POLITIK
06/08/2015 03:02 CEST | Aktualisiert 06/08/2015 06:01 CEST

Praktikant hat Griechenland-Krise vorhergesehen - vor 27 Jahren!

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Griechen stehen vor einer Bank an

Die Griechenland-Krise hält seit Monaten Europa in Atem. Viele Menschen fragen sich: Wie konnte es sein, dass so viele hochgebildete Ökonomen und Politiker das Desaster nicht vorhersehen konnten?

Allen, die sagen, dass der Schlamassel nicht vorhersehbar war, straft ein Artikel aus der "Zeit" Lügen, der ganze 27 Jahre alt ist - sich aber streckenweise liest, als sie er gestern geschrieben worden. Verfasst hatten ihn kein Nobelpreisträger - sondern ein Praktikant.

Der deutsche Bernd Loppow absolvierte vom 1. bis zum 31. August 1983 im Rahmen seines VWL-Studiums ein Praktikum im griechischen Landwirtschaftsministerium. Während dieser Zeit beschäftige er sich mit der Frage, welche Folgen die Integration der griechischen Landwirtschaft in die Europäische Gemeinschaft hatte. Schon damals schienen die Griechen der Ansicht zu sein, dass sie ein Fehler gewesen sei. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er in einem Text für die "Zeit", der unter dem Titel "Ziegenkäse aus Dänemark" im Jahr 1986 erschienen ist.

Loppow stellte darin fest, dass Griechenland nach dem EG-Beitritt von Produkten aus dem Rest Europas überschwemmt wurde:

"Seit fünf Jahren ist Griechenland nun Mitglied der EG. Ursprüngliche Hoffnungen haben sich nur zum Teil erfüllt. Die Überweisungen aus der EG-Kasse trugen zwar zur Linderung chronischer Finanznöte bei, der freie Zugang der griechischen Waren und Dienstleistungen auf dem EG-Markt mit über zweihundert Millionen Verbrauchern brachte indes keine Exporterfolge. Im Gegenteil: Im Integrationsjahr 1981 überschwemmten die Waren aus der EG den griechischen Markt. Erstmals wurden mehr Produkte aus der Gemeinschaft ein- als ausgeführt. Zweifel, Mahnungen und Bedenken von Ökonomen wurden dennoch abgetan."

Das habe dazu geführt, dass man in dem Land kaum noch griechische Produkte kaufen konnte.

"Deutschen Urlaubern würden die Gaumenfreuden ihres griechischen Abendessens in der Plaka, der Athener Altstadt im Schatten der Akropolis, womöglich verleidet, wenn ihnen die Herkunft der Köstlichkeiten bekannt wäre: Die zum Suvlaki aufgespießten Schweinefleischstückchen kommen vielfach direkt aus deutschen Schweinemastbetrieben frisch auf den griechischen Tisch, der hochgerühmte griechische Ziegenkäse zu großen Teilen aus Spezialbetrieben in Dänemark, und die Milch zum Kaffee stammt von glücklichen Kühen im Allgäu."

Durch die Lohnindexierung, ein System, bei dem Löhne regelmäßig an die Verbraucherpreise angepasst werden, stiegen die Kosten für griechische Produkte - und machten sie im internationalen Vergleich unattraktiv.

"Die Produktionskosten der griechischen Wirtschaft stiegen besonders stark, als mit dem System der Lohnindexierung die Anpassung der Lohnerhöhungen an die Preissteigerung eingeführt wurde. Die Folge: Während die Produktivität von 1974 bis 1984 um 23 Prozent stieg, kletterten die Reallöhne um 83 Prozent. Kein Wunder also, dass viele griechische Erzeugnisse im internationalen Vergleich zu teuer wurden."

Loppow stellte schon damals fest, dass die griechische Regierung lieber neue Schulden aufnahm, als unpopuläre Entscheidungen zu treffen:

"Auch um die Staatsfinanzen Griechenlands ist es nicht zum besten bestellt. Unter Papandreou wuchsen die Ausgaben noch stärker als unter seinem Amtsvorgänger Karamanlis. So wurden zum Beispiel marode Firmen allein wegen der Arbeitsplätze erhalten; um den Anstieg der Arbeitslosigkeit zu bremsen, sozialisierte die Regierung bisher über vierzig Firmen."

Schon der damalige Premierminister Andreas Papandreou sah den EG-Beitritt als Fehler an.

"Das Ziel eines gemeinsamen Marktes in Europa – das hat Papandreou inzwischen erkannt – lässt sich eben nur mit Mitgliedsländern verwirklichen, die ungefähr auf der gleichen Stufe der wirtschaftlichen Entwicklung stehen. "Falls wir nochmal vor der Wahl stünden", resümiert der griechische Staatschef, "wäre es weiser, den Status als assoziiertes Mitglied beizubehalten. Die Integration kam zu früh und zu schnell und bedeutete eine zu hohe Dosis an Wettbewerb für unsere Industrie."

Klingt alles sehr vertraut, oder? Loppow ist übrigens noch heute bei der "Zeit" - er leitet nun "Zeit Reisen", den Leserreisenveranstalter der Zeitung.

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