WIRTSCHAFT
01/07/2015 10:23 CEST

Gewalt, Brutalität, Ausbeutung: Das ist der Lohn, den viele Arbeiter bekommen

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Gewalt, Brutalität, Ausbeutung: Das ist der Lohn, den viele Arbeiter bekommen

Seit einem halben Jahr gilt in Deutschland der gesetzliche Mindestlohn. Deutschland, Traumland für Arbeiter?

Ja. Für die, die starke Gewerkschaften im Rücken haben. Aber ein Albtraum für die, die niemanden haben, der ihnen hilft, die Regeln durchzusetzen.

Der Deutschlandfunk berichtet an diesem Mittwoch von einem besonders krassen Fall.

47 Jahre alt ist der Mann, der Liviu genannt wird. Er erzählt, wie er bis zu sieben Tage die Woche geschuftet hat, bis zu 15 Stunden am Tag. Für 500 Euro netto pro Monat. Seine Frau und sein Sohn haben das Gleiche getan. Bis es einfach nicht mehr ging.

"Meine Frau konnte nicht mehr, sie hat es nicht mehr geschafft zur Arbeit zu gehen, vor Erschöpfung. Sie ist um 4 Uhr losgefahren morgens, um 5 Uhr hat die Arbeit angefangen, um 22 Uhr ist sie nach Hause gekommen, und um 4 Uhr musste sie wieder aufstehen."

Die Familie hat für eine dubiose Fleischfirma in Recklinghausen gearbeitet. "Das Hühnerfleisch, das wir hier verarbeitet haben, war in einem unvorstellbaren Zustand. Es war verdorben, es hat gestunken. Meine Frau hat sich an dem Fleisch infiziert“, sagt Liviu.

Die Familie hat die Kündigung bekommen, nicht aber ihr Geld. Als er es einforderte, hat ihn ein Freund gerettet. Sonst hätten Aufseher des Fabrikanten Liviu zusammengeschlagen.

Noch ein Beispiel gefällig?

Hunderte Arbeitsstunden arbeiteten Männer auf dem Bau. Mit 1400 Euro pro Monat wären sie schon wirklich glücklich gewesen. Nur lief es auf 68 Cent Stundenlohn hinaus. Einer von den Ausgebeuteten ist Nistor Danut, er ist abgemagert, wird inzwischen von der Münchner Tafel versorgt. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte über den Irrsinn berichtet.

Aber da hört es noch lange nicht auf.

Die „Zeit“ berichtet von einer „Geisterarmee“ an Arbeitern, die in einer gigantischen Schlachtanlage in Niedersachsen arbeitet. Die Arbeiter schlafen im Wald, „wie Wilde Tiere“. 600 Euro haben sie pro Monat verdient, wenn es gut lief. Sie berichtet von einer Arbeiterin, die sich gegen sexuellen Missbrauch wehrte, und jetzt besonders schwer arbeiten muss.

Oft sind es ausländische Arbeiter, die mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockt werden, von Deutschen, aber auch von Ausländern, die hier bereits Fuß gefasst haben.

Die Medien berichten von dubiosen Konstrukten mit Subunternehmern, von Schmiergeldzahlungen, von nächtlicher Arbeit. Nachts sind die Kontrollen geringer.

Es ist keine Frage: Die Unternehmer, die diesen Menschenhandel, diese Ausbeutung organisieren oder auch nur dulden, sind ein Fall für die Gerichte.

Klar ist aber auch: Solange der Rechtsstaat die Einhaltung der Gesetze nicht überwacht, macht er sich mitschuldig. Es geht dabei um Menschenwürde - aber auch um Millionen Euro Steuern, die dem Staat entgehen.

Aber der Staat reagiert: An bestimmten Brennpunkten stockt der Zoll das Personal auf, wie in Ostdeutschland, im Ruhrgebiet, Nordrhein-Westfalen.

Trotzdem warnt die Gewerkschaft der Polizei, dass sie flächendeckend derzeit den Mindestlohn nicht kontrollieren kann.

Natürlich lassen sich Kontrolleure nicht aus dem Hut zaubern. Aber es drängt sich der Verdacht auf, dass der politische Druck fehlt, um dem neuen Gesetz auch dessen Umsetzung folgen zu lassen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass da eine Lobby von Unternehmern mehr Gewicht hat als misshandelte Menschen.

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