POLITIK
04/08/2015 11:59 CEST | Aktualisiert 05/08/2015 14:27 CEST

Das miese Geschäft mit Visa-Terminen in der deutschen Botschaft in Beirut (HUFFPOST-EXKLUSIV)

Amira Schamis* Weg in die Freiheit beginnt hinter Gittern. Die 28-jährige Syrerin steht an einem Freitagmorgen, eingepfercht von einer Menschenmenge, vor der deutschen Botschaft in Beirut. Dicke Metallstreben verkleiden den taubengrauen Zweckbau, Zäune leiten die Wartenden zu verschiedenen Eingängen. Auf einem Arm hält Amira ihre sieben Monate alte Tochter, auf dem anderen einen dicken Packen Ausweise und Dokumente.

Die Syrerin ist am Vortag aus ihrem Heimatland geflohen. Im Morgengrauen brachte sie ein Auto über die Grenze, erzählt sie. Nun steht sie in der Schlange für Visa-Anträge und hofft. „Nur mit gültigem Termin“, steht auf Arabisch über dem Eingang. Amira hat einen gültigen Termin - allerdings hat sie der Termin bei einer illegalen Agentur umgerechnet 340 Euro gekostet. Viel Geld im bürgerkriegsgeplagten Syrien.

Ein Visatermin kostet bis zu 900 Euro

Damit ist Schamis kein Einzelfall: Fast jeder Flüchtling, der geflohenen Familienmitgliedern nach Deutschland folgen will, erzählt von der Unmöglichkeit, legal bei den deutschen Diplomaten in der Türkei und im Libanon vorsprechen zu können. Die Botschaften und Konsulate in diesen Ländern betreuen seit dem syrischen Bürgerkrieg die Flüchtlinge. Zwischen 100 und 400 Euro koste eine Terminbuchung, ein Flüchtling sprach gar von 900 Euro.

Der Skandal: Die Kontakte der Agenturen - so berichten die Betroffenen - würden bis in die Botschaften reichen.

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Eine Frau wartet vor der Botschaft in Beirut

Die Botschaften selbst sehen sich seit Monaten einem beispiellosen Ansturm von Flüchtlingen ausgesetzt. Mit der Bearbeitung von Visa-Anträgen kommen die Beamten kaum hinterher. Bereits Anfang Juni hatten Recherchen der Huffington Post aufgedeckt, wie so ein reger Schwarzmarkt für die Visa-Termine entstehen konnte.

Kurzfristige Audienzen bei den Diplomaten gegen Geld - es ist der erste Schritt für die ersehnte Reise nach Deutschland.

Das Auswärtige Amt weiß seit Jahren über diesen Schwarzmarkt Bescheid, streitet jedoch ab, in die dubiosen Geschäfte verwickelt zu sein oder sie zu dulden. Recherchen der Huffington Post in Beirut legen nun aber nahe: Vor Ort hat der Terminbetrug System.

Software belegt automatisch freie Termine

Im Libanon konnten sich Syrer bis vor Kurzem ausschließlich über ein Online-System für Termine bewerben. Erst seit Mai können sich Flüchtlinge, sofern sie bereits alle Dokumente mitschicken, auch per E-Mail anmelden.

Doch das Online-System hilft den Flüchtlingen nicht weiter. Über Monate sind dort keine freien Termine verfügbar, bei Stichproben ist bis ins Jahr 2022 kein freier Termin zu finden. In Deutschland anerkannte Syrer, die ihre Familien von in Deutschland anerkannten Syrern nachholen wollen, müssen Termine jedoch innerhalb von drei Monaten buchen. Hier kommen die illegalen Terminhändler ins Spiel.

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Nach Recherchen der Huffington Post hacken sich die Anbieter vor allem kurz nach Mitternacht in das elektronische System ein, um freie Termine mit einer Software automatisch zu belegen. Die Termine verkaufen sie dann an ihre Kunden. Andere Händler behaupten gar, direkt mit Botschaftsmitarbeitern zu kommunizieren, um Termine zu sichern.

Ein Anruf in der Botschaft genügt

„Wir haben da so eine Art ‚gentle agreement‘ mit der Botschaft“, erzählt der Besitzer eines Beiruter Kopiercenters in unbeholfenem Englisch, er meint eine stille Übereinkunft. "Mitarbeiter der Botschaft kommen vorbei und halten mich über Änderungen der Antragsregeln auf dem Laufenden" - er dürfe dafür die Anmeldung übernehmen. Sein Geschäft befindet sich knapp hundert Meter von der deutschen Botschaft entfernt an einer Straßenkreuzung. Hier bietet er Hilfe bei Visa-Formularen und Passfotos an. Und Hilfe bei Terminbuchungen.

„Die beste Zeit, Einträge im Internet abzufangen, ist kurz nach Mitternacht“, sagt der Ladenbesitzer. Immer dann würde eine Software neue Termine freischalten. Allerdings gibt er zu, dass es in den letzten Monaten schwieriger geworden sei, einen Termin abzufangen. Allerdings nicht, weil er nicht mehr an die Online-Termine rankomme, sondern nur, weil immer mehr Syrer fliehen wollen - und die Konkurrenz daher größer geworden sei. Für welche Summe er die gekaperten Termine dann weiterverkaufe, will er nicht sagen.

Andere Terminhändler sind da ungezwungener. Im modernen Stadtkern von Beirut, zwischen Boutiquen und Cafés, versichert die Mitarbeiterin eines Reisebüros, dass sie für 200 US-Dollar einen Termin binnen drei Monaten beschaffen könne. Wie sie das anstelle? „Na, ich rufe einfach in der Botschaft an.“

Ein Taxifahrer, der regelmäßig Syrer zur außerhalb gelegenen deutschen Botschaft kutschiert, berichtet, dass die heimlichen Dienstleistungen der Reisebüros in Beirut ein offenes Geheimnis seien. „Wir sind hier im Libanon. Wenn man irgendwo jemanden mit Geld schmieren kann, dann geschieht das auch. Selbst in der Botschaft.“

Agenturen werben auf Facebook

Beim Auswärtigen Amt weiß man um die Anfälligkeit des Terminvergabesystems. Offiziell heißt es zwar: „Die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen werden kontinuierlich überwacht und verbessert.“ Intern seien jedoch bereits Fälle aufgedeckt worden, in denen mit einer einzigen Mail-Adresse Dutzende Visa-Termine reserviert wurden, wie die Huffington Post erfahren hat.

Zu einer dieser Mail-Adressen - es ist die gleiche, die auch Amira ihren Termin in Beirut bestätigt hat - haben wir über Wochen Kontakt aufgebaut und uns als Hilfesuchende syrische Flüchtlinge ausgegeben. Der Umgang offenbart, mit wie viel Vorsicht die Terminhändler vorgehen:

Am 9. Juli schreiben wir dem Kontakt erstmals, dass wir dringend einen Termin benötigen. Unmittelbar kommen mehrere Fragen mit Details zu unserer Person, unterzeichnet von einer Amani al-Masri. Zugleich versichert sie: „Einen Termin können wir reservieren.“ Knapp eine Woche müssen wir in mehreren E-Mails Fragen beantworten und Kopien unserer Pässe und der Aufenthaltsgenehmigungen von nach Deutschland geflohenen Verwandten vorlegen. Dann erhalten wir eine syrische Handynummer, die wir via Viber kontaktieren sollten.

Viber ist ein Kurznachrichtendienst, er funktioniert ähnlich wie WhatsApp. Der Kontakt dient nur dazu, unsere Authentizität zu überprüfen. Ein Mann mit dunkler Stimme ruft an und lässt sich unseren Fall erneut schildern. Dann gibt er uns eine Festnetznummer in Damaskus. Wir würden dort entweder mit einer Amal oder mit jener Amani al-Masri sprechen, sagt er. Beides sind arabische Frauennamen - „Amal“ bedeutet Hoffnung, „Amani“ bedeutet Sehnsucht.

Die Nummer gehört zu der Reiseagentur „Al-Sanabel“, die auf Facebook unter anderem damit wirbt, Green-Cards für die USA zu ermöglichen. Zu einem Bild der Alpen heißt es: „Die Mitarbeiter in unserem Büro können Ihnen Termine für die deutsche Botschaft in Beirut sichern und helfen mit den nötigen Papieren.“

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Die deutsche Botschaft in Beirut

Als wir das Büro anrufen, meldet sich jene Amani. Auch sie erzählt, dass die Nachfrage derzeit sehr hoch sei. „Termine gibt es frühestens für November oder Dezember“, sagt sie. Als wir nach schnelleren Optionen fragen, heißt es plötzlich, sie könne „versuchen, was für September zu beschaffen“. Als Honorar will sie 35.000 syrische Pfund, rund 145 Euro. Als wir fragen, ob sie die Termine mithilfe eines Botschaftsmitarbeiters organisiert, schweigt sie kurz. Dann: „Ich kann den Rest mit deiner Familie in Damaskus besprechen. Gib ihnen diese Nummer.“ Mehr will sie am Telefon nicht sagen.

Ansturm auf die Botschaft wird größer

Viele Terminbeschaffer sind verschwiegen, bewerben ihre Dienste im Internet aber selbstbewusst. In ihren Profilen wehen Deutschlandfahnen, syrische Mobilfunknummern stehen daneben. Hinter den Nummern verbergen sich Kontaktmänner in Syrien, dem Libanon, aber auch der Türkei und sogar Deutschland. Das Netzwerk entspinnt sich entlang der Knotenpunkte der Fluchtrouten. Es ist wahrscheinlich, dass sie sich das anfällige Online-Buchungssystem der Beiruter Botschaft zunutze machen.

Zuletzt verbesserten Techniker der Beiruter Botschaft im Januar 2014 das System. Eine Sicherheitsabfrage im Portal soll unterscheiden, ob ein Mensch oder ein Programm auf das System zugreift, um ein mögliches Hacken des Systems zu verhindern. Wirklich genützt hat die Maßnahme jedoch nicht, der Schwarzmarkt blüht weiter.

Dass die Lage vor Ort so schwierig ist, entschuldigt das Auswärtige Amt mit der großen Anzahl an Flüchtlingen. Im Vergleich zu 2012 habe sich die Zahl der Anträge auf Familiennachzug allein in der Türkei fast verdoppelt, im Libanon gar verfünffacht. Doch auch die Aufstockung des Botschaftspersonals, Schichtbetrieb und Wochenenddienste helfen den Botschaften nicht, dem Ansturm Herr zu werden.

Am Tag ihres Termins wurde Amira mit eineinhalb Stunden Verspätung durch die Sicherheitsschleuse gewunken, vorbei an anderen, die bereits seit drei Stunden warteten. „Kein Problem,“ versichert eine Mitreisende, sie habe Verständnis, dass eine Frau mit Kleinkind bevorzugt werde. „Aber wieso verteilt man Termine, wenn man dennoch stundenlang warten muss“, fragt sie. „Das ist respektlos.“

Visatermin garantiert noch keine Reise nach Deutschland

Der Visa-Antrag selbst dauerte zwei Stunden. Amiras Mann war bereits im vergangenen Herbst nach Deutschland geflohen. Sie hatten Geld gespart, um ihm eine der gefährlichen Überfahrten über das Mittelmeer zu kaufen. Die damals schwangere Amira wollte die Flucht nicht wagen. Als ihr Mann in Deutschland anerkannt wurde, versuchten beide über Wochen, einen legalen Termin in der Beiruter Botschaft zu erhalten. Schließlich kaufte sie für 200 Euro Anzahlung plus weitere 140 Euro für die Buchungsbestätigung den ersehnten Termin beim „Sanabel“-Reisebüro in Damaskus.

Aufatmen kann die Familie jedoch noch nicht: Ihr Visum sei jetzt beantragt und die Botschaft werde sie anrufen, sobald es bewilligt ist, sagte Amira nach ihrem Besuch in der Botschaft. Das war vor mehr als drei Wochen. Die Sicherheitsüberprüfung - die vor der Visa-Vergabe nötig wird - dauere in der Regel sieben bis zehn Werktage, teilt die Botschaft Amira mit.

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In Gera sieht sich der Mann von Amira Schamis Kinderfotos auf seinem Handy an

Der Prozess kann jedoch beschleunigt werden, wenn die in Deutschland zuständige Ausländerbehörde, in Amiras Fall die Behörde im thüringischen Gera, eine Vorabzustimmung zur Botschaft schickt. Das Auswärtige Amt hat diese Regel zur Entlastung der Botschaften eingeführt. Aus der Pressestelle der Stadt Gera heißt es, im Falle von Amira habe man bereits zwei Tage vor ihrem Termin eine Vorabzustimmung nach Beirut geschickt. Wie die Huffington Post aus sicherer Quelle erfuhr, versickerte die E-Mail dort jedoch im Postfach eines Mitarbeiters auf Urlaub.

In einem internen Mail-Wechsel, der der Huffington Post vorliegt, bedauert das Auswärtige Amt gegenüber der Flüchtlingsfamilie den Verzug. Es könne nicht nachvollzogen werden, „warum die Vorabzustimmung […] nicht einsortiert worden ist“. Doch man könne versichern, „dass keine Unachtsamkeit oder gar böse Absicht damit verbunden war. Es ist keinesfalls die Regel, dass Unterlagen in Beirut verlorengehen, bei der Vielzahl der Maileingänge sowie des permanent hohen Antragsaufkommens können Fehler jedoch nicht immer vermieden werden.“

Für Amira war der Fehler dennoch fatal: Die Mutter hatte nach ihrem ersten Botschaftstermin eine Aufenthaltserlaubnis für sechs Tage im Libanon erhalten. Seit Anfang 2015 erhebt der Libanon eine Visumpflicht für Syrer, um den Flüchtlingsströmen Herr zu werden. Auf vier Millionen Einwohner kommen mittlerweile mehr als eine Millionen syrische Flüchtlinge. Ins Land kommt daher nur noch, wer einen Botschaftstermin nachweisen kann. Nach sechs Tagen ist Schluss.

Lange wartete die Syrerin entweder auf den erlösenden Anruf aus der deutschen Botschaft - oder auf ihre Abschiebung zurück in den Bürgerkrieg. Der Anruf kam schließlich am Montag, 24 Tage nach Antragstellung. Und drei Tage nachdem Amira nach Syrien zurückgekehrt war: Die libanesische Polizei habe sie aufgegriffen und mit ihrem Baby zurück über die Grenze geschickt. In der Nacht zum Dienstag gelang ihr die erneute Flucht. Zurück zur Botschaft.

* Namen aller Flüchtlinge geändert


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