WIRTSCHAFT
05/08/2015 15:44 CEST | Aktualisiert 06/08/2015 05:50 CEST

Illoyal, verwöhnt, visionsfrei: Warum die Arbeitswelt vor der Generation Z zittert

gpointstudio via Getty Images
Illoyal, verwöhnt, visionsfrei: Wie die Generation Z die Arbeitswelt verändern wird

Mensch. Auch das noch. Da hat man gerade in Ansätzen diese verweichlichte, verwöhnte Heulsusen-Generation-Y verstanden, da kommen doch schon ganz dreist die nächsten jungen Leute um die Ecke und drängen in die Büros.

Und sie ticken schon wieder ganz anders, sagen Experten. Na toll. Yolo (You only live once) ist ihre Weltsicht. Und mit “ihre” meine ich die nach 1995 Geborenen.

Die Generation Z wird diese Gruppe genannt, weil es noch keinen besseren Namen gibt und Z nach X und Y kommt. Wahrscheinlich heißt sie bald Generation Zero, weil sie nichts bewegen will und Stillstand und Stabilität liebt? Abwarten.

So viel ist klar: Während die Generation Y Dinge wie starre Arbeitszeiten, Anwesenheitskultur und fehlende Feedback-Kultur kritisch hinterfragt, wird die Generation Z ersten Erkenntnissen zufolge noch viel mehr die Freizeit genießen wollen und damit zum Albtraum aller Unternehmen, die sich im internationalen Wettbewerb behaupten müssen.

Die wichtigsten Fakten über diese neue Generation Z im Überblick (und ja, ein Generationenbegriff bedeutet nicht, dass alle gleich ticken!).

1. Die Generation Y ist illoyal

“Die Generation Z ist ein verlässlicher Arbeitnehmer, aber eben nur, wenn es in ihre Struktur passt. Wenn es brennt, zieht sie einfach weiter”, sagte Christian Scholz im Interview mit “Wiwo Green”.

Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes, und er hat als einer der ersten das Thema in Deutschland für sich erkannt. Für sein Buch über die Generation Z hat er sich internationale Studien angesehen - und auf eigene Erfahrungen gestützt: auf Situationen mit seinen eigenen Studenten.

“Loyalität dem Unternehmen gegenüber”, sagt Scholz, “ist der Generation Z ein Fremdwort. Wenn etwas von ihnen verlangt wird, was vielleicht so nicht angesprochen war, verdächtigt sie den Chef gleich, er wolle sie verheizen." Sie hätten weniger Loyalität zu ihrem Arbeitgeber als zu ihrer Turnschuhmarke, sagt der Professor.

Auf der einen Seite ist das charmant. Sie lassen sich nicht alles bieten. Und wie sagte Steve Jobs in seiner berühmten Stanford-Rede so schön: Man soll stets reflektiert bleiben, hinterfragen, ob man mit dem glücklich ist, was man Tag für Tag macht. Und wenn man nicht glücklich ist, soll man sich bloß nicht settlen, nicht niederlassen, nicht einreden, passt schon irgendwie, sondern weiterziehen.

Personalexperten berichten, dass so manch älterer Kollege in Unternehmen denkt: Ach, ja, heute noch mal jung sein, hätten wir uns das doch früher auch mal getraut, auf die Kacke zu hauen, dem Chef das Passende gesagt. Wie gesagt: Das Hadern ist gar nicht dramatisch, vielleicht sogar sehr gut.

Allein nur: Es wird befürchtet, die Generation Z könnte die Gen-Y-Denke völlig übertreiben. Und beim ersten Wehwehen direkt davon rennen, Kritik nur in homoöpathischen Dosen vertragen, am besten in Watte gepackt, häppchenweise.

Kein Wunder, wenn sie von ihren Eltern niemals richtig kritisiert wurden und die Lehrer - aus Angst vor dem Hass der Helikopter-Eltern - nur gute Noten verteilen, könnte man meinen.

Die Generation Z ist durch die Schule erfolgsverwöhnt, bildet sich was darauf ein, auf die tollen Noten. Wobei, ganz ehrlich, eine 1 vorm Komma im Zentralabitur ist doch heute auch keine sensationelle Leistung mehr.

Beispiel: In einer Geschichtsklausur hat man ja schon die Punktzahl für eine 3 minus sicher, wenn man einfach ein paar Sätze geradeaus schreiben kann, ohne auch nur einen geschichtlichen Zusammenhang zu kennen oder verstanden zu haben (ich weiß, worüber ich schreibe, ich habe selbst ein Zentralabitur gemacht). In so einer Wohlfühl-Noten-Gesellschaft kann für die Gen Z ein erster Misserfolg im Job schnell zur Bruchlandung werden, von der sie sich nicht so leicht erholen können.

2. Home-Office - igitt

“Hat 'WorkLife-Blending' für die Generation Y noch bestens funktioniert, versagt es bei der Generation Z”, bilanziert Experte Scholz. “Ganz wichtig ist nun ein klarer Dienstschluss, denn spätestens um 17 Uhr soll die Freizeit beginnen.”

3. Festgehalt, bitte - Boni ist doch nur was für die Wall Street

“Die Generation Z will auch nicht dauernd von ihrer Führungskraft mit Hinblick auf eine variable Entlohnung 'vermessen' werden. Die Generation Z will schlicht ein Festgehalt mit Wachstumsgarantie. “

4. Die Generation mit dem “Acht-Sekunden-Aufmerksamkeitsfilter”

Ich fühle mich mit meinen 26 Jahren selten richtig alt. Bloß als ich die Geschichte über einen Lehrer an einem Gymnasium in Hessen gelesen habe, war das anders. Er bat seine Schüler, während eines Theaterbesuchs ihre Handys auszuschalten. Raten Sie mal, wie viele Nachrichten in Abwesenheit manche Schüler hatten? 200. Ich konnte die Zahl erst nicht glauben.

Die Generation Z hat also schon allein deshalb weniger Zeit und damit weniger Aufmerksamkeit. “Screen Addicts” seien die Vertreter dieser Generation.

Die amerikanische Seite “Fast Coexist” schreibt angesichts der Informationsflut der Gen Z schon über den “Acht-Sekunden-Filter” - so gering sei die Aufmerksamkeitsspanne. Snapchat ist diesbezüglich keine merkwürdige App, sondern eine konsequente Antwort auf die flüchtigen Nutzungsgewohnheiten.

Die einen argumentieren, dass die Z’ler als Folge dieses Sekunden-Filters Probleme hätten, sich zu konzentrieren. Andere behaupten, dass sie das schon gut können. Wenn sie denn wollen. Dann stürzen sie sich richtig rein. Die Wissenschaft ist da erst am Anfang.

5. Der öffentliche Dienst wird noch beliebter werden

Der öffentliche Dienst ist sehr gefragt: Er bietet Strukturen und Regelbeförderungen, es ist vorgeplant, wie die eigene Laufbahnentwicklung für die nächsten 30 Jahre aussieht und wie hoch das Gehalt ist", sagt Professor Scholz. "Ähnliche Gründe sprechen für die vielzitierten 'großen und bekannten' Unternehmen. Deutlich weniger attraktiv wirken kleinere und mittlere Betriebe.”

Junge Jura-Studentinnen wollen eigentlich nur noch in den Staatsdienst, hat mir neulich ein Bekannter erzählt. Passt gut ins Bild, oder? Eine Studie mit Jura-Absolventinnen deutet dies bereits an.

6. Sie mögen den Helmut-Schmidt-Satz “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen”

“Meine Erklärung dafür ist, dass die jungen Menschen einfach extrem realistisch sind: Das hindert sie daran, Visionen zu entwickeln. Dieses Verhalten ist bestimmt nachvollziehbar, aber schade ist es irgendwie schon”, sagt BWL-Professor Scholz.


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