POLITIK
05/08/2015 12:48 CEST | Aktualisiert 05/08/2015 13:21 CEST

7 Gründe, warum die besten Zeiten von Berlin, Hamburg und München vorbei sind

Der Run auf die großen deutschen Städte ist ungebrochen: Berlin, Hamburg und München sind besonders bei jungen Menschen sehr beliebt.

Aber es gibt erste Anzeichen, dass der Hype bald vorbei sein könnte.

Die Huffington Post nennt Ihnen sieben Gründe dafür, warum die besten Zeit von Berlin, Hamburg und München vorbei ist.

1. Die Mietpreise in deutschen Millionenstädten sind jetzt schon eine Frechheit

Und sie werden bald schon so hoch sein, dass nur noch Wohlhabendere eine eigene Wohnung finden werden.

Das gilt besonders für München. Die durchschnittliche Nettokaltmiete in der bayerischen Landeshauptstadt beträgt derzeit 10,73 Euro pro Quadratmeter. Anders gesagt: Eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit 50 Quadratmetern ist auch in den äußeren Stadtvierteln kaum unter 750 Euro Warmmiete zu haben. Im Stadtzentrum kann es passieren, dass man das Doppelte bezahlt.

Kaum besser sieht es in Hamburg aus, wo die nördlich der Elbe gelegenen Kerngebiete der Hansestadt schon seit über einem Jahrzehnt immer teurer werden.

Selbst in Berlin ziehen die Mieten seit Jahren kontinuierlich an. Grund dafür ist das Bevölkerungswachstum. Seit 2003 hat Berlin in jedem Jahr Einwohner hinzugewonnen. Besonders drastisch die Entwicklung seit 2011: In nur drei Jahren ist Berlin um 120.000 Einwohner gewachsen.

Und wer zieht nach Berlin? Neben den Studenten sind es vor allem jene, die hier eine gut bezahlte Festanstellung gefunden haben. Allein im vergangenen Jahr sind 40.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden. Der Neu-Berliner von heute ist reicher als diejenigen, die es noch vor zehn Jahren in die Stadt gezogen hat.

Die Mietpreise spiegeln diese Entwicklung wieder. Und verstärken sie noch. Denn die Lebenskünstler, die Kreuzberg einst so groß gemacht haben, können sich heute ihren Kiez nicht mehr leisten.

berlin

Berlin

2. An den sozialen Wohnungsbau hat kaum jemand gedacht

Überall in Deutschlands Metropolen haben es die Kommunalverwaltungen versäumt, dem Mietpreis-Wahnsinn entgegenzusteuern.

Am offensichtlichsten in München, wo das Problem seit Jahrzehnten bekannt ist – und doch nicht dagegen angebaut wurde. Genossenschaftswohnungen nach Wiener Modell oder sozialer Wohnungsbau wie in der alten Bundesrepublik? War mit der SPD-geführten Stadtverwaltung nicht zu machen.

Unfassbar auch, was noch vor elf Jahren unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit passiert ist: Der Berliner Senat verkaufte damals die städtische Wohnungsbaugesellschaft GSW mit 66.000 Wohnungen für gerade einmal 400 Millionen Euro an ein amerikanisches Investorenkonsortium (u.a. Goldman Sachs). Im Schnitt also für etwas mehr als 6.000 Euro pro Wohnung.

Als die GSW später an die Börse gebracht wurde, machten die Investoren Kasse. Und manch ein Mieter würde sich heute wünschen, dass der Senat noch eine Hand auf den 66.000 Wohnungen von einst hätte – um eine soziale Mietpreispolitik durchsetzen zu können.

Solche Versäumnisse lassen sich heute kaum noch gut machen.

3. Die Industrie erlebt eine Revolution: Wir müssen nicht mehr in Städten leben, um zu arbeiten

Die Folgen der so genannten „vierten industriellen Revolution“ sind derzeit nur erahnbar. Doch sie wird die Art und Weise, wie wir arbeiten, nachhaltig verändern.

In der ersten industriellen Revolution drehte sich alles um die Kraft der Dampfmaschine und deren Nutzen für die Produktion. Die zweite industrielle Revolution stand im Zeichen der Automatisierung. Bei der dritten ging es um Digitalisierung.

Die vierte industrielle Revolution bringt uns Vernetzung. Nicht nur, dass heute jeder Mensch durch seinen eigenen Computer Produktionsmittel in der Hand hält, die früher oft viele Hunderttausend Euro gekostet hätten. Es ist auch möglich ganze Arbeitsschritte von den Bürogebäuden in den großen Städten an jeden beliebigen Ort auszugliedern, der über schnelles Internet verfügt.

Künftig wird es möglich sein, die Vorzüge des Landlebens mit einem Job in der Stadt zu verbinden. Oder, was derzeit schon passiert: Menschen ziehen von den immer teurer werdenden Städten in billigere Orte. Davon hat beispielsweise Leipzig schon im großen Maße profitiert.

münchen

München

4. Die Städte platzen bald aus allen Nähten

In den demografischen Notstandsgebieten Deutschlands schrumpfen die Städte so stark, dass die Infrastruktur rückgebaut werden muss. So etwa im sächsischen Hoyerswerda, wo in die alten Kanalrohre neue, kleinere Rohre gezogen werden. Damit das Abwasser weiterhin durchfließt und nicht steht.

In rasant wachsenden Städten wie München gibt es das gegenteilige Problem: Die Infrastruktur, größtenteils noch in der alten Bundesrepublik gebaut, war für viel weniger Einwohner ausgelegt.

Als etwa in München vor den Olympischen Spielen 1972 das U- und S-Bahnsystem geplant wurde, hatte die Stadt noch 1,1 Millionen Einwohner. Heute sind es 1,5 Millionen. Und das spürt jeder, der sich morgens in die U3 drängelt. Oder sich auf den Fahrradwegen zur Arbeit quetscht. Noch so ein stadtplanerisches Versäumnis.

Auch auf Berlin werden solche Probleme in absehbarer Zeit zukommen. Im Jahr 2030 sollen knapp vier Millionen Menschen in der Hauptstadt leben. Vor 30 Jahren waren es noch 3,04 Millionen.

5. Besonders westdeutsche Metropolen sind nicht familienfreundlich

Das weiß jeder, der mal in München auf der Suche nach einem Kita-Platz war. Hier vereinen sich gleich mehrere Probleme zu einem großen Komplex: Fehlende Bauplätze, teure Grundstückspreise, starkes Bevölkerungswachstum und die familienpolitischen Versäumnisse der Vergangenheit.

6. Die Kreativen wandern ab

Ein Muster bei so genannten „Gentrifizierungsprozessen“ immer wieder zu beobachten: Erst kommen die Künstler. Dann die Investoren. Und schließlich machen es sich wohlhabende Bürger in den einst wilden Ecken einer Stadt bequem.

Um zu verstehen, was das für die Gegenwart heißt, muss man kurz in die Vergangenheit blicken. In den 70er- und 80er-Jahren verloren fast alle größeren deutschen Städte Einwohner an die Siedlungen in der Peripherie. Viele junge Familien zogen ins Umland, weil die Kombination aus grüner Umgebung und Nähe zum Arbeitsplatz den größtmöglichen Wohnkomfort versprach.

Dadurch entstanden in den Stadtzentren vernachlässigte Viertel, in denen die Mieten relativ niedrig waren. Kaum zu glauben, dass selbst einem heute völlig verbürgerlichten Stadtteil wie Hamburg-Altona mal der Ruch des Gefährlichen anhaftete. Es war die Zeit, in der sich die Kreativen dort ansiedelten.

Wie in den 60er-Jahren in Schwabing. Oder in den 90er-Jahren in Prenzlauer Berg.

Mittlerweile jedoch gibt es weder in Berlin noch in Hamburg oder München mehr diese brachliegenden Stadtviertel. Menschen mit niedrigem Einkommen haben es immer schwerer, in Berlin, Hamburg und München Fuß zu fassen. Das sichtbarste Zeichen ist die Abwanderung der Kreativen.

Von der lebendigen Hamburger Musikszene der 90er-Jahre ist nicht mehr viel übrig geblieben. In München wird schon seit den 80er-Jahren eher Kunst ausgestellt als geschaffen. Und Berlin droht bald das gleiche Schicksal.

hamburg

Hamburg

7. Gleichzeitig wird die deutsche Provinz wieder attraktiver werden

Kaum irgendwo auf der Welt ist der ländliche Raum derart gut erschlossen wie in Deutschland. Das liegt auch daran, dass das Grundgesetz „gleiche Lebensbedingungen“ in ganz Deutschland vorschreibt.

Dieser Umstand ist im Hype um die großen Städte ein wenig in Vergessenheit geraten. Gerade die kleinen und mittleren Großstädte bieten derzeit nicht nur billige Mieten, sondern auch ein attraktives Arbeitsumfeld. Die Arbeitslosenquote ist mittlerweile in weiten Teilen Deutschlands unter zehn Prozent gesunken.

Besonders in der Mitte Deutschlands kommt noch eine extrem günstige Verkehrslage hinzu – etwas, das weder Berlin noch Hamburg oder München mit ihrer Randlage zu bieten haben.

Diese Aspekte werden in Zukunft wieder eine größere Rolle spielen. Vielleicht noch nicht 2016. Aber sicher in fünf oder zehn Jahren.

Und vielleicht fangen die Verantwortlichen in Berlin, Hamburg und München dann an zu begreifen, was für eine Chance sie verpasst haben.


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