POLITIK
05/07/2015 05:37 CEST | Aktualisiert 18/01/2016 14:29 CET

Grexit: Ökonomen warnen vor möglichem Griechenland-Ausstieg aus der Eurozone

Kurz vor dem entscheidenden Referendum in Griechenland hat sich eine Reihe führender internationaler Ökonomen zu Wort gemeldet. Während einige einen Grexit als Chance für das hochverschuldete Land sehen, warnen andere vor den möglicherweise verheerenden Folgen eines Ausstiegs aus der Eurozone.

  • Der US-Währungsexperte Barry Eichengreen von der Universität Berkeley in Kalifornien sieht im Falle eines Grexit viele Fragezeichen. “Ein Abschied Griechenlands aus der Währungsunion würde das Land vor eine Zerreißprobe stellen und eine noch stärker schrumpfende Wirtschaft sowie Inflation auslösen”, warnt er gegenüber der „Welt am Sonntag“. “Das Chaos würde noch für sehr lange Zeit, vermutlich über Jahre, bestehen. Ein Grexit würde den Zusammenhalt der Währungsunion schwächen und noch anfälliger für künftige Krisen machen. Das nächste Mal, wenn ein Land einen wirtschaftlichen Schock erleidet, dürften Investoren deutlich schneller als bisher den Notausgang suchen.”

  • Noch deutlicher wird Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und früherer EZB-Ökonom. Aus seiner Sicht würde der Grexit sogar zu einer noch tieferen humanitären Katastrophe führen. Und auch für Deutschland und Europa sei dies die schlechtestmögliche Option, da in diesem Fall noch weniger Kredite zurückgezahlt und damit noch höhere Kosten auf die deutschen Steuerzahler zukommen würden. Fratzscher warnt daher davor, die Fehler der Lehman-Pleite vom September 2008 zu wiederholen und die Gefahr einer Ansteckung kleinzureden. “Wir alle - Griechen, Deutsche, alle Europäer - profitieren stark von der gemeinsamen Währung", sagte er dem Blatt.

Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat vor den negativen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone für das Ansehen der Europäischen Union gewarnt. "Selbst wenn wir eine solche Entwicklung finanz- und währungspolitisch bewältigen können, wäre das Signal eines Grexit an die Länder außerhalb der EU verheeren", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag".

Andere Ökonomen sehen den Grexit als einzige politische Lösung, um Griechenland wieder eine Chance zur Rehabilitation zu geben:

  • “Solange Griechenland in der Eurozone ist, wird es zu erheblichen Spannungen kommen. Politische Konflikte und wirtschaftliche Probleme sind programmiert”, sagt etwa Kai Konrad, Direktor am Max-Planck-Institut für Steuerrecht und Öffentliche Finanzen. “Die griechische Wirtschaft würde sich viel besser entwickeln können, wenn das Land nicht im Euroraum ist.” In den letzten Jahren hätten die Verhandlungen um Kredite und Transfers die Politik in Griechenland dominiert. „Nach dem Ausstieg könnte das Land sich wieder darauf konzentrieren, die Weichen für eine wirtschaftliche Gesundung zu stellen”, so Konrad.

  • Für Clemens Fuest, Präsident des Mannheimer Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und designierter Nachfolger von Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, setzt die Mitgliedschaft im Euro zudem voraus, dass ein Land grundlegende Spielregeln einhält. “Mit der aktuellen Regierung und den bestehenden institutionellen Defiziten ist Griechenland außerhalb der Eurozone besser aufgehoben. Wenn Institutionen und Politik sich ändern, kann das Land zurückkehren”, sagt er.

  • “Eine kluge und gleichzeitig starke Regierung könnte versuchen, den Abschied aus dem Euro dazu zu nutzen, um Griechenland wieder auf die Beine zu stellen“, urteilt etwa Peter Bofinger, der Wirtschaftsprofessor in Würzburg ist und Mitglied des Sachverständigenrates. „Wenn allerdings Athen der Versuchung nicht widerstehen kann, die Pensionen zu erhöhen und mehr Staatsbedienstete einzustellen, um die extrem hohe Arbeitslosigkeit und die wachsende Armut der Bevölkerung zu bekämpfen – dann ist das Risiko groß, dass der Austritt aus dem Euro in einer Hyperinflation endet.”

Auch Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem hatte zuletzt die Möglichkeit eines Ausscheidens der Griechen aus der Eurozone ins Spiel gebracht, sollten die Bürger des Landes bei dem Referendum gegen die Sparforderungen stimmen.

Bei einer "Nein"-Stimme gebe es nicht nur keine Basis für ein neues Hilfsprogramm, "sondern dann ist es sehr fraglich, ob es überhaupt eine Basis für Griechenland in der Eurozone gibt", sagte er am Donnerstag im Parlament in Den Haag.

"Das ist die fundamentale Frage, um die es tatsächlich geht." Ein Ausstieg eines Landes aus dem Euro ("Grexit") ist rechtlich allerdings nicht vorgesehen. Dijsselbloem sprach von einer "äußerst ernsten" Lage.

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