklich hohes Maß an Selbstüberschätzung. Aber es gibt noch etwas anderes, das nachdenklich stimmen sollte: Die Deutschen sind ein zutiefst ängstliches Volk.

HuffPost: Sind solche kollektiven Verhaltenszuschreibungen nicht längst überholt? Die „German Angst“ ist im Ausland doch schon lange kein Begriff mehr, der nur noch für ein typisches deutsches Verhalten steht.

Geißler: Das mag sein. Aber es ist Fakt, dass sich die Deutschen vor vielen Dingen fürchten, vor allem vor persönlichen Schicksalsschlägen. 65 Prozent der Befragten gaben an, Angst vor Krebs zu haben, 60 Prozent fürchten sich vor einer Behinderung. Auch schwere Unfälle, Arbeitslosigkeit, Armut im Alter und der Verlust des Partners stehen ganz oben auf der Angst-Liste der Deutschen. Fast ein Drittel der Befragten gab an, mit einem ängstlichen Gefühl in die persönliche Zukunft zu blicken.

HuffPost: Gibt es da Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Geißler: Ja. Die Frauen sind in den meisten Fällen deutlich ängstlicher als die Männer.

HuffPost: Sie haben herausgefunden, dass viele Deutsche wahlmüde sind und nicht mehr zur Wahlurne gehen. Das ist jetzt nicht wirklich überraschend. Wie halten es die Deutschen ansonsten mit der Politik?

Geißler: Da gibt es spannende Erkenntnisse, die zeigen, dass die Deutschen sich sehr wohl mit Politik beschäftigen. 78 Prozent der Befragten fanden zum Beispiel, dass es auch bundesweit Volksentscheide zu wichtigen Themen geben sollte. Und für fast jeden dritten Deutschen kommt die Mitgliedschaft in einer Partei in Frage, wenn es um die Form des politischen Engagements geht.

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(Deutschland, einig Biernation? Nicht ganz: Wenn sie die Wahl hätten, würden sich mehr Deutsche für Wein entscheiden. Credit: Getty)

HuffPost: Das sind durchaus positive Nachrichten. Aber das werden nicht Ihre einzigen Erkenntnisse sein.

Geißler: Nein. Natürlich gibt es auch viele andere Dinge, die die Menschen beschäftigen. Mehr als jeder Dritte will zum Beispiel den Euro abschaffen und die D-Mark wieder einführen. 34 Prozent der Deutschen finden, die Zahl der Bundesländer sollte verringert werden. Und im Osten gibt es Bundesländer, wo nur 33 Prozent sagen, die gegenwärtige politische Ordnung sei die beste. Das ist schon bedenklich.

HuffPost: Haben Sie jetzt eigentlich ein anderes Bild von ihren Landsleuten?

Geißler: Teilweise schon, aber als Marktforscher und Psychologe beschäftige ich mich schon etwas länger mit dem Thema. Von daher habe ich einige der Ergebnisse so oder so ähnlich erwartet. Und ich habe vorher im Übrigen auch nicht daran geglaubt, dass alle Deutschen humorlos, unpatriotisch und stocksteif sind. Vielleicht hat das den Überraschungs-Effekt bei manchen Ergebnissen etwas gemindert.

HuffPost: Wen oder was wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Geißler: Da will ich mich gar nicht festlegen. Ich würde mir wünschen, dass unser Buch dazu beiträgt, dass wir Deutschen manche Dinge künftig etwas differenzierter sehen als in der Vergangenheit. Dass manche Vorurteile entkräftet werden. Mit Zahlen und Statistiken kann man manche Dinge ja zumindest in ein anderes Licht rücken, als wenn man immer nur Einzelfälle betrachtet.


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