POLITIK
03/07/2015 09:38 CEST | Aktualisiert 03/07/2015 10:48 CEST

Politiker fordern Wegwerf-Verbot für Supermärkte (HUFFPOST-EXKLUSIV)

Thinkstock

In Frankreich ist es schon Gesetz: Große Supermarktketten dürfen unverkaufte Lebensmittel nicht mehr vernichten. Stattdessen müssen die Märkte das unverkaufte Essen nun spenden oder Bauern zukommen lassen, die ihre Tiere damit füttern.

Ein wichtiger Schritt – angesichts von Millionen Tonnen an Lebensmitteln, die jährlich auf dem Müll landen.

Und ein Vorbild für Deutschland? Das könnte gut sein, denn Politiker verschiedener Parteien fordern nun in der Huffington Post ein Wegwerf-Verbot.

Karin Binder, ernährungspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag:

"Ein Wegwerf-Verbot von Lebensmitteln im Handel halten wir für dringend erforderlich. Ein Drittel der Lebensmittel in Deutschland landen auf dem Müll. Der Lebensmittelhandel ist für ein Viertel dieser Lebensmittelverschwendung verantwortlich. Der Handel ist deshalb zu verpflichten, nicht verkaufte genießbare Waren an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gemeinnützige Einrichtungen oder interessierte Einzelpersonen kostenfrei weiterzureichen."

Nicole Maisch, die Sprecherin für Verbraucherpolitik der Grünen, sagt:

"Die Lebensmittelverschwendung in Deutschland ist ein Riesenproblem. Dass die französische Regierung handelt und konkrete Vorgaben zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung trifft, ist ein erster Schritt und mehr als die deutsche Bundesregierung macht."

Maisch kritisiert die Bundesregierung: "Statt weiter rumzueiern, muss Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) eine Gesamtstrategie gegen die Lebensmittelverschwendung vorlegen. Dazu gehören konkrete Zielvereinbarungen mit der Wirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Landwirtschaft über den Einzelhandel sowie Kantinen und Caterer – wie viel bis wann reduziert werden soll."

Ganz so schlimm, wie es möglicherweise den Anschein macht, ist die Situation in Deutschland aber nicht. Schon jetzt geben Supermärkte einige ihrer nicht-verkauften Lebensmittel ab – oder stehen dem offen gegenüber.

Serra Esatoglu, Kommunikationsbeauftragte der Aldi Einkauf GmbH, sagt:

"Wir stehen der Lebensmittelverteilung sowie der Zusammenarbeit mit den Deutschen Tafeln grundsätzlich offen gegenüber. Viele unserer Regionalgesellschaften geben überzählige Waren regelmäßig an die örtlichen Tafeln ab."

(Lesen Sie nach dem Video weiter)

Einkauf im Internet: Schwachsinn oder super Service: Lohnt sich der Kauf im Online-Supermarkt?

Andreas Krämer, Sprecher der Rewe Group:

"Das Gros der nicht verkauften-Lebensmittel stellt Rewe seit 1996 kostenlos den bundesweit rund 900 lokalen Tafel-Initiativen zur Verfügung. Das gilt für Lebensmittel, die nicht mehr verkauft, aber dennoch bedenkenlos verzehrt werden können. Das ist beispielsweise der Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum zeitnah abläuft, oder der Apfel mit einer Druckstelle."

Es tut sich also schon etwas, das bestätigt auch der Bundesverband Deutsche Tafel. Aber es tut sich eben noch lange nicht genug. Das lässt sich möglicherweise durch Verbote ändern – oder aber durch einen Sinneswandel bei den Verbrauchern.

Joachim Pfeiffer, wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, findet:

"Es ist ein alarmierendes Signal, dass jedes Jahr in Deutschland elf Millionen Tonnen Lebensmittel in der Mülltonne landen. Dafür sind allerdings nicht nur die Supermärkte verantwortlich. Für den Hauptanteil an den Lebensmittelabfällen sorgen die Verbraucher. Was wir brauchen, sind nicht noch mehr Verbote, sondern eine Kultur der Nachhaltigkeit und eine Bewusstseinsänderung. Hier ist jeder in der Lebensmittelversorgungskette gefragt – Handel und Industrie ebenso wie Verbraucher."

Nicht nur für die Politik, sondern auch für den Handel und die Verbraucher kann Frankreich übrigens zum Vorbild werden.

Denn die Franzosen haben mit landesweiten Initiativen bewiesen, dass nicht einmal ein Gesetz brauchen, um bewusster mit Essen umzugehen. Anfang 2014 startete die große französische Supermarktkette Intermaché eine Werbekampagne, die über die Landesgrenzen hinaus für viel Zustimmung und Echo sorgte. Darin priesen sie die "les fruits & légumes moches" an - "hässliches Obst und Gemüse".

Mit der Kampagne wollte Intermaché ein Bewusstsein bei seinen Kunden schaffen, dass Auberginen, Karotten, Äpfel und Co. genauso gut schmecken, wenn sie kleine Makel haben, und deshalb nicht in der Tonne landen dürfen, wie das mit so vielen nicht-perfekten Früchten passiert.

Ja, auch das wäre etwas für Deutschland.

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Video: Supermarkt der Zukunft: Kaufen wir bald bei Lidl und Co. so ein?


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