WIRTSCHAFT
06/08/2015 14:48 CEST | Aktualisiert 24/09/2015 07:36 CEST

Krebsgefahr, Missbildungen, Demenz: "Es ist unverantwortlich, Glyphosat zu erlauben"

Foodwatch

Glypho was? Glyphosat? Kenne ich nicht.

Doch, kennen Sie sicher. Beziehungsweise: Sie sollten es kennen. Das ist das, was Ihr Nachbar manchmal spritzt, um sein Unkraut zu vernichten. Das, was im Baumarkt als „Round Up“ angeboten wird. Das meistverkaufte Pestizid der Welt. Chemische Formel: C3H8NO5P.

Es ist das Gift, das Landwirte vor der Aussaat und gern auch noch mal vor der Ernte in großen Mengen auf die Felder spritzen. 6000 Tonnen kommen pro Jahr allein in Deutschland zum Einsatz. Der US-Konzern Monsanto verdient Milliarden mit dem Unkraut-Killer.

Genau um dieses Glyphosat geht es. Und in diesen Tagen wird so viel über diesen Unkrautvernichter geschrieben wie gefühlt seit Jahren nicht mehr. Und Sie werden in den kommenden Wochen noch viel mehr beunruhigende Dinge darüber lesen. Viele Fakten, viel Fiktion.

Das hat zwei Gründe.

Erstens: Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der Weltgesundheitsagentur (WHO) hat das Pflanzengift als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft und damit für ordentlich Aufruhr gesorgt.

Zweitens: Es geht gerade jetzt um ganz viel. Darum, ob Glyphosat in der Europäischen Union weiter genehmigt wird. Die Frist läuft Ende 2015 nach zehn Jahren aus. Die EU-Kommission muss entscheiden, ob sie erneuert wird

Viele sind jetzt verunsichert: Ist Glyphosat wahrscheinlich krebserregend oder nicht? Was stimmt denn nun? Es wird über viele Dinge diskutiert.

1. Darüber, ob der Landwirt Recht hat, der in einem TV-Interview Glyphosat verdächtigt, daran Schuld zu sein, dass seine Freundin mit 27 an Brustkrebs gestorben ist, der ebenfalls auf dem Hof mithelfende Bruder mit 36 an Darmkrebs.

2. Darüber, dass in einigen Soja-Anbaugebieten in Argentinien – hier wird Glyphosat flächendeckend eingesetzt - eine „überdurchschnittlich hohe Anzahl von Krebserkrankungen bei Kindern" festgestellt worden ist, wie das ARD-Magazin „FAKT“ berichtete.

3. Darüber, dass eine argentinische Untersuchung herausgefunden haben will, dass Glyphosat zu Missbildungen bei Frosch- und Hühnerembryonen geführt hat.

4. Darüber, dass manche Länder Glyphosat schon verboten haben oder strengere Vorschriften planen, darunter Sri Lanka, Mexiko und die Niederlanden.

5. Darüber, dass Monika Krüger, Leiterin des Instituts für Bakteriologie und Mykologie an der Universität Leipzig, fordert: „Glyphosat muss vom Markt genommen werden.“

Sie bringt Glyphosat in Verbindung mit Autismus, Fettsucht, Demenz, Zöliakie, Morbus Crohn, Nierenversagen, Krebs und eingeschränkter Fruchtbarkeit.

Wir wollten von dem in Deutschland zuständigen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) wissen, ob die Frau keine Ahnung hat, wovon sie spricht. Das BfR verwies auf sein 13-seitiges Fragen-Antworten-Dokument, wo Glyphosat als harmlos eingestuft wird. Mit anderen Worten sagt das Institut: Diese Frau aus Leipzig hat keinen Schimmer. Aber welche Interessen hat sie? Will sie einfach nur Stimmung machen? Monsanto, der US-Milliardenkonzern, spricht von „viel Polemik“.

6. Darüber, dass die Grünen 16 Muttermilchproben testen ließen und die festgestellten Glyphosat-Rückstände dort alle über dem für Trinkwasser zulässigen Rückstandshöchstgehalt von 0,1 Nanogramm pro Milliliter lagen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung erklärt besorgten Eltern nun, dass der Befund im Gegensatz zu einer Vielzahl von Studien stehe, "die keine Hinweise auf eine Anreicherung im Organismus erbracht haben".

7. Darüber, dass Martin Häusling, der Grünen-Landwirtschaftsexperte im Europaparlament, den BfR-Einschätzungen misstraut. Er sieht im Zulassungsverfahren zu viel Einfluss der „Interessen einer Industrie, die mit dem Verkaufsschlager Glyphosat, ungeachtet aller gesundheitlichen Bedenken, weiter Kasse machen will.“

8. Darüber, dass sich das renommierte Bundesinstitut für Risikobewertung in seinen Glyphosat-Berichten auch auf mehrere Leserbriefe in einer Fachzeitschrift gestützt hat, darunter auch auf welche von Industrie-nahen Autoren (Monsanto!). Der Vorwurf der "Süddeutschen Zeitung": Leserbriefe würden als Studien verkauft. Das Bundesinstitut sieht darin kein Problem. Das sei wissenschaftlicher Usus. Die seien ja nicht als Studien verkauft worden, sondern lediglich als Quellen. Und Leserbriefe in Fachzeitschriften seien von der Qualität nicht mit Leserbriefe in Zeitungen zu vergleichen.

9. Darüber, dass die Behörde, die Glyphoast als „möglicherweise krebserregend“ bezeichnet, angeblich auch Kaffee, Handy und Aloe Vera-Extrakt als „möglicherweise krebserregend“ bezeichnet, wie Monsanto behauptet (was aber nicht stimmt, wie die WHO-Behörde kontert). Es wird mit allen Tricks gespielt.

10. Darüber, dass die Zeitschrift „Öko-Test“ Ergebnisse veröffentlichte, wonach

in sieben von zehn untersuchten Großstädtern in Deutschland das Unkrautvernichtungsmittel im Urin festgestellt wurde. Die Stichprobe ist lächerlich klein gewesen, getestet wurden eine handvoll Leute. Und auf eine Kleine Anfrage der Grünen erklärte das Bundeslandwirtschaftsministerium, dass diese Urin-Proben auf Basis des derzeitigen Kenntnisstandes „keinen Grund zu Besorgnis“ darstellen würden.

11. Darüber dass die Agrarexpertin von Greenpeace Deutschland, Christiane Huxdorf, warnt: „Alle Anwendungen, bei denen es sehr wahrscheinlich ist, dass Menschen mit Glyphosat in direkten Kontakt kommen, müssen umgehend ausgesetzt werden."

12. Darüber, dass auch in Lebensmitteln Rückstände von Glyphoast sind. „Öko-Test“ fand es in acht von zehn untersuchten Brötchen, was beweise, dass Glyphoast Backtemperaturen überstehe. Auch hier gibt das BfR Entwarnung: Die Konzentrationen seien gesundheitlich unbedenklich.

13. Darüber dass der der Pestizidexperte des BUND, Tomas Brückmann, ebenfalls eine Neubewertung fordert. "Es ist unverantwortlich, Glyphosat weiter als unbedenklich einzustufen.“

14. Darüber dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) sich nach dem Krebs-Verdacht nun (notgedrungen) mehr Zeit nimmt, um sich zu einer Neuzulassung des Unkrautvernichters zu äußern. Die Einschätzung werde erst Ende Oktober oder Anfang November und nicht wie ursprünglich vorgesehen bis 13. August abgegeben.

(mit Material der dpa)


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