POLITIK
06/07/2015 18:25 CEST | Aktualisiert 07/07/2015 03:59 CEST

Griechenland-Krise: Wenn Europa zerbricht, dann ist DAS der Grund

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Europa bebt. Die Griechen haben sich gegen die Rettungspolitik der Gläubiger gestellt. Doch dabei ging es nur auf den ersten Blick um eine aktuelle politische Frage.

In Wirklichkeit war es ein Votum der griechischen Jugendlichen gegen Europa, besser gesagt: Gegen die europäische Idee, wie die Jüngeren sie gerade erleben.

Denn mit Europa verbinden viele von ihnen nicht mehr Verheißung, sondern Gefahr, nicht mehr Aufbruch, sondern Unsicherheit. In vielen südeuropäischen Ländern gehören die Jüngeren zur ersten Generation seit Jahrzehnten, der es nicht mehr besser geht als ihren Eltern.

Damit wollen sie sich nicht mehr abfinden: Unter den 18-24-jährigen Griechen haben 85 Prozent im Referendum gegen die Reform- und Sparvorschläge der Gläubiger gestimmt. Und für ein wenig Stolz in dieser verfahrenen Lage.

Es ist ein Statement, das in Europa keiner überhören sollte.

Aber nicht nur die jungen Griechen verlieren den Glauben an die europäische Idee. Auch die Schüler und Studenten in anderen Ländern.

Nur noch 28 Prozent der Franzosen zwischen 18 und 24 Jahren glauben, dass Europa einen positiven Einfluss auf ihr Leben haben wird. Und nur 21 Prozent von ihnen wünschen sich MEHR Europa.

Ähnlich besorgniserregend: Die jungen Franzosen sind doppelt so euroskeptisch, wie die über 65-Jährigen.

Ein ähnliches Bild in Italien: Auch die jungen Italiener sehen Europa nicht mehr als Zukunftsprojekt. Laut einer Umfrage des Istituto Toniolo, hat mehr als jeder zweite junge Italiener Europa aufgegeben: 58 Prozent von ihnen sagen, dass die EU ein gescheitertes Experiment sei.

Nur 32 Prozent der jungen Italiener denkt noch positiv über den Euro. Und nur noch 35 Prozent sehen die Rolle Deutschlands in Europa positiv. Zu Frankreich und Spanien fühlen sie sich viel eher hingezogen.

Spanier sehen Europa positiv

All diese Zahlen zeigen: Wenn Europa zerbricht, dann nicht in Brüssel - sondern in den europäischen Studentenwohnheimen. Denn die Jüngeren sind es, die die Politik der nächsten Jahre prägen werden und unterstützen müssen.

Überraschend dabei: Die Identitätskrise der jungen Europäer hat kein Nord-Süd-Gefälle. Das zeigt Spanien, ein Land, das sich bereits ein gutes Stück aus der Euro-Krise herausgearbeitet hat.

Zwar interessieren sich junge Spanier seit Beginn der Euro-Krise immer weniger für die EU-Institutionen an sich. Dennoch bewerten sie die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU noch positiv.

Im europaweiten Vergleich haben die Spanier ähnlich großes Vertrauen in die EU wie die Deutschen - die europaweit an der Spitze liegen.

Mehr als jeder zweite junge Spanier glaubt laut dem Umfrageinstitut Metroscopia sogar, dass die EU-Mitgliedschaft ihrem Land geholfen habe, die Krise schneller zu überwinden.

So ergibt sich eine erstaunliche Achse der Europa-Fans - ausgerechnet zwischen Spanien und dem größten Land der Euro-Zone: “In kaum einem anderen Land sind junge Menschen der europäischen Idee gegenüber so aufgeschlossen wie in Deutschland”, sagt einer der bekanntesten deutschen Jugendforscher, Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance.

Sie vertrauen der EU mehr als die Jüngeren in anderen Ländern “und sehen in der EU weit mehr Chancen als Risiken”, sagt Hurrelmann. “Nirgends in Europa stehen die jungen Menschen dem Euro positiver gegenüber als in Deutschland”. Das belegen auch die Zahlen des Eurobarometers der EU-Kommission.

So kritisch die Jugendlichen aus Italien und Griechenland nach Deutschland blicken: Die Deutschen lassen sich davon wenig beirren: “Sie sehen sich natürlich als Deutsche”, sagt Hurrelmann. “Aber sie sehen sich ähnlich stark auch als Europäer - mehr noch, als ihre Eltern.”

Dieses Spannungsfeld - zwischen den skeptischen Italienern, Franzosen und Griechen - und den euro-phorischen Spaniern und Deutschen ist das eigentliche Problem Europas. Denn den jungen Menschen auf dem Kontinent ist die gemeinsame Vision abhanden gekommen.

Letztlich ist es wie in einer Familie: Wenn die Mitglieder nicht mehr glauben, dass es besser ist, wenn sie sich zum Abendessen zusammensetzen und alles ausdiskutieren, wenn sich jeder in einem Zimmer verschanzt, dann zerbricht sie.

Jetzt könnte man einwenden, dass sich die Stimmung bei den jungen Skeptikern auch wieder drehen kann. Aber: Wer schon mit der Gewissheit aufwächst, dass Europa mehr schadet als nützt, wird seine Meinung später kaum ändern. Er wird auf dem Wahlzettel gegen Europa wählen - egal, welcher politische Preis dafür zu bezahlen ist.

Wie Europa trotzdem noch zu retten ist?

Wir müssen endlich mehr über Ideen sprechen - und weniger über Versäumnisse. Nicht die Bankenrettung darf im Mittelpunkt der EU-Politik stehen, sondern Zukunftsprogramme, von denen junge Menschen in Europa schnell profitieren.

Das können Reformen starrer Arbeitsmärkte sein (Italien). Das können aber auch Investitionsprogramme sein (Griechenland und Frankreich). Beides würde den jungen Menschen eine Perspektive geben. Spanien zeigt, dass ein Wirtschaftsaufschwung, und sei er noch so klein, das Vertrauen in Europa wieder zurückbringt.

Immer wieder wurde ein grüner Marshall-Plan für Südeuropa diskutiert, bei dem vor allem junge, nachhaltige oder soziale Unternehmen gefördert werden. Warum nicht?

Wir müssen uns hinsetzen und all diese Vorschläge wieder auf den Tisch bringen! Die Zeit drängt.

Jedes Zögern kostet Europa mehr Kredit - bei den Jüngeren. Bei denen, die die Zukunft Europas sind.

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