POLITIK
02/07/2015 07:19 CEST | Aktualisiert 02/07/2015 12:07 CEST

Rechte Gewalt: Viel mehr Opfer als angenommen

Emil Wendland ist einer von ihnen. Einer von neun. Neun Menschen, die das Land Brandenburg nun in der offiziellen Statistik von Todesopfern rechter Gewalt führt. Bislang fehlten diese Opfer in der Statistik.

Emil Wendland wurde 50 Jahre alt. Zwei junge Männer prügelten auf ihn ein, zerschlugen eine Bierflasche auf seinem Kopf und rammten ein Messer sieben Mal in seinen Körper. "Wenn wir rechts Orientierten uns nicht um so etwas kümmern, tut es keiner", sagte einer der Täter vor Gericht. "Sowas": Damit meinen die Schläger, dass Wendland obdachlos war. Sein Tod wurde zuerst als nicht politisch motiviert eingestuft. Zu Unrecht, wie jetzt das Land Brandenburg eingestanden hat.

Viel mehr Todesopfer rechter Gewalt

Die Statistik muss korrigiert werden. Seit dem Jahr der Wiedervereinigung hat die Bundesregierung 64 Todesopfer rechter Gewalt gezählt. Doch diese Zahl ist viel zu niedrig angesetzt.

Viel zu niedrig! Wie das Magazin "Stern" in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, haben die Journalisten Heike Kleffner und Frank Jansen sogenannte Altfälle recherchiert und dabei mindestens 152 Mordfälle gefunden, die mit rechtem Hintergrund eingeordnet werden müssten.

Altfälle werden neu untersucht

Auch die Behörden haben reagiert. Mittlerweile untersucht auch das Moses Mendelssohn Zentrum der Universität Potsdam im Auftrag des Brandenburgischen Innenministeriums alte Kriminalfälle auf rechte Tatmotive. Seit der Wiedervereinigung wurden in Brandenburg offiziell neun solcher Fälle registriert. Doch wie die Recherchen des "Stern" zeigen, könnten es sogar 33 Fälle mit rechtsextremistischem Hintergrund sein.

Reaktion auf rechte Gewalt. Die Untersuchung in Brandenburg ist eine der Konsequenzen aus den Enthüllungen des NSU-Skandals - das Ministerium in Potsdam hat mittlerweile neun Fälle neu eingestuft.

Auch andere Bundesländer haben Untersuchungen alter Akten angeordnet. Unter anderem hat Sachsen-Anhalt im Rahmen eigener Ermittlungen drei Fälle nachgemeldet. Doch Brandenburg ist bislang das einzige Bundesland, das eine unabhängige Kommission zur Untersuchung der Altfälle einberufen hat. Ein trauriges Vorbild, aber immerhin ein Vorbild.

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