LIFESTYLE
06/08/2015 11:54 CEST | Aktualisiert 16/11/2017 05:48 CET

Wie überfürsorgliche Eltern ihren Kindern langfristig schaden

Sean Justice via Getty Images
Boy (4-6) embracing mother's leg in classroom, portrait

Wenn Eltern mit ihren Kindern über ihre eigene Kindheit sprechen, wird schnell klar, wie schnell unsere Welt sich doch verändert. “Damals gab es keinen Fernseher. Wir mussten uns selbst beschäftigen”, erzählen sie oft. “Taschengeld haben wir nicht bekommen. Ich musste wochenlang auf dem Marktstand helfen, bis ich mir ein Fahrrad leisten konnte.” Oder: “Uns hat niemand zur Klavierstunde gefahren”.

Und obwohl sie es viel schwerer hatten, wie sie ihren Kindern wieder und wieder versichern, obwohl sie nicht ständig betreut oder beschäftigt wurden, haben sie doch jedes Mal wieder ein Lächeln im Gesicht, wenn sie an ihre Kindertage zurückdenken.

Moderne Kindheit: Mehr Stress, weniger Freiheit

Heute hat die Kindheit sich zu einer Phase entwickelt, die immer weniger aus Spaß und Freiheit besteht und immer mehr aus Stress und Druck. Schuld daran ist eine neue Generation von Eltern, die sich zu sehr in das Leben ihrer Kinder einmischt - sogenannte Helikopter-Eltern.

Und das hat drastische Auswirkungen auf die persönliche Entwicklung von Kindern, ihre Leistungen in der Schule und im Studium und ihre geistige Gesundheit.

Julie Lythcott-Haims, ehemalige Dekanin an der Stanford University, beschreibt das Szenario in einem Blog für die Huffington Post. Sie fragt:

“Warum haben Eltern aufgehört, ihre Kinder auf das Leben vorzubereiten und angefangen, ihre Kinder vor dem Leben zu beschützen?”

Eine mehr als berechtigte Frage.

Diese neue Generation von Eltern versucht, ihre Kinder vor allem zu beschützen, das ihnen möglicherweise ein Steinchen in den Weg legen könnte.

Sie treffen Entscheidungen und lösen Probleme ihrer Kinder, anstatt ihnen die Möglichkeit zu geben, das selbst zu tun. Sie planen die Aktivitäten ihrer Kinder und nehmen ihnen damit die Chance, frei zu entscheiden, wie sie ihre Zeit verbringen möchten, was ihnen wirklich Spaß macht und wofür sie sich interessieren.

Kinder werden immer hilfloser

Die Auswirkungen dieses Erziehungsstils lassen sich unter anderem in der letzten Pisa-Studie nachlesen: Jugendliche sind heute so hilflos wie nie zuvor und haben Schwierigkeiten, selbst einfache Probleme des Alltags eigenständig zu lösen.

Und es gibt eine weitere Gefahr, die von den meisten Eltern unterschätzt wird. Die hohe Erwartungshaltung, die sie an die Leistungen ihrer Kinder haben, führt dazu, dass bereits Grundschulkinder unter Stress und Versagensängsten leiden.

Jedes sechste Kind ist übermäßig gestresst

Eine Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung kam zu dem Ergebnis, dass jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland unter starkem Stress leidet.

Etwa die Hälfte der befragten Kinder hat Angst, die Eltern zu enttäuschen. Doch die Studie zeigte auch, dass 87 Prozent der Eltern die Überforderung ihrer Kinder gar nicht wahrnehmen.

Damit sich das ändern kann, müssen Eltern verstehen, was den Stress bei ihren Kindern auslöst. Das größte Problem sind offenbar die vollen Terminkalender, die schon die Kleinsten haben.

Knapp 40 Prozent der Kinder gab an, an drei oder mehr Tagen in der Woche Termine zu haben. Dazu gehören sportliche Aktivitäten, Musik- oder Sprachunterricht - Dinge, mit denen Eltern ihre Kinder fördern wollen, manchmal aber das Gegenteil erreichen.

Internationale Studien zeigen negativen Effekt durch überfürsorgliche Eltern

Forscher der Bringham Young University stellten fest, dass Kinder von überfürsorglichen Eltern häufiger psychische Auffälligkeiten zeigen, Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Beziehungen haben und in der Schule weniger engagiert sind.

Die Untersuchungen zeigten zudem, dass Schüler, die von ihren Eltern zu sehr unter Druck gesetzt werden, öfter zu risikohaftem Verhalten wie Alkohol- und Drogenkonsum neigen und ein schwaches Selbstwertgefühl haben.

“Sich einzumischen und etwas für ein Kind zu tun, das es von seinem Entwicklungsstand her auch für sich selbst tun könnte, ist im Allgemeinen negativ”, sagte Larry Nelson, Professor an der Bringham Young University, in einem Statement.

Studenten sind überfordert und depressiv

Noch deutlicher zeigen sich die Auswirkungen eines überfürsorglichen Erziehungsstils, sobald die Kinder aus dem Haus sind und auf die Universität gehen.

Bei einer Umfrage unter College-Beratern an US-Universitäten im Jahr 2013 gaben 95 Prozent der Befragten an, dass die Anzahl psychisch instabiler Studenten extrem angestiegen sei. Viele zeigten sich darüber zutiefst besorgt - offenbar zurecht, wie eine Befragung von Studenten in demselben Jahr zeigte.

Die American College Health Association befragte knapp 100.000 Studenten an 153 verschiedenen Universitäten zu ihrer Gesundheit. Die Ergebnisse sind erschütternd.

Mehr als 84 Prozent der Studenten gaben an, sich mit der Arbeitsbelastung überfordert zu fühlen. 60 Prozent fühlten sich “sehr traurig”. 57 Prozent gaben an, “sehr einsam” zu sein. 51 Prozent fühlten eine “unbändige Angst”. Und acht Prozent der Studenten sagten, dass sie einen Selbstmord ernsthaft in Betracht zögen.

Auch deutsche Studenten leiden unter Dauerstress

Auch in Deutschland stehen Studenten unter großem Druck. Einem Report der Techniker Krankenkasse zufolge leidet die Hälfte der Studenten unter Dauerstress, etwa 20 Prozent entwickeln Angststörungen und Depressionen.

Diese Zahlen sollten uns zum Innehalten zwingen. Wir müssen begreifen, dass wir nicht entscheiden können, was unsere Kinder glücklich oder erfolgreich macht. Das müssen sie ganz alleine herausfinden.

Larry Nelson von der Bringham Young University hat deshalb eine Botschaft an alle Eltern. In einer Email an die Huffington Post schreibt er:

“Junge Menschen brauchen ein hohes Maß an Autonomie - NICHT Kontrolle - während sie zu Erwachsenen heranwachsen. Aber ein Mangel an Kontrolle heißt NICHT ein Mangel an Beteiligung. Eltern müssen immer noch Unterstützung und Wärme bieten. Eltern sollten Kontrolle nicht mit Beteiligung verwechseln - es ist immer noch wichtig, dass Eltern am Leben ihrer Kinder teilhaben, aber sie sollten ihr Leben nicht kontrollieren.”


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