POLITIK
03/08/2015 11:13 CEST | Aktualisiert 03/08/2015 15:39 CEST

Goslars Bürgermeister Oliver Junk: Deshalb möchte ich noch viel MEHR Flüchtlinge in meiner Stadt

Es ist schon bemerkenswert: Während in der ganzen Bundesrepublik Kommunen angesichts der Flüchtlingswelle ächzen, sagen sie im niedersächsischen Goslar: Kommt doch zu uns!

Oberbürgermeister Oliver Junk (CDU) hätte gern noch viel mehr Flüchtlinge, als Goslar aufnehmen muss. Junks Stadt kämpft mit den Folgen des demografischen Wandels, die Menschen werden immer älter, aber es gibt kaum Nachwuchs. Junge, gut ausgebildete Flüchtlinge, so glaubt Junk, könnten dieses Problem lösen.

Ganz so einfach ist die Sache aber nicht: Im für die Integration zuständigen Goslarer Landratsamt heißt es zwar, dass die Idee vom Wachstum durch Zuwanderung ja "vom Grundsatz nicht falsch" sei. Zuerst müssten Bund, Länder und Kommunen aber mal für die nötigen Voraussetzungen sorgen. Die Behörde stoße jedenfalls schon angesichts der aktuellen Flüchtlingszahlen "an ihre Grenzen".

Da stoßen also Interessen aufeinander. Junk aber bleibt bei seiner Überzeugung, dass mehr Flüchtlinge Goslar guttun. Die HuffPost hat mit ihm gesprochen:

Huffington Post: Herr Junk, Goslar will mehr Flüchtlinge, als es aufnehmen muss – die Stadt wirbt sogar um sie. Viele Deutsche würden sagen, Sie sind verrückt. Sind Sie?

Oliver Junk: Verrückt ist in meinen Augen die derzeitige Debatte. Schauen Sie, in der Harzregion stellen wir uns seit vielen Jahren einem starken demografischen Wandel, Menschen verlassen diese Region. Gleichzeitig haben die größeren Städte unserer Umgebung schlicht keine Möglichkeit mehr, Menschen unterzubringen. Hier braucht es pragmatische und schnelle Lösungen, um den Menschen in Not gerecht zu werden, und um diesem reichen Land keine Schande zu machen.

junk

Sind Sie nicht in der falschen Partei? Jede andere ist offener gegenüber Flüchtlingen als die CDU.

Junk: Nach meinem Vorstoß gab es ganz unterschiedliche Reaktionen, auch kritische. Darüber habe ich mich gelegentlich geärgert, weil dieses Thema nicht für Parteipolitik taugt. Und ich habe mich oft gefreut, insbesondere über die zahlreichen positiven Reaktionen aus der CDU.

Es heißt, Sie seien gut darin, den Bürgern die Aufnahme von Flüchtlingen zu vermitteln.

Junk: Goslar ist seit vielen Jahrhunderten – geprägt durch den Bergbau, die Verhüttungsindustrie und die Textilindustrie – eine Stadt mit Zuwanderung aus ganz Europa. Da fällt es gewiss etwas leichter, die Menschen für auf der Hand liegende Lösungen zu begeistern.

Wie bringen Sie die Flüchtlinge alle unter? Etliche Städte klagen, dass Flüchtlingsheime aus allen Nähten platzen. Das muss doch in Goslar auch so sein.

Junk: Der Landkreis Goslar – als zuständige Behörde - bringt derzeit dezentral in Wohnungen unter. Wir schaffen auch damit einen ersten Teil der Integration, weil Nachbarschaft natürlich immer auch Hilfsbereitschaft ist und man so die ersten und wichtigen sozialen Kontakte knüpfen kann. Klar ist aber auch, wenn die kommunale Ebene dauerhaft mit Flüchtlingen konfrontiert wird, die im Asylverfahren keine Chance haben – insbesondere die Menschen aus der Balkanregion – dann werden diese Strukturen auch bei uns im Harz zerstört und dann werden auch wir nicht daran vorbeikommen, Massenunterkünfte zu organisieren.

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Flüchtlingsgegner sagen oft, wer Flüchtlinge will, soll sie zuhause aufnehmen. Wohnen bei Ihnen zuhause Flüchtlinge?

Junk: Und wer für Atomkraft ist, soll sich einen Meiler in den Garten stellen? Auch wenn ich großen Respekt vor Menschen habe, die sich in dieser Weise engagieren, bleibt es doch aber richtig, dass Politik insgesamt gefordert ist, ein funktionierendes Konzept zu entwerfen und Flüchtlingen eine Perspektive zu geben. Das hilft dann im Zweifel sicher mehr als der plakative Einzug einer Flüchtlingsfamilie im Hause Junk.

Ihre Nachricht an alle, die finden, dass in Deutschland kein Platz mehr für Flüchtlinge ist?

Junk: Denen empfehle ich zwei Dinge. Den Blick in die Geschichte und den Blick auf die demografische Entwicklung in unserem Land.

Deutsche waren nach dem zweiten Weltkrieg ebenfalls auf der Flucht, waren dann fleißig, haben untergehakt und zugepackt und eines der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt geschaffen. Wieso sollten wir uns dieses Potenzial an Zupackern und an Willen nicht für einen Neustart in Deutschland erschließen?

Und dann gibt es den demografischen Blick. Deutschland hat ein Problem mit der Geburtenpyramide. Flüchtlinge sind aus meiner Sicht auch hier ein Teil der Lösung und nicht ein Teil des Problems.

Lesen Sie unter dem Video weiter:

Mit dieser Anzeige will die Bundesregierung Balkan-Flüchtlinge abschrecken

Ist Ihnen wichtig, wo die Flüchtlinge herkommen, Stichwort "Asylmissbrauch"?

Junk: Jeder Mensch der nach Deutschland kommt, hat dafür einen individuellen Grund der nachvollziehbar ist und für sich steht. Ob tatsächlich all die, die derzeit vom Balkan zu uns kommen, Flüchtlinge sind, da habe ich in der Tat meine Zweifel. Wir lassen diesen Menschen aber schlicht keine andere Chance, als nach einem Asylverfahren zu rufen. Wir müssen für diese Menschen einen anderen Weg entwerfen, in unserem Land leben und arbeiten zu können.

Sonst?

Junk: Aktuell werden diese Menschen – von der Politik gezwungen – zu einem Teil des Problems. Sie verstopfen die Asylverfahren und die Unterbringungsmöglichkeiten für die Menschen, die etwa aus Syrien kommend von einem Spurwechsel nichts haben, sondern das klassische Asylrecht brauchen.

Welche Begegnung mit einem Flüchtling in Ihrer Stadt behalten Sie in Erinnerung?

Junk: Die sind zwar vielfältig, aber da wir gerade über den wirtschaftlichen Aspekt sprachen, sind es ganz sicher die syrischen "Jungs" die derzeit unser Ratsgymnasium "aufmischen". Da erlebe ich den absoluten Willen zu lernen, viel Können und die Aussicht, dass nach einem Studium – zum Beispiel in unserer Region an der TU Clausthal – diese Jungs später mit einen Start Up selbst Arbeitgeber werden und diesem Land deutlich mehr zurückgeben werden, als sie vielleicht heute auf der Ausgabenseite an Kosten verursachen.


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