LIFESTYLE
07/08/2015 09:02 CEST | Aktualisiert 23/08/2015 16:09 CEST

Der Tag, an dem ich die hässliche Wahrheit über meine Ehe laut aussprach

Die Autorin von "Still Alice" und "inside The O'Briens" erzählt, warum es in Ordnung ist, darüber zu sprechen, wenn eine Liebe zerbricht.

lisa genova oprah

Letztes Jahr im Sommer war ich mit meinen drei und sechs Jahre alten Kindern auf der Geburtstagsfeier von der Tochter meiner Freundin Lucie. Die Party fand im Heritage Museums & Gardens statt. 25 Hektar grüner, ausladender Rasen, blühende Gärten, riesige Ameisen-Statuen und ein Karussell -- ein idyllischer Ort, um herumzulaufen und zu spielen.

Die Kinder erkundeten einen Spielplatz, der sich “Geheime Höhle” nannte. Mein sechsjähriger Sohn spielte Pirat und rief “Ahoi!” vom Dach eines Baumhauses, meine Tochter versuchte, über einen Holzstamm zu balancieren.

Meine Freundinnen standen in der Sonne beieinander, unterhielten sich und lachten. Ich saß auf einer Bank mitten auf dem Spielplatz und kämpfte gegen eine beginnende Stress-Migräne an, indem ich versuchte, meine Atmung zu kontrollieren. In letzter Zeit ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich entweder atmete wie ein Hamster in schnellen, flachen und panischen Zügen oder dass ich überhaupt nicht atmete.

Die Frau, die neben mir auf der Bank saß, war Lucies Mutter. Ich hatte sie einmal kurz getroffen, vielleicht auch zweimal, aber ich wusste sehr wenig über sie. Ich war mir nicht einmal ganz sicher, wie sie hieß. Vielleicht Jenny?

Wir sagten beide höflich Hallo. Dann fragte sie mich: “Wie geht es dir?” Meine typische Antwort wäre normalerweise ein knappes “gut” ohne weitere Erläuterung gewesen.

Aber als ich diese Frau ansah, in ihre warmherzigen blauen Augen blickte, fühlte sich “gut” plötzlich wie eine abscheuliche Lüge an. Ihr Augen warteten, mein Schädel pulsierte und ohne darüber nachzudenken, sagte ich, was wirklich los war.

“Ich habe meinen Mann gerade um die Scheidung gebeten und ich habe solche Angst.”

Ich hatte Angst, dass diese Scheidung ein exaktes Abbild meiner Ehe sein würde: ausnehmend schwierig. Ich hatte Angst um meine Kinder. Angst, dass ich jede meiner Chancen auf Glück mit einem Mann verbraucht hatte. Das würde meine zweite Scheidung werden. Ich hatte panische Angst, dass ich eine unwiderrufbar falsche Entscheidung getroffen hatte, dass ich nun für immer allein sein würde.

Und nun saß ich auf einer Bank, mit pochendem Herzen und hatte einer völlig fremden Frau die nackte Wahrheit gesagt. Ich hatte Angst, dass diese Fremde mich verurteilte, von meinen Worten peinlich berührt war, Mitleid mit mir hatte, mich alleine lassen würde.

Ich hörte die Stimmer meiner Teenager-Tochter in meinem Kopf. TMI, Mama. Aber anstatt mit einer mittelmäßigen Entschuldigung das Weite zu suchen oder auf ein immaginäres Rufen ihrer Enkelkinder zu reagieren, blieb Jenny sitzen und erzählte mir ein bisschen aus ihrem Leben.

Sie war dreimal verheiratet. Ihr erster Mann war gestorben und hatte sie als junge Witwe mit drei kleinen Kindern zurückgelassen. Ich habe drei Kinder. Ich zweite Ehe war ein Albtraum und sie hatte eine lange Zeit gebraucht, um sich selbst daraus zu befreien. Dito. Sie hatte die Liebe ihres Lebens mit 43 getroffen. Ich war 43.

Jenny erzählte mir einzelne Geschichten aus ihrem Leben. Von den Zeiten, in denen sie am verletzlichsten war. Momenten, in denen sie sich eine sichere, positive Zukunft einfach nicht vorstellen konnte. Ich nickte. Mein Herz wusste, wovon sie sprach.

Ich erzählte ihr mehr über meine eigene Situation, schaute ihr in die Augen und beschönigte nichts. Sie erzählte mir mehr, dieses Mal über Freiheit und ihren unumstößlichen Glauben an das Glück und die Liebe. Ich fing an, einen größeren Blickwinkel zu bekommen. Eine bessere Perspektive. Ich sah diesen Moment als nur einen Punkt in dem unfertigen Punkt-zu-Punkt-Bild, das mein Leben darstellt.

Seit diesem Tag in der “Geheimen Höhle” sind Jenny und ich gute Freundinnen geworden. Jenny schickt mir oft Karten mit handgeschriebenen Ratschlägen und guten Worten. Eine, die sie mir zu Weihnachten geschickt hat, trage ich immer bei mir. Ich lese sie jedes Mal, wenn ich mich überfordert fühle oder Angst habe, vor dem, was passieren könnte.

“Wisse, dass ich dich durch den Flur zum Glück puste”

Ich lese Jennys Worte und ich denke: “Ich werde das schaffen.”

Ich erinnere mich oft an diesen Tag auf der Bank. Wenn ich auf Jennys “Wie geht es dir?” mit dem üblichen “gut” geantwortet hätte, hätte ich sie nie kennengelernt. Ich wüsste nicht, dass sie und ich so viele ähnliche Erfahrungen im Leben gemacht haben, dass sie witzig und abenteuerlustig ist, dass sie mutig und gütig ist, dass sie Tee liebt, nähen und die englische Landschaft.

Ich hätte heute nicht diese wundervolle Mentorin, die mich auf dem steinigen Weg am Ende einer Ehe an die Hand nimmt und fest daran glaubt, dass meine Kinder und ich mit jedem wackeligen Schritt voran gehen und dass es uns gut gehen wird.

Ich könnte sie nicht so lieb haben und sie könnte mich nicht so lieb haben. Hätte ich “gut” gesagt, wäre sie noch immer einfach Lucies Mutter. Ich würde überlegen, ob ihr Name Jenny war.

Ich weiß, dass wir uns nicht jedem Menschen, dem wir zufällig bei Starbucks in der Schlange begegnen, komplett öffnen können. Manchmal ist ein Lächeln und ein “gut” alles, was wir sagen können und wofür die Zeit reicht.

Aber manchmal kann ein “Wie geht es dir?” eine Einladung und Gelegenheit sein, die komplizierte Wahrheit zu zeigen, was unter unserem gut gekleideten, geschützten Äußeren verborgen liegt. Es lädt ein, eine Verbindung mit einem anderen Menschen aufzubauen.

Auf diese Einladung mit der Wahrheit zu antworten, kann dir Vorurteile, Mitleid, Ignoranz und Scham einbringen. Das kann passieren. Oder du könntest feststellen, dass du auf einer Bank neben jemandem sitzt, den du lieb hast. Für mich ist es das Risiko wert.

lisa genova


Dieser Text erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.


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