POLITIK
05/08/2015 16:41 CEST | Aktualisiert 10/08/2015 05:13 CEST

10 Dinge, die jedem im Weg stehen, der ein Kind bekommen möchte

10 Hindernisse, die jedem im Weg stehen, der ein Kind bekommen möchte
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10 Hindernisse, die jedem im Weg stehen, der ein Kind bekommen möchte

Dass in Deutschland so wenig Kinder wie in kaum einem anderen Land geboren werden, ist längst bekannt. Spätestens seit Anfang der 2000er Jahre versucht die Politik etwas dagegen zu unternehmen - aber ohne großen Erfolg.

Denn noch immer gibt es viele Dinge, die junge Menschen davon abhalten, Kinder zu bekommen. Eine Auswahl der größten Hindernisse.

Lange Ausbildungszeiten verlagern die Familienplanung nach hinten

Das deutsche Ausbildungssystem ist von relativ langen Ausbildungszeiten geprägt. Die Folge: Vor allem ältere Akademikerinnen überlegen sich heute ganz genau, ob sie überhaupt noch Kinder bekommen wollen. Mit der Umstellung auf das Bachelor- und Mastersystem im Zuge der Bologna-Reform wurden die Studienzeiten zwar verkürzt. Dennoch haben beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, wo etwa ein Viertel der deutschen Studierenden eingeschrieben ist, die Studenten ihren Bachelor 2013 durchschnittlich in 8,64 Hochschulsemestern gemacht, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet. Vorgesehen sind in der Regel sechs Semester.

Und die Zahl der Akademiker nimmt zu. Im Wintersemester 2014/15 waren fast 2, 7 Millionen Studenten an einer deutschen Hochschule eingeschrieben - so viel wie noch nie zuvor, wie "Spiegel-Online" schreibt. Und wer studiert hat, will meist auch erst einmal im Beruf Fuß fassen und seine Position festigen. So hat eine Umfrage unter 1.742 Studenten, die im Auftrag des Personaldienstleisters "univativ" durchgeführt wurde, ergeben, dass der Großteil der Befragten gerne erst nach mehreren Jahren im Job Kinder bekommen möchte.

Die Betreuungssituation für Kinder ist unzureichend

Wer nach der Geburt seines Kindes arbeiten möchte, hat es in Deutschland nicht leicht. Denn obwohl seit dem 1. August 2013 ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem ersten Geburtstag besteht, ist der Bedarf noch nicht vollständig gedeckt. Wie n-tv berichtet, ist die Betreuungsquote der unter Dreijährigen zwischen 2008 und 2014 von 17,6 Prozent auf 32,3 Prozent gestiegen.

Doch 41,5 Prozent der Eltern mit Kindern unter drei Jahren würden sich einen Betreuungsplatz wünschen. Zwar gibt es in Ostdeutschland mehr Betreuungsplätze für Kleinkinder als im Westen. Dabei muss sich in den neuen Bundesländern eine Erzieherin um durchschnittlich 6,3 Kinder kümmern, wie "Zeit Online" berichtet. In den alten Bundesländern kommen 3,8 Kinder auf eine Erzieherin.

Vor besonders große Probleme sind Eltern gestellt, die in Schichtarbeit tätig sind. Denn 24-Stunden-Kitas sind in Deutschland Mangelware. Und selbst wenn Eltern ihre Kinder in einer Kita und später einem Kindergarten unterbringen konnten, stehen sie vor einer neuen Herausforderung, wenn die Einschulung ansteht. Denn auch Ganztagsschulen sind hierzulande kaum zu finden.

Nachwuchs ist teuer

Nicht nur für die Kinderbetreuung müssen Eltern oft viel Geld zahlen. Wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat, belaufen sich die durchschnittlichen Ausgaben von Eltern mit einem Kind bis zu dessen 18. Lebensjahr auf rund 126.000 Euro.

Die meisten der Befragten bei einer durch die BAT-Stiftung für Zukunftsfragen durchgeführten Umfrage gaben an, dass hohe Kosten der Grund seien, warum viele Menschen in Deutschland keine Kinder bekommen wollen, wie "Focus Online" schreibt.

Doch selbst wenn die Politik anstrebt, die Nachteile von Familien gegenüber Kinderlosen auszugleichen, dürfte es schwierig werden, die finanziellen Einbußen auszugleichen. Das Gefühl, dass Kinder wegen finanzieller Zuschüsse geboren werden, soll dabei vermieden werden.

Frauen gehen mit Kindern ein wirtschaftliches Risiko ein

Vor allem für Frauen bedeuten Kinder ein wirtschaftliches Risiko. Meist sind sie es, die zu Hause bleiben, um sich um den Nachwuchs zu kümmern. Die Gründe dafür können ganz pragmatischer Natur sein. Es liegt nun mal in der Natur der Frauen, dass sie die Kinder stillen müssen. Zudem verdienen Frauen meist weniger als Männer, weshalb die finanziellen Einbußen zu groß wären, wenn Väter zeitweise nicht mehr arbeiten gingen.

Werden Mütter, die sich als Hausfrauen um die Kinderbetreuung kümmern, geschieden, stehen sie vor besonders großen Problemen. Denn eine lange Auszeit wird im Job meistens nicht belohnt. Spätestens im Rentenalter bekommen Frauen dann zu spüren, dass ihre Zeit als Mutter nicht honoriert wird. Und das, obwohl am 1. Juli 2014 eine Reform zur Mütterrente in Kraft trat. Alle Frauen, die vor 1992 ein Kind zur Welt brachten, sind davon betroffen.

Sie erhalten für jedes Kind einen Rentenentgeltpunkt zusätzlich. Im Westen sind dies 29,21 Euro und 27,05 Euro im Osten, wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet.

Die Anforderungen an Kinder und Eltern sind gestiegen

Die Ansprüche an Kinder und ihre Eltern sind gewachsen. So scheint es zumindest. Denn der Bildungsstand in Deutschland steigt kontinuierlich. 2012 gingen lediglich 5,9 Prozent der Schüler ohne Hauptschulabschluss von der Schule ab.

Die Studienanfängerquote lag hingegen bei 51,4 Prozent, wie das Bildungsministerium mitteilt. Dadurch stehen Eltern vor der Herausforderung, viel Zeit und Geld in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Denn nur mit der bestmöglichen schulischen Bildung haben Kinder später die Chance auf einen guten Job, so die weit verbreitete Meinung.

Großeltern können sich nur selten um Enkel kümmern

Wie bereits erwähnt, bekommen die Deutschen ihre Kinder immer später. Mit dem Alter der Eltern steigt auch das Alter der Großeltern, die oft als Betreuungspersonen der Kinder dienen. Zwar werden die Deutschen immer älter. 2013 lag das durchschnittliche Sterbealter bei Männern bei 74,5 Jahren und bei Frauen bei 81,4 Jahren, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat.

Trotzdem sinken die Chancen, dass die Großeltern zum Zeitpunkt der Geburt ihrer Enkel noch fit genug sind, um die Kinder zu betreuen, während die Eltern arbeiten. Mit steigendem Alter könnte es für Oma und Opa schwer sein, den flinken Kindern hinterherzurennen.

Gestiegene Zahl an Pflegefällen verdrängt die Kinderfrage

Je älter die Deutschen werden, desto eher steigt das Risiko, dass sie zu einem Pflegefall werden. Bereits 2013 gab es 2,6 Millionen Pflegebedürftige, von denen mehr als zwei Drittel zu Hause versorgt werden, wie das Statistische Bundesamt mitteilt.

Wer seine Eltern oder gar Großeltern pflegt, hat kaum Zeit, zusätzlich Kinder zu versorgen. Die Kinderfrage könnte somit in eine spätere Lebenshälfte verlegt oder ganz gestrichen werden.

Das deutsche Familiensystem ist auf ein verheiratetes Paar ausgelegt

Wer in Deutschland Kinder will, sollte in der Regel verheiratet sein. Ein gesellschaftlicher Makel ist es schon längst nicht mehr, in wilder Ehe zu Eltern zu werden. Vielmehr ist das deutsche System darauf ausgelegt, dass Mann und Frau heiraten, bevor sie eine Familie gründen. So wird eine künstliche Befruchtung nur von der Krankenversicherung bezuschusst, wenn das Paar verheiratet ist.

Auch adoptierte Kinder werden meist nur an verheiratete Ehepaare vermittelt. Ist das Paar nicht verheiratet und bekommt ein Kind, muss der Vater die Elternschaft beim Jugendamt oder Notar erst anerkennen lassen, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

Die Welt ist schlecht

Viele Eltern schrecken davor ab, ein Kind in die heutige Welt zu setzen. Denn Nachrichten von Terroranschlägen, Finanzkrisen und Verrohung der Jugend dominieren das Tagesgeschehen. Es herrscht der Eindruck, alles würde schlechter werden - auch die Voraussetzungen dafür, eine Familie zu gründen.

Es würden jedoch schlicht positive Familienbilder in Deutschland fehlen, wie Norbert F. Schneider, Direktor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung gegenüber der "Zeit" erklärt. Denn nur selten wird über glückliche Familien berichtet. Es sind die Geschichten über gewalttätige und verwahrloste Kinder und Jugendliche, die Klickzahlen bringen und Auflage machen.

Deutschland ist kinderfeindlich

Die größte Herausforderung, vor der Menschen stehen, die Kinder bekommen möchten, ist jedoch sicher die Kinderunfreundlichkeit in Deutschland. Der Satz von Bundeskanzler Konrad Adenauer aus den 1950er Jahren "Kinder kriegen die Leute immer" ist längst überholt.

Historisch durch die negativen Erfahrungen der NS-Zeit bedingt, strebte die deutsche Politik lange Zeit keine offensichtliche Geburtenförderung an. Die Familienpolitik im Nationalsozialismus war geprägt von einer rassistischen Bevölkerungspolitik. Die Eheschließung zwischen sogenannten arischen und nichtarischen Partnern war verboten. Durch Zwangssterilisationen wurden bestimmte Bevölkerungsgruppen ganz daran gehindert Kinder zu bekommen. Die Geburt mehrerer Kinder von deutschen Ehepaaren wurde hingegen finanziell gefördert. Mütter von vier oder mehr Kindern wurden mit dem Mutterverdienstkreuz ausgezeichnet.

Die damaligen Gräueltaten wirken bis heute nach. Politiker sind jahrelang davor zurückgeschreckt, offensichtliche Maßnahmen zur Geburtensteigerung zu ergreifen. Eine Entscheidung, die sich nun zu rächen scheint. In Frankreich, wo Geburten ganz offiziell gefördert werden, kommen schon seit Jahrzehnten deutlich mehr Kinder auf die Welt als in Deutschland.


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