POLITIK
07/08/2015 18:39 CEST | Aktualisiert 08/08/2015 07:30 CEST

So werben Schleuser bei Facebook um Flüchtlinge

Getty

Es klingt wie die Anzeige eines Reiseveranstalters: „Eine Reise auf einer 28-Meter-Yacht nach Italien!“ Doch hinter dem Facebook-Post des Mannes, der sich im sozialen Netzwerk Mohammed nennt, steckt etwas anderes: Es ist die Masche türkischer und arabischer Schleuserbanden, die fluchtwillige Syrer aus der Türkei nach Europa bringen – und auf Facebook vollkommen öffentlich und offensiv ihre Dienste bewerben.

Es gibt zahlreiche Facebook-Seiten, die solche Überfahrten anbieten. Durch ihre unauffälligen Namen laufen sie oft lange unter dem Radar der Behörden. Aus dem Arabischen übersetzt heißen sie etwa „Reisen von Izmir nach Griechenland“ oder „Sichere Reisen nach Europa“. Sie versprechen die Fluchtwilligen für mehrere Tausend Dollar pro Person auf das europäische Festland zu bringen – angeblich sogar weiter nach Deutschland.

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Der Hintergrund: Rund zwei Millionen syrische Flüchtlinge halten sich derzeit in der Türkei auf. Weil ihnen hier die Perspektive fehlt, wollen viele von ihnen weiter nach Westeuropa. Auf legalem Weg ist das meist nicht möglich. Deshalb wenden sich viele Syrer an Schlepperorganisationen, die ihnen versprechen, sie auf dem gefährlichen Seeweg nach Kontinentaleuropa zu bringen. Immer wieder sinken die oft völlig untauglichen und überladenen Schiffe dabei.

Trotzdem floriert das zwielichtige Geschäft bei Facebook. Neben den Preisen und Schiffsrouten geben die Seitenbetreiber meist eine oder mehrere Handynummern von Kontaktpersonen an, an die sich die Interessenten dann über die Messenger-Dienste „Viber“ oder „WhatsApp“ wenden. Zwischen 2000 und 9000 US-Dollar kosten die Überfahrten, je nach Ab- und Anlegeort. Besonders in den Küstenstädten Izmir, Antalya und Mersin scheint das Geschäft zu boomen. Ziele sind meist die griechische und italienische Küste sowie griechische Inseln wie Kos.

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Die Masche: Bei Facebook werden die Reisen mit Bildern beworben, die Yachten und Luxus-Liner zeigen. 6000 Dollar soll eine angebotene Reise von Antalya nach Italien kosten. Kinder bekommen Rabatte. Eineinhalb Tage auf einer 45-Meter-Yacht versprechen die Betreiber der Seite. Mit der Realität hat das jedoch wenig zu tun, wie Videos und Fotos von einer illegalen Überfahrt zeigen, die die Seite „Reisen von Izmir nach Griechenland“ teilte. Darauf zu sehen: Etwa zwanzig Flüchtlinge, dicht an dicht gedrängt, auf einem motorbetriebenen Schlauchboot.

احلى رحلة واحلى شباب… .

Posted by ‎السفر الى اليونان من ازمير. 05340237430‎ on Montag, 27. Juli 2015


Die Autoren der Facebook-Werbung sind lediglich Mittelsmänner. Die Fluchtwilligen hinterlegen das geforderte Geld in einem vermeintlichen "Versicherungsbüro." Erst dann wird der Kontakt zu den Schleusern vermittelt. Durch "Reiseanbieter" wie Mohammed. Über WhatsApp kontaktiert meldet dieser bereits nach wenigen Minuten. "Wie kann ich helfen?", fragt er.

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Auf Nachfrage erklärt Mohammed: "Wenn eine Person zu mir kommt, die ohne gültige Papiere eine Reise von der Türkei in ein europäisches Land unternehmen will, bringe ich sie zu den Leuten, die in diesem Geschäft arbeiten." Geld verdiene er damit angeblich nicht: "Ich mache das, um Leuten zu helfen. Ich bringe sie und ihre Kinder an sichere Orte." Wie das US-Magazin "vocativ" dagegen berichtet, verdienen Vermittler wie Mohammed zwischen 100 und 200 Dollar pro Flüchtling, den sie für die Schleuser akquirieren. Eine Art Provision.

Auch illegale Reisen nach Deutschland sollen bei Facebook angepriesen werden: Laut dem britischen "Guardian" bieten Schleuser solche Überlandfahrten aus der Türkei für etwa 9000 Euro an. Geld, das viele Syrer in der Hoffnung auf ein besseres Leben bereit sind zu zahlen. Geld, an dem wahrscheinlich auch Mohammed verdient. Denn er weiß: "Es gibt keinen legalen Weg nach Europa."


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